Diese Frau hilft Menschen beim Sterben

Sa, 26. Mär. 2016

Eigentlich wollte Sie sich zur Ruhe setzen, aber unzählige Fragen und Anliegen von Ratsuchenden und verzweifelten Menschen haben Anita Lanz dazu bewogen ihre Arbeit fortzusetzen. Ein persönliches und bewegendes Interview. Unser Artikel des Monats jetzt in voller Länge online unter www.wynentaler-blatt.ch.

 

Im Grunde wollte sie sich zurücknehmen, beruflich kürzer treten. Doch es ist anders gekommen. Die unzähligen Fragen und Anliegen von Ratsuchenden und verzweifelten Menschen haben Anita Lanz, eine ausgewiesene Palliativ- und Onkologiefachfrau, bewogen, wieder aktiv zu werden. «Manchmal hilft allein schon die Möglichkeit weiter, mit jemandem über ein Problem oder eine belastende Lebenssituation zu sprechen»: Anita Lanz, die diplomierte Pflegefachfrau mit schwedischen Wurzeln, weiss genau, von was sie spricht. Im Vordergrund stünde dabei oftmals das unverkrampfte, ganz einfache Gespräch. Ein pragmatischer Gedankenaustausch, der nicht zwingend auf einen therapeutischen Ansatz hinauslaufen müsse.

Während vieler Jahre erarbeitete Anita Lanz in Zusammenarbeit mit dem Regionalspital Menziken ein umfassendes Konzept für Palliative Care. Darunter versteht man die respektvolle und vor allem schmerzfreie Pflege von Krebskranken und schwerstkranken Menschen – unter Umständen bis zur Sterbebegleitung. Mit dem Ziel, den Betroffenen bis zum Lebensende eine bestmögliche Daseinsqualität zu ermöglichen. Auf dieser sensiblen, weil emotionalen Ebene, aber auch in Kernfragen rund um die Onkologie und Betreuung von Krebspatienten, verfügt Anita Lanz über einen reichen Erfahrungshintergrund. Dieses (Fach-)Wissen will sie ratsuchenden Menschen in in ihrer Praxis in Reinach weitergeben.

«Beim Abschied von dieser Welt können die unnahbarsten
Menschen zu liebenswürdigen, lammfrommen Wesen werden.»
(Anita Lanz und ihre Beobachtungen an der Schwelle zwischen Leben und Tod)

Anita Lanz, Sie sind der schlagende Beweis dafür, dass man auch nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Berufsleben noch wertvolle Arbeit leisten kann. Woher nehmen Sie die Motivation?

Amita Lanz: «Nun, das Erreichen der AHV-Altersgrenze bedeutete für mich nie «Aus, Amen und Feierabend». Im Gegenteil: Ich fühlte mich aufgrund von unzähligen Rückmeldungen aus meinem weitreichenden Beziehungsnetz geradezu verpflichtet, den Faden weiterzuspinnen und gewissermassen da weiterzufahren, wo ich beruflich offiziell einen Schlusspunkt gesetzt hatte. Die Motivation ist schnell erklärt: Es sind die Menschen und ihre Schicksale, die mich faszinieren und beschäftigen.»

Als Onkologiefachfrau werden Sie häufig auch mit dem Sterben konfrontiert. Wie sieht Ihr persönliches Verhältnis zum Tod aus?

Lanz: «Wir Menschen werden alle nackt geboren und wir sterben auch nackt – ohne jegliche Beigaben. Zwischen diesen beiden Lebenspolen liegen extreme Veränderungen und Prozesse. Doch genau so wie ein Kind geboren wird, so wird mit dem letzten Atemzug gewissermassen auch die Seele «geboren». In solchen Momenten macht sich eine ganz besondere Stille breit, die man auch als «heilig» bezeichnen könnte. Eindrückliche, nachhaltige Momente, die unabhängig von jeder Religion oder konfessionellen Zugehörigkeit eine enorme emotionale Dichte aufweisen – kurz etwas Einmaliges, Grossartiges, ja Universelles darstellen.»

Ängste, Beklemmung oder gar Hilflosigkeit kennen Sie nicht, wenn Sie mit dem Tod konfrontiert werden?

Lanz: «Doch, solche Ängste kenne ich ebenfalls. Eine gewisse Hilflosigkeit greift vor allem dann Raum, wenn Angehörige eines Sterbenden zerstritten sind. Der todgeweihte Mensch wartet dann oftmals auf den Prozess der Versöhnung, den er selber längst vollzogen hat. Wenn die Gegenseite jedoch die Hand nicht reicht – aus welchen Gründen auch immer, dann bin auch ich nicht mehr in der Lage, meine Gefühle zu steuern. In solch belastenden Momenten fühle ich mich ebenfalls sehr hilflos.»

Das grossartige Erlebnis des endgültigen Abschiednehmens ist somit primär eine Frage des Glaubens?

Lanz: «Ich würde in diesem Zusammenhang von einem existenziellen Glauben sprechen. Jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Auffassungen, wie er seinen Glauben leben will. Er hat auch das Recht dazu. Niemand von uns ist legitimiert, in solch heiklen Fragen an anderen Menschen einen moralischen Massstab anzulegen. Das gilt auch dann, wenn jemand «Exit» wählt. Niemand von uns hat das Recht, dieser Person oder ihren Angehörigen noch Schuld aufzulegen, da ein solcher Entschluss in sich eine sehr schwere Entscheidung für alle darstellt.»

«Meine innerste Überzeugung ist, dass man den Schwächeren immer helfen soll.
Kindern,alten und kranken Menschen genauso wie den leidenden Tieren.»
(Anita Lanz misst diesem Aspekt ihrer Lebensphilosophie ein ganz besonderes Gewicht bei)

 

Weshalb blendet unsere Gesellschaft den Tod immer wieder konsequent aus und verdrängt das Sterben mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln?

Lanz: «Sehen Sie, heute passiert vieles, um nicht zu sagen alles am Bildschirm,am Computer.Man glaubt, per Mausklick für jedes noch so komplexe Problem eine Lösung zu finden. Solche Reflexe sind vor dem Hintergrund der existenziellen Angst zu sehen, die sich nicht selten auch mit Hilflosigkeit umschreiben lässt. Die jungen Menschen werden meistens deshalb nicht mit dem Tod konfrontiert, weil wir Älteren das Thema nicht zulassen oder verdrängen. Wenn es dann soweit ist, sind wir alle völlig hilflos. In solchen Phasen ist es um so wichtiger, dass man nicht in panische Muster verfällt, sondern sich der Situation stellt – mit allen negativen und positiven Begleiterscheinungen.»

Tod heisst immer auch endgültiger Abschied und Verlust? Wann wurden Sie zuletzt von einem ganz persönlichen, prägenden Schicksal dieser Art eingeholt?

Lanz: «Als Palliative-Onkologie-Schwester habe ich zwangsläufig eine eigene Biographie und damit auch einen anderen Bezug zum Sterben.Dennoch ist meine Befindlichkeit nicht anders geworden als bei den meisten Menschen. Als ich als Onkologie-Spitexschwester zum ersten Mal eine junge Mutter mit einem zweijährigen Töchterchen betreute, holte mich mein eigenes Trauma, als ich mit zwei Jahren meine Mutter verlor, ganz dramatisch ein. Ich weinte ständig und wollte fliehen, indem ich der Familie den Vorschlag machte, eine Kollegin zu engagieren. Die Familie und der Hausarzt baten mich gerade deswegen, weil ich selber diese Erfahrung gemacht habe, zu bleiben. Etwas, was ich nicht bereut habe.»

Wie erleben Sie als Palliative-Fachfrau die sterbenden Menschen?

Lanz: «Nicht wenige Sterbende machen, wie eingangs erwähnt, vor der «Geburt » ihrer Seele einen tiefgreifenden Prozess durch. Das Schönste in meinen Augen ist: Beinahe in allen Fällen finden Sterbende ihre innere Ruhe. Im Begleitungsprozess bringe ich häufig den Vorschlag ein, einen Seelsorger beizuziehen. Der Grund liegt darin, dass die heute sterbende Generation mit der Kirche aufgewachsen ist und zum Glauben sowie zur Institution selber einen mehr oder weniger intakten oder sogar engen Bezug hat.»

Was sagen Sie Eltern, die am Grab ihres Kindes stehen – oder einer Mutter oder einem Vater, wenn eine Tochter oder ein Sohn gestorben ist?

Lanz: «Sich von den eigenen Kindern verabschieden zu müssen, ist vermutlich die emotionale Höchststrafe. Für derart tragische Schicksale gibt es wirklich (fast) keine Worte. Der Verlust eines Kindes ist der Verlust eines Teils von dir selber – du stirbst folgedessen einen kleinen Tod. BeimPartner ist das etwas anderes. Der Mann oder die Frau kommt etwas vereinfacht ausgedrückt «von der Seitenlinie». Der Bezug ist somit weniger direkt und frontal. Ein Kind hingegen ist Teil von dir. Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Die Kinder sind der Spiritualität und der «anderen Welt» bedeutend näher als wir Erwachsenen!»

«Der Tod der eigenen Kinder ist vermutlich die emotionale Höchststrafe.»
(In solchen Momenten fehlen selbst Anita Lanz die passenden Worte)

Könnten Sie sich vorstellen, dass die Lebensuhr bereits bei der Geburt eines Menschen gerichtet und gestellt wird?

Lanz: «Daran glaube ich vorbehaltlos und absolut. Zwar bin ich nicht ganz sicher, ob der Mensch in Situationen geraten kann, in denen er noch die Wahl hat und irgend einer Intuition folgen muss oder kann. Was meine Person betrifft, so entging ich beispielsweise einer Lawine. Je nach Standort kann man nun sagen: Mir fehlte damals die Intuition oder ich hatte sie eben. Deshalb lebe ich heute noch.»

Wie lernen wir, mit dem «Gespenst» Tod, der mit seiner finalen Folgen ja oftmals auch eine Erlösung sein kann, richtig umzugehen?

Lanz: «Der Dramaturg und Schriftsteller Paul Kornfeld erwähnt in seinem Buch «Das weise Herz» über buddhistische Psychologie, dass fast alle Philosophen am Anfang und am Ende ihres Lebens sich mit dem Tod auseinandersetzen. Mit dem Ausharren am Sterbebett tauchen wir zwangsläufig in sehr emotionale Gefühlswelten ein. Will heissen: Alles, was wir nicht kennen, macht uns zuerst einmal Angst.Das ist eine durchaus erklärbare, existenzielle Angst, wie wir sie auch von der Flüchtlingswelle her kennen.»

Müsste folgedessen ein Umdenken stattfinden und der Tod schon von Anfang an ins Lebensbild eingebaut werden?

Lanz: «Das dürfte schwierig werden, denn unser Lebensstil sagt uns: Alles ist möglich und folgedessen machbar. Aber wir müssen uns eingestehen: das Leben ist nun mal begrenzt und somit endlich! Wir sollten uns deshalb alle mit dem Gedanken anfreunden, dass es einmal anders kommt … früher oder später. Dieser Konfrontation sollten wir wenn immer möglich nicht ausweichen, sondern uns ohne Angst und Bitterkeit damit auseinandersetzen. Praxis für Beratung und Begleitung in schwierigen Lebenssituationen: Anita Lanz, Dip. spez. Pflegefachfrau. E-Mail anitalanz@ bluewin.ch oder 079 321 52 26.»

Was bedeutet Palliative Care?
Palliative Care ist der Oberbegriff für alle Bereiche der Versorgung unheilbar Schwerkranker und Sterbender, wie beispielsweise die Palliativmedizin und -pflege sowie die Hospizarbeit. Im Zusammenhang mit schwer kranken Menschen begegnen wir den Begriffen Palliativmedizin, Palliativpflege, Sterbebegleitung oder Hospiz. Alle diese Begriffe sind Teil der «Palliative Care». Darunter versteht man alle Massnahmen, die das Leiden eines unheilbar kranken Menschen lindern und ihm so eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende verschaffen. Anita Lanz (siehe nebenstehendes Interview) hat langjährige spitalinterne und -externe Erfahrung in der palliativen Beratung sowie im Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

 

Dieses Interview führte WB-Redaktor Martin Suter. Der Artikel ist in der gedruckten WB-Ausgabe vom 9. März 2016 erschienen und darf nicht ohne Zustimmung des Verlags und nicht ohne Quellenangabe verbreitet werden.

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