Sondermüll in Kölliken: Alles ist gut

So, 05. Jul. 2015

Es stinkt zwar noch in der Halle über der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK), aber Gift gibt es dort keines mehr. Kölliken stand im Zentrum der Medien und es war schwierig, an der Neuigkeit vorbei zu kommen. Doch schnell wird alles vergessen sein, die Halle bleibt ja noch drei Jahre. Ist aber auch alles gut?

 

Gemeindeammann Fredy Gut nahm den Rummel um seine Person und dem «Meilenstein», den er und die Gemeinde Kölliken erreicht haben, gelassen. Er sprach ruhig in die zahllosen Mikrofone, die man ihm entgegen streckte, erinnerte an die vielen Sitzungen, den enormen Aufwand für die Gemeinde und wiederholte eines immer wieder: «Endlich können die Kölliker aufatmen.» Bis auf der grünen Wiese jedoch wieder Kühe weiden, dauert es noch einWeilchen. «Erst Anfang 2019 wird die Halle abgebaut» relativiert er. «Bis alles wieder so ist wie vorher, dauert es noch weit über das Jahr 2020 hinaus.» Was aus dem Gelände wird, da sei er aber die falsche Ansprechperson, sagt Gut: «Ich wundere mich, warum mich das immer alle fragen. Das Land gehört nicht der Gemeinde, sondern der SMDK». Nur soviel ist klar: Noch während die Halle steht, wird das Loch im Hügel mit sauberem Erdreich aufgefüllt, vielleicht aus dem Eppenberg, wenn dort zeitgleich ein Tunnel durch den Berg gegraben wird.

Die wirtschaftlichen Folgen

Die Halle und damit das Mahnmal bleibt also noch mehr als drei Jahre stehen. Der Grund dafür ist, dass der Boden nach wie vor stinkt und diesen Geruch auch nicht mehr los wird. Durch das Auftragen der neuen Erdschicht hinter geschlossenen Türen bleibt Kölliken vom üblen Geruch verschont. Neben den optischen und geruchlichen Aspekten, hat das Ende der Säuberung auch wirtschaftliche Folgen: So gehen vor Ort 50 Arbeitsplätze verloren und weitere fünfzig Stellen dürften bei den Zuliefer- und Transportfirmen gestrichen werden. Auch der Besucherstrom (Gruppenführungen sind ab 120 Franken zu haben) führte bisher zu beträchtlichen Einnahmen. Im letzten Jahr interessierten sich 4000 Personen für die Grabungen, in Spitzenjahren waren es sogar gegen 13’000. Was man auch nicht vergessen darf: Von den 990 Millionen Franken, die seit 1987 für die Sanierung aufgewendet werden mussten, flossen einige in die Wirtschaft zurück: Nicht nur für Löhne, auch für Bauten, Umbauten, hochspezialisierte Gerätschaften und Ausrüstungen. Moralisch mag man den Kopf über eine solche Rechnung schütteln – und doch: Unfälle, Missgeschicke, Krankheiten, Kriege und Sünden wie die Sondermülldeponie,waren und sind seit je her Triebfedern der Wirtschaft. Als letzter Akt wird das im Besitz der SMDK befindliche Landstück schliesslich verkauft und die Firma aufgelöst.

Es bleibt noch viel Arbeit

Seine Stelle verlieren wird dabei auch Uerkheims Gemeindeammann Markus Gabriel «Ich arbeite seit 15 Jahren für die SMDK», blickt er zurück. «Als ich hier startete, war noch nicht klar, dass die Deponie zurückgebaut wird. Ich begann im Betriebslabor mit der Kontrolle des Umfeldes und der Abwasserreinigungsanlage.» Erst im Jahr 2007, als der Rückbau effektiv startete, hat sich seine Arbeit geändert: «Ich wurde Gefahrgutbeauftragter und chemische Fachkraft. Das heisst, ich kontrolliere mit zwei Kollegen den Rückbau an vorderster Front.» Nach den Sommerferien werden in der SMDK neue Geräte zum Einsatz kommen, mit denen Gabriel das Umfeld und das Sickerwassers analysieren wird. Für die nächsten Jahre bleibt also noch viel Arbeit; aktiv auf Stellensuche müsse er deshalb noch nicht gehen. Gabriel hat schon viel erlebt in der Mülldeponie. Wenn man ihm zuhört, spürt man dieVerbundenheit zum Projekt. Er erwähnt den Brand im Jahr 2008, aber auch unerwartete Funde wie eine zum Glück unscharfe Granate. Und er besitzt das Wissen, etwas Gutes tun zu können. Dann zückt er sein Handy und zeigt zwei beeindruckende Momente, die er bildlich festgehalten hat und dem Wynentaler Blatt freundlicherweise zur Verfügung stellt: Auf dem einen Bild gleitet die Morgenröte über das Dach der Deponie und legt sie in ein gleichermassen beeindruckendes wie bedrohliches Licht. Auf einem zweiten Bild sieht man, wie die Sonne zart und doch unbeugsam erste Strahlen auf den kontaminierten Boden wirft, als wollte sie ihren Besitzanspruch anmelden. Manchmal erzählen Bilder mehr als tausend Worte.

(Remo Conoci)

Kommentar von WB-Redaktor Remo Conoci

Gibt es ein Fazit, das nach dem Erreichen des «Meilensteins» gezogen werden kann? Bevor man nun urteilend den Mahnfinger hebt und alles verteufelt, was damals gemacht wurde, muss man das Wissen von heute ausblenden und sich in die Lage der Menschen von damals versetzen. Man glaubte mit einer Sondermülldeponie alle Probleme zu lösen,man glaubte sogar, ein Vorzeigemodell erschaffen zu haben. Danach «googlen » und sich bedrohliche Zahlen vor Augen führen konnte man damals nicht. Normalbürger ebenso wenig wie Entscheidungsträger. Und die, die etwas wussten, konnten die Welt und die Menschen und damit die Natur so verbiegen wie es gerade passte. Schliesslich wollte die Mehrheit der 4 Milliarden Menschen auf der Welt alles haben – und was ging, wurde gemacht.

Vierzig Jahre später hat sich daran nichts geändert. Nur die Produktionsmöglichkeiten wurden noch vielfältiger und die Zahl der Erdbewohner hat sich verdoppelt. Immerhin können aber viele dieser Menschen heute «googlen» und als Spezies hat der Mensch seither dazugelernt.Das Unwissen anderer ist kein Machtinstrument mehr. Das Volk ist aufgeklärt und kann sich wehren. So geschehen in Kölliken. Das Fazit muss also lauten: Einer der Fehler wurde ausgebügelt, doch muss man daraus lernen. Es gibt noch viele Fehler ähnlicher und ganz anderer Natur, die der Mensch gemacht hat und nach wie vor macht. Diese zu beheben nimmt wohl noch 2000 Jahre in Anspruch. Und erst dann wird man sagen können: «Alles ist gut».

Was man sich nämlich auch vor Augen führen muss: Aus der Sicht der Natur ist die Anwesenheit der Menschheit in Anbetracht der Ewigkeit nur ein Wimpernschlag. Und der Mensch kann die Natur nur so lange biegen, ausnützen und wieder reparieren, wie er sich selber genug Luft zum Atmen lässt. Wenn er irgendwann verschwunden ist – und glauben Sie mir, das wird er – gewinnt die Natur sowieso. Für den Moment dürfen die Menschen wenigstens in und um Kölliken noch einmal aufatmen, die Sache mit der Sondermülldeponie ist gerade nochmal gut gegangen. Mehr nicht.

 

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