«Habe einen grossen Vorrat Mayonnaise eingepackt»
05.02.2026 Unterkulm«Auf und davon», «Abenteuer Auswandern», «Adieu Heimat». Es gibt viele TV-Formate, die den Aufbruch ganzer Familien in ein fernes Land mit vielen Emotionen und Drama dokumentieren − und wenn das Unternehmen scheitert, um so besser. Jean-Urs und Steffi Riedweg ...
«Auf und davon», «Abenteuer Auswandern», «Adieu Heimat». Es gibt viele TV-Formate, die den Aufbruch ganzer Familien in ein fernes Land mit vielen Emotionen und Drama dokumentieren − und wenn das Unternehmen scheitert, um so besser. Jean-Urs und Steffi Riedweg aus Unterkulm brechen auch in ein fernes Land auf, einfach etwas ruhiger.
«Ja, wir hatten Anfragen von Film und Fernsehen» lacht Jöly während einem letzten Mittagessen in der Schweiz, welches in der «Kafichanne» in Unterkulm stattfindet, wenige Meter neben seinem alten Zuhause. Man kennt sich hier, Wirtin Andrea begrüsst «Jöly», wie ihn hier alle nennen, herzlich. «Aber weisst du, unser Leben ist keine Show. Heute habe ich die Schlüssel an die Mieter unseres Hauses abgegeben, dann habe ich noch ein paar Termine, und dann sind wir weg, auf und davon.»
Remo Conoci
Was einfach klingt, birgt freilich eine lange Vorgeschichte, angefangen beim Grund, warum Jöly das Land mit der ganzen Familie Richtung Schweden nach Vilhelmina in der nördlich gelegenen Provinz Västerbottens verlässt. «Meine Frau und ich sind gerne in Bewegung, wir wollen nicht auf unser Leben zurückblicken und denken, ‹ach hätten wir doch›. Als wir dann mit einer einfachen Google-Suche auf den Camping-Platz «Meselefors» im Süden Lapplands gestossen sind, wussten wir schnell, dass hier unser Leben weitergeht. Ich war wörtlich hin und weg».
Aber eben, so schnell ging es dann doch nicht. Den Wunsch, das Land zu verlassen, hegt Jöly schon einige Jahre. Nicht, weil es ihm in der Schweiz nicht gefiele. «Im Gegenteil, wir haben hier alles in unmittelbarer Nähe. Im Norden Schwedens ist alles etwas weiter weg.» Zuerst sollte es Kanada sein, wo man nur schwer eine Einreisebewilligung bekommt, dann kam Corona dazwischen, ehe es nach der Pandemie mit «Jöly’s Vermietung GmbH» steil bergauf ging. «Das war ein Riesen-Stress, alle wollten Veranstaltungen durchführen und wir hatten mit der Vermietung und der Technik extrem viel zu tun.» Auch diese ständige Überarbeitung habe schliesslich zum Entschluss geführt, den Schritt ins Unbekannte zu wagen.
Idylle ja, aber nicht alles ist idyllisch
Das strenge Leben hinter sich lassen? An einen Ort ziehen, wo es fast nur Wald, einen lauschigen Fluss und Ruhe pur gibt? Klingt idyllisch, doch der Auswanderer relativiert: «In der Hochsaison der Veranstaltungen arbeitete ich bisher für vier Personen, ich hoffe in Schweden nur noch für zwei arbeiten zu müssen», lacht er und ergänzt, dass das Leben auf dem erworbenen Camping-Platz kein leichtes ist, gerade jetzt, wo es noch viel einzurichten und zu reparieren gibt. «Wenn man sich TV-Formate ansieht, wird schon ziemlich viel Idylle gezeigt und die Vision von Freiheit und Unabhängigkeit vermittelt.» Aber alleine der Papierkrieg mit den Behörden, das Ausschulen der Kinder, und das Besorgen von Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen seien schon erste grosse Hürden gewesen. «Den Campingplatz, den wir gekauft haben, mussten und müssen wir zuerst auf Vordermann bringen, unser Wohnhaus restaurieren, die Bungalows modernisieren, die Stellplätze für die Camper attraktiver gestalten und die Villa hegen und pflegen.» Und das bei sehr kühlen Temperaturen. Was dabei hoffentlich mehr zum Tragen komme, sei die Familienzeit: «Die Kinder sind nur einmal so klein, wir machen das alles miteinander, als Familie.»
Im Sommer herrschen angenehme bis sommerliche Temperaturen
Im Norden Schwedens gibt es zwar auch eine touristische Wintersaison, aktuell ist es in der Nacht jedoch minus 27 Grad, tagsüber wird es immerhin milde minus 11 Grad. «Der Campingplatz ist ganzjährig geöffnet, acht Stellplätze mit Strom stehen zur Verfügung und auch einer der acht Bungalows ist buchbar.» Die Hochsaison ist jedoch im Sommer, wenn die Temperaturen über 25 Grad steigen und die Camper aus ganz Europa kommen. Das «Meselefors Camping», wie der 11 Hektaren grosse Platz seit vielen Jahren heisst, sei eher ein «Durchgangs-Campingplatz», auf dem Weg vom dichter bevölkerten Süden in den wunderbaren Norden. Das soll sich aber ändern: «Wir hübschen den Campingplatz auf und machen ihn zur Zieldestination, zudem steht den Touristen eine Villa zur Verfügung, mit Whirlpool und Sauna im Wohnzimmer, mit Alleinlage am See.» Jöly hofft, dass die verschiedenen Angebote den finanziellen Rückhalt bieten werden, den es für das Gelingen des Abenteuers braucht.
Die ganze Familie zieht mit
Als Einzelperson auszuwandern ist eine Sache, die ganze Familie mit Frau und drei Kindern vom Vorhaben zu überzeugen, eine ganz andere. Wie haben die Jüngsten den Umzug mitgemacht? «Der fünfjährige Elias vermisst nur die Schoggi-Joghurt», lacht der Unterkulmer. Dem «Grossen», Flavio (7), fehlen seine Gschpändli aus dem Kindergarten, während es für die Kleinste am einfachsten sei: «Janina spricht schon am besten Englisch und Schwedisch von uns allen.» Sprachlich würden sie sich vorerst mit Englisch durchschlagen, «in Schweden kann man sich so gut verständigen.» Besonders die Kinder, so rechnen die Eltern, werden die neue Sprache schnell lernen.
Und da ist ja noch Steffi, die Frau im Haus, die alle Stricke im Familienleben zusammenhält. Jöly ist voll des Lobes. «Hier in der Schweiz war sie mir immer eine Stütze im Büro und in unserer neuen Heimat ist sie einfach nur grossartig. Sie hält das Haus im Schuss, kocht für alle, schaut, dass die Kinder den Schulbus erwischen und managt das Unternehmen. In dieser Zeit bin ich meistens draussen, baue neue Unterstände für die Gäste, bringe das Haus in Ordnung, wir sind ein super Team!»
«Fleischbällchen sind gar nicht mal so populär»
Und weil er schon dabei sei sich zu bedanken, wolle er jene nicht vergessen, die er zurückgelassen hat. «Ich habe unzählige Kontakte in meinem Handy, alles Freunde, Kollegen und viele treue Kunden von ‹Jöly’s Vermietung›, bei denen ich mich bedanken will, denn sie haben es uns letztlich ermöglicht, unseren Traum zu verwirklichen.» Auch dass sein ehemaliger Mitarbeiter Roger Luginbühl das Geschäft übernommen hat und weiterführt, gehörte dazu, dass er, Jöly, und seine Familie ein neues Leben anfangen können.
«Ein neues Leben» klingt so endgültig, gibt es kein Zurück mehr? «Für den Moment ist es richtig so, wir fühlen uns wohl. Was die Zukunft bringt, wissen wir alle nicht, vielleicht ziehen wir weiter, vielleicht kommen wir zurück.» Er hoffe und arbeite darauf hin, dass es kein «Müssen» sein wird, « … und das Wynentaler Blatt dann eine Schlagzeile über das Scheitern machen muss», scherzt Riedweg. Dann verschlingt er den letzten Happen Schweizer Essen − und freut sich nun auf die leckeren «Köttbullar» die wir aus der IKEA kennen. «Lustigerweise sind die Fleischbällchen in Schweden gar nicht mal so populär», lacht Riedweg und versichert, er habe stattdessen einen grossen Vorrat Thomy-Mayonnaise für sich angelegt und Citterio Salami für seine Frau. Das Essen in Schweden sei eher einfach, da brauche es ein bisschen Schweizer Pep.
Dann verabschiedet sich der 39-Jährige endgültig, nimmt die Grüsse der «Kafichanne»-Wirtin an seine Familie mit, und wird sich nun ein Weilchen nicht mehr in der Schweiz blicken lassen. Wer die Reise in den Norden mit oder ohne Camper selber antreten möchte, findet alle Informationen unter www.meselefors.com/de/. Soviel sei versprochen: Das Wynentaler Blatt wird sich im Sommer erkundigen, wie es der Familie Riedweg, 2500 Kilometer nördlich von Unterkulm ergeht.





