«Neue Wohnungen entsprechen nicht einem 1:1-Wachstum»
26.02.2026 ReinachDer Artikel über die rege Bautätigkeit in Reinach von Anfang Februar im «Wynentaler Blatt», löste in den Kommentarspalten und Leserbriefen Reaktionen aus. Inwiefern die gelegentlich als Vorwürfe formulierten Wortmeldungen die Meinung in der Bevölkerung ...
Der Artikel über die rege Bautätigkeit in Reinach von Anfang Februar im «Wynentaler Blatt», löste in den Kommentarspalten und Leserbriefen Reaktionen aus. Inwiefern die gelegentlich als Vorwürfe formulierten Wortmeldungen die Meinung in der Bevölkerung tatsächlich abbilden, ist unklar. Gemeindeammann Jules Giger liess sich dennoch auf ein Gespräch zum Thema ein. Auch der Kanton Aargau weiss Neues zu berichten.
Über 600 Wohnungen entstehen bis 2030 allein in Reinach, auch in der Nachbargemeinde Menziken deuten die vielen Baustellen auf ein deutliches Bevölkerungswachstum im Oberwynental hin. Dieses Szenario könnte der Auslöser sein, warum es in den Online-Kommentarspalten oder in Leserbriefen zum Thema mehrheitlich negativ tönt. Ein Grundtenor ist dabei die Befürchtung, die Region möge den motorisierten Verkehr nicht zu bewältigen. Auch die Zuwanderung wird thematisiert.
Reinachs Gemeindeammann Jules Giger sagt zu Beginn des Gesprächs, er werde sich wohl einige Male wiederholen. «Der Gemeinderat hat sich über die aktuelle Entwicklung bereits geäussert, viel mehr Neues gibt es nicht zu sagen.» Die dringendste Frage, die aber noch unbeantwortet zu sein scheint: Sind 600 Wohneinheiten nicht einfach schlicht zu viele?
Giger weist vorerst auf ein Votum von Bauverwalter Martin Wernli hin: «Wir müssen zwei Dinge berücksichtigen. Erstens, die Anzahl bewilligter Wohnungen ist nicht einem 1:1-Wachstum gleichzustellen. Was gerne etwas vergessen wird: Die bestehende Gebäudesubstanz muss erneuert werden.» Man spreche in der Schweiz von einer «Erneuerungsquote», die bei einem Prozent liege. Das heisst, von den 4500 Einheiten in Reinach werden im Schnitt jährlich 45 ersetzt, das macht über die genannten vier Jahre 180 Einheiten, die von der Zahl 600 abzuziehen sind. Der zweite Punkt: «Wir haben eine rechtsverbindliche Bau- und Nutzungsordnung der Gemeinde Reinach und seit 2014 ist das revidierte Raumplanungsgesetz in Kraft, das eine haushälterische Nutzung des Bodens und damit das verdichtete Bauen vorschreibt. Beide Regelungen wurden durch den Souverän angenommen.»
«Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Projekte zu bewilligen»
Das, so Giger, lasse dem Gemeinderat im Bewilligungsverfahren kaum Spielraum. «Wenn Bauvorhaben zonenkonform sind und alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Projekte zu bewilligen.» Dem Gemeinderat sei natürlich bewusst, dass der Verkehr dadurch zunehmen werde, und es seien Massnahmen wie Fahrverbote in Seitenstrassen erlassen worden, um den Verkehr auf die Hauptadern zu lenken. Aber auch hier staut sich der Verkehr, besonders an der Hochhauskreuzung. «Auch in diesem Punkt werde ich mich wiederholen», sagt der Gemeindeammann. «Die Werkleitungen im Boden müssen dringend saniert werden, die Strasse den Anforderungen angepasst werden. Weil es sich bei der Hochhauskreuzung und der Sandgasse um Kantonsstrassen handelt, ist der Kanton in der Pflicht.»
Sanierungsfall Sandgasse: Das sagt der Kanton
Doch die Sandgasse sucht man in der Liste kantonaler Strassenbauprojekte vergebens, während talabwärts gleich drei Vorhaben am Laufen sind: die Sanierung des Böhlerknotens, die Sanierung der Ortsdurchfahrt Gränichen, sowie das Projekt VERAS in Suhr. Auf die Nachfrage beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt, Abteilung Tiefbau, antwortet der zuständige Projektleiter Daniel Mathys, die Sanierung der Sandgasse sei beim Kanton aktuell am Ende der Bauprojektphase. «Das bedeutet, dass die Bedarfsabklärung mit der Gemeinde abgeschlossen ist und wir nach den Sommerferien die Grundeigentümer über das Projekt informieren können.» Mit dem Projekt wird man auf plus/minus 10 Prozent auch einen Kostenvoranschlag abgeben können. Darüber, in welcher Preislage man sich befindet, will sich Mathys nicht festlegen. «Klar ist, dass der Kostenanteil der Gemeinde am Strassenbauprojekt 35 Prozent beträgt. Dazu kommen die Kosten für die Sanierung der gemeindeeigenen Werkleitungen.»
Umbau Hochhauskreuzung bringt kaum Entlastung
Erfahrungsgemäss sehe der Zeitplan danach so aus: Genehmigung des Kredits an der Reinacher Sommer-Gmeind 2027, anschliessend folgt die Projektgenehmigung durch den Regierungsrat, die öffentliche Planauflage und die Landerwerbsverhandlungen. Mit einem Baubeginn, schätzt Mathys, sei allerfrühestens 2029 zu rechnen. «Wenn es keine Einwendungen gibt.»
«Eigentlich wäre es besser, zuerst alle Strassen auszubauen, bevor man mehr Verkehr nach Reinach holt»
Der Projektleiter dämpft die ganz grossen Erwartungen an die neue Kreuzung: «Wir planen einen Mehrzweckstreifen in der Sandgasse, zudem wird es auf beiden Seiten ein durchgehendes Trottoir mit mehreren Querungshilfen geben. Der Verkehr wird dadurch flüssiger, aber die Barriere hebt und senkt sich tagsüber trotzdem achtmal in der Stunde. «Und einen Kreisel wird es sicher nicht geben», fügt Mathys an. Der Grund: «Ein einfacher Kreisel könnte die Verkehrsmenge nicht bewältigen, für einen doppelten Kreisel fehlt der Platz.»
Das bedeutet ebenfalls: Gibt es Verzögerungen im Projekt, stehen die 600 neuen Wohnungen, bevor Kreuzung und Sandgasse saniert sind. «Eigentlich wäre es besser, zuerst alle Strassen auszubauen, bevor man mehr Verkehr nach Reinach holt», schwebt Gemeindeammann Giger vor, und er sagt etwas resigniert: «Wir bauen die Strassen der Wohnbauentwicklung hinterher.»
Eigenverantwortung ist gefragt
Der Ausbau der Infrastruktur sei jedoch nur ein Teil der Lösung, der andere Teil sei das individuelle Verhalten der Menschen, fügt Giger an. «Man weiss heute, dass in Gemeinden wie Reinach 50 Prozent des motorisierten Verkehrs hausgemacht sind und sich innerhalb von einem Radius von 5 Kilometern abwickeln. An unserem öffentlichen ‹Podium Verkehr› im September des letzten Jahres sprachen die Fachleute hierbei vom ‹Quell- und Zielverkehr›, also von Fahrten, die nach Reinach oder aus Reinach hinausführen. Dazu kommen Transporte, bei denen das Dorf nicht verlassen wird, etwa für Besorgungen, Besuche, die Teilnahme an Veranstaltungen im Dorf und ähnliches. Teil der Lösung könnte es sein, auf das Auto zu verzichten und stattdessen die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Velo zu nehmen.»
Schulraumplanung wird grossgeschrieben
Neben dem befürchteten Verkehrskollaps droht der Gemeinde Reinach auch ein zusätzlicher Schulraummangel. Der für das Bauwesen zuständige Vizeammann Ruedi Lanz sagte Anfang Februar etwas scherzhaft in dieser Zeitung, man baue «fast jedes Jahr ein neues Schulhaus». Giger relativiert und sagt, dass die beiden Kurven für den Wohnungsbau und für die Anzahl Schüler nicht gleichmässig verlaufen. «Die Schulraumplanung wird bei uns grossgeschrieben, wobei wir nicht nur die Bautätigkeit berücksichtigen, sondern auch die demografische Entwicklung. Es wird in den nächsten Jahrzehnten weniger Schülerinnen und Schüler geben, der Raumbedarf wird sich vermutlich verringern.» Warum nur vermutlich? «Man muss klar festhalten, dass diese Prognosen ein wenig ‹Kaffeesatzlesen› sind. Laut einer Berechnung, die den Gemeinden vor ein paar Jahren vorgelegt wurde, müssten in Reinach heute 10’418 Menschen leben, in der Realität sind wir Ende 2025 bei 9947.» Dennoch wünscht sich Giger eine Regelung, wonach Bau-Investoren verpflichtet werden, sich nicht nur an Anschlussstrassen und Werkleitungen zu beteiligen, sondern auch an den indirekten Kosten, wie zum Beispiel einem Schulhausbau. «Da es hierfür aber keine gesetzliche Grundlage gibt, wird dies wohl ein Wunsch bleiben. Der Ansatz wäre aber sicherlich ein spannender», fügt Giger an.
«In den kommenden Jahren wird die Gemeindekasse bei den Pflegerestkosten jährlich mit 3 Millionen Franken belastet»
Und was ist mit der Zuwanderung von Ausländern, die in den Kommentarspalten oft als Grund für Wachstum und hohe Kosten genannt wird? Giger hat eine überraschende Antwort: Nicht nur die Zuwanderung ausländischer Bürger sei ein Kostentreiber, sondern auch Schweizer Neuzuzüger oder Rückkehrer. «In Reinach haben wir ein ausgezeichnetes Gewerbeleben, es gibt viele Einkaufsmöglichkeiten, man kann Sport- und Kulturveranstaltungen besuchen. Ausserdem verfügen wir über eine wunderschöne Naturlandschaft. Das macht Reinach für ältere Menschen, die nach dem Erwerbsleben zurück ins ruhige Wynental kommen wollen, sehr attraktiv, was ja erfreulich ist.» Doch die Sache hat auch eine Kehrseite, denn ältere Menschen brauchen früher oder später Pflege. Giger legt Zahlen offen, die Aufmerksamkeit erfordern: «Heute bezahlen wir pro Jahr und Einwohner ungerechnet 285 Franken an die Pflegerestkosten. Das ist der Teil der Pflegekosten, der nach Abzug der Beiträge von Krankenkassen und den festgelegten Eigenanteilen übrig bleibt und zulasten der Gemeinde fällt.» In den kommenden Jahren, so der Ammann, wird die Gemeindekasse dadurch jährlich mit 3 Millionen Franken belastet. Tendenz steigend. «Auch da bräuchte es neue Ansätze und Ideen, die zum Beispiel eine Beteiligung früherer Wohngemeinden einschliessen.»
Das Fazit nach dem Gespräch mit dem Gemeindeammann von Reinach: Zahlen alleine bilden die Realität nicht vollständig ab. Hinter Berechnungen und Prognosen stecken zahlreiche Variablen, die für eine Bewertung der Entwicklung berücksichtigt werden müssen, etwa Veränderungen in der Demografie, das individuelle Verhalten der Menschen, Investitionen der Baubranche, die Zuwanderung, oder das ganz normale Bevölkerungswachstum.
Remo Conoci


