1 Dieb, 8 Verdächtige und ein überraschendes Ende
08.10.2026 Wynental, GränichenBühnen-Virus 22 feierte in der Mehrzweckhalle Gränichen die Premiere von «Arsène Lupin und das Collier der Königin». Die Gaunerkomödie überzeugt weniger mit Klamauk als mit Spannung, liebevoll gezeichneten Figuren und einer Auflösung, die ...
Bühnen-Virus 22 feierte in der Mehrzweckhalle Gränichen die Premiere von «Arsène Lupin und das Collier der Königin». Die Gaunerkomödie überzeugt weniger mit Klamauk als mit Spannung, liebevoll gezeichneten Figuren und einer Auflösung, die selbst geübte Krimifans auf dem falschen Fuss erwischt.
Rund 100 Zuschauerinnen und Zuschauer wollten sich die Premiere von «Arsène Lupin und das Collier der Königin» in der Mehrzweckhalle Gränichen nicht entgehen lassen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Wer an diesem Abend eine klassische Komödie mit möglichst vielen Schenkelklopfern erwartet hatte, musste sich zunächst etwas umstellen. Das neue Stück vom Bühnen-Virus 22 ist zwar als Gaunerkomödie angelegt, seine grösste Stärke liegt aber nicht im Dauerfeuer von Pointen. Es ist die Spannung, die das Publikum zunehmend in ihren Bann zieht.
Dominique Rubin
Die Ausgangslage ist vielversprechend: Im Simplon-Nostalgie-Express befindet sich das kostbare «Collier der Königin». Sophie von Falkenstein weiss allerdings, dass ihr Schmuckstück in Gefahr ist. Ein mysteriöser Brief kündigt an, dass es um Mitternacht gestohlen werden soll, und zwar vom legendären Gentleman-Gauner Arsène Lupin. Inspecteur Henri Ganimard, Lupins grosser Widersacher, soll den Coup verhindern. Das Problem: Lupin ist ein Meister der Verkleidung. Jeder und jede im Zug könnte der gesuchte Meisterdieb sein. Damit ist das Spielfeld eröffnet. Und der Bühnen-Virus 22 nutzt es geschickt.
Zwischen Spannung und feinem Humor
Das Publikum wird nicht mit einem Gag nach dem anderen durch die rund zwei Stunden lange Geschichte getrieben. Stattdessen entsteht der Humor oft dort, wo die Figuren einfach so sind, wie sie sind. Da ist etwa Barkeeper Niklaus Sonderegger, gespielt von Oliver Metzger, der seine Arbeitsmoral beziehungsweise deren Grenzen mit entwaffnender Ehrlichkeit erklärt: «Wenn ich schon für vier Leute schuften muss, dann kann ich auch für fünf saufen.» Ein Satz, der beim Publikum für einen der gut verteilten Lacher sorgt.
Auch Willibald von Falkenstein, verkörpert von Roger Baumberger, wächst einem schnell ans Herz. Der leidenschaftliche Tüftler hat zwar jede Menge Ideen, der ganz grosse Durchbruch ist ihm bislang allerdings noch nicht gelungen. Besonders seine technischen Erfindungen sorgen für Unterhaltung. Urkomisch wird es etwa, als sein Personenschutz-Armband mit Stromschlag-Funktion einer ausführlichen praktischen Erprobung unterzogen wird. Solche Momente lockern die Geschichte auf, ohne ihr die Spannung zu nehmen. Denn im Zentrum steht immer die Frage: Wer steckt hinter dem angekündigten Diebstahl?
Jeder könnte Arsène Lupin sein
Genau hier entwickelt das Stück seine eigentliche Stärke. Je länger die Fahrt des Nostalgie-Zuges dauert, desto mehr Personen kommen als Verdächtige infrage. Die Figuren könnten unterschiedlicher kaum sein: vom arbeitsscheuen Barkeeper über die schusselige Assistentin (Kaya Röösli) bis zum leidenschaftlichen Erfinder, von den Zugbegleiterinnen (Susanne Zaugg und Stefanie Marti) über die deutsche Touristin (Verena Schwizer) und die Immobilien-Baronin (Doris Baschnagel) bis zur Besitzerin des wertvollen Colliers. Die Besetzung umfasst insgesamt zehn Figuren.
Das sorgt für ein reizvolles Katzund-Maus-Spiel. Immer wieder glaubt man, eine Spur entdeckt zu haben. Dann taucht ein neues Detail auf und schon beginnt die Suche wieder von vorne. Lupin könnte schliesslich praktisch jeder sein. Oder jede.
Die Geschichte von Atréju Diener ist dabei sorgfältig konstruiert. Sie verbindet die Elemente einer Gaunerkomödie mit einer gehörigen Portion Krimispannung. Wer dabei an Hitchcock denkt, liegt nicht völlig falsch. Und wenn sich gegen Ende die einzelnen Fäden zusammenziehen, bekommt die Geschichte beinahe die Qualität eines klassischen Edgar-Wallace-Krimis. Was genau passiert, wird an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten. Nur so viel: Mit der Auflösung dürfte selbst mancher besonders aufmerksame Zuschauer nicht gerechnet haben. «Mit diesem Ende hätte ich nicht gerechnet», war nach der Vorstellung denn auch eine der wohl häufigsten Reaktionen.
Ein Ensemble, das seine Figuren gefunden hat
Dass die Geschichte funktioniert, liegt nicht zuletzt an einem spielfreudigen Ensemble. Regisseurin Barbara Marti durfte ihrer Mannschaft nach der Premiere durchwegs Bestnoten ausstellen. Besonders überrascht zeigte sie sich von Doris Baschnagel in der Rolle der Elvira Gnägi. In den letzten Proben habe die Schauspielerin ihre ganzen Skrupel abgelegt und sei an der Premiere «zum wahrhaftigen Chefinnen-Ekel mutiert», erzählt die Regisseurin. Ebenso überzeugend wirkt Patricia Niklaus als Sophie von Falkenstein. Die reiche Zugpassagierin ist ausgesprochen blasiert und hat im Grunde nur eine Sorge: Was geschieht mit ihrem wertvollen und über alles geliebten Collier?
Und dann sind da natürlich die beiden zentralen Gegenspieler. Roli Marti gibt den charmanten Gentleman-Gauner Arsène Lupin, Roman Eichenberger seinen brillanten Widersacher Inspecteur Henri Ganimard. Beide wirken so selbstverständlich in ihren Rollen, als seien diese eigens für sie geschrieben worden. Dass Lupin für Roli Marti gleichzeitig eine besondere Rolle darstellt, ist dabei fast eine Randnotiz: Er steht seit 40 Jahren auf verschiedenen Theaterbühnen und spielt mit dem Meisterdieb damit seine 40. Theaterrolle.
Wenn das Theater schon vor dem ersten Satz beginnt
Besonders gelungen ist auch das Drumherum. Bühnen-Virus 22 belässt es nicht bei einer Bühne, einigen Darstellern und einem Textbuch. Das Theatererlebnis beginnt bereits vor dem ersten Satz. Aus den Lautsprechern erklingt Jazzmusik aus den 1920er-Jahren, die Tischdekoration nimmt mit kleinen Modelleisenbahnwagen das Thema Zug auf, und auch in der Pause bleibt die Atmosphäre erhalten.
Für einen besonders schönen Auftakt sorgte der Vereinsnachwuchs. Die kurze Intro-Szene spielt am Bahnhof von Paris und führt zum bereitstehenden Simplon-Nostalgie-Express. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller, die bei Bühnen-Virus 22 einen wichtigen Platz einnehmen, erhielten dafür kräftigen Applaus. Der Verein bietet inzwischen altersgerechte Theaterkurse in drei verschiedenen Stufen an; die älteste Nachwuchsgruppe tritt unter dem Namen «Bühnen-Virus Talents» auf.
Auch technisch verlangt die Inszenierung einiges. Insbesondere die Auftritte des Lupin, die in einer anderen Zeitebene spielen, stellten die Lichttechnik vor besondere Herausforderungen. Dazu kommt eigens für die Produktion komponierte Musik. Hinter den Kulissen sorgten zahlreiche Helferinnen und Helfer dafür, dass auf der Bühne alles ineinandergreift – von Regieassistenz und Maske über Technik und Bühnenbild bis zur Gastronomie. Das Bühnenbild selbst ist einmal mehr ein Beispiel dafür, wie viel Aufwand und Liebe zum Detail der Bühnen-Virus 22 in seine Produktionen steckt. Die blaue, elegant ausgestattete Zugwelt bildet den passenden Rahmen für die Geschichte und lässt das Publikum tatsächlich ein Stück weit in den Nostalgie-Express einsteigen.
Ein gelungener Theaterabend
«Arsène Lupin und das Collier der Königin» ist damit vieles, aber ganz sicher kein lauter Klamauk. Das Stück nimmt sich Zeit für seine Geschichte, baut Spannung auf und lässt seine Figuren immer wieder für überraschende oder amüsante Momente sorgen. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Produktion aus. Nur eines sollte man sich als Zuschauer unbedingt vornehmen: Nicht versuchen, das Rätsel zu früh zu lösen. Denn wer glaubt, Arsène Lupin bereits entlarvt zu haben, könnte am Ende ziemlich überrascht sein.
Noch zwei Aufführungen stehen bevor: am kommenden Freitag- und Samstagabend, jeweils um 20 Uhr. Es gibt noch Plätze für beide Vorstellungen. Reservation über buehnenvirus22. ch oder über 079 650 02 48 (17 bis 19 Uhr).
Dominique Rubin






