«Das Wynental müsste ich ehrlicherweise googeln»
16.07.2019 RegionSportlich gekleidet, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht und sehr zuvorkommend begrüsst mich Bigna Silberschmidt, die bekannte und geschätzte «Schweiz-aktuell»-Moderatorin und Inland-Redaktorin im Empfangsraum des Schweizer Fernsehens in Zürich ...
Sportlich gekleidet, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht und sehr zuvorkommend begrüsst mich Bigna Silberschmidt, die bekannte und geschätzte «Schweiz-aktuell»-Moderatorin und Inland-Redaktorin im Empfangsraum des Schweizer Fernsehens in Zürich Oerlikon.
Gut eine Stunde vor Arbeitsbeginn sitzt sie mir jetzt vis-à-vis in einer ruhigen Nische vor den Redaktionsräumen. Begeistert und auch innehaltend erzählt sie mit wohlklingender Stimme von ihrer Jugendzeit, dem Werdegang in der Medienwelt und ihrem grossen Engagement für die Sendung «Schweiz aktuell».
Was verbindet Sie noch heute mit Ihrer Heimatstadt St. Gallen?
Meine Eltern sind noch dort wohnhaft, ich selber lebe seit mittlerweile 16 Jahren nicht mehr in St. Gallen. Immer mal wieder besuche ich auch das Open Air im Sittertobel – und eine Fleisch-Ausnahme mache ich für eine echte St. Galler Bratwurst, natürlich ohne Senf. (schmunzelt).
Eines Ihrer Lebensmottos heisst: «Use, ufe!» Ist das der prägende Einfluss Ihrer Bündner Grosseltern?
Von Kindesbeinen an habe ich viel Zeit bei meinen Grosseltern in Graubünden verbracht, und dieses Motto wurde mir sicher vorgelebt.Aber es hat wohl auch mit meinem Naturell zu tun – ich ging schon als Kind gerne wandern, ganz freiwillig! Bis heute zieht es mich zur Erholung, für neue Inspiration und einfach um den Kopf durchzulüften nach «use und ufe».
Weshalb entschieden Sie sich, dreisprachig an der Universität von Fribourg, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Zeitgeschichte und Betriebswirtschaftswissenschaften zu studieren?
Sprachen haben mich schon immer fasziniert – und ich wollte die Chance packen, mein Französisch und Englisch mit praktischem Vokabular für die Berufswelt aufzubessern.
Während des Studiums waren Sie von 2006 bis 2009 in Ihrer Freizeit bei «Radio Unimix Fribourg» auf der Redaktion und im Vorstand tätig. Weshalb dieses Engagement und die Faszination fürs Radio?
Das war eine grossartige Möglichkeit für ein erstes Schnuppern in der Welt des Journalismus, denn die Sendungen von «Radio Unimix» wurden auf «Radio Fribourg» ausgestrahlt. Wir mussten einerseits gewissen Qualitätsansprüchen genügen, lernten das Handwerk durch Radioprofis, anderseits war es eine grosse Spielwiese zum Ausprobieren. Und ich konnte da meine Liebe zu Sprache und Ausdruck pflegen.
Von 2010 bis 2013, während Ihren letzten Studienjahren bis zum Masterabschluss, arbeiteten Sie als Redaktorin und stv. Redaktionsleiterin des Pendlerblattes «20 Minuten» Region Bern. Welche wichtigen Erfahrungen im Lokaljournalismus konnten Sie damals sammeln?
Gerade für den Einstieg in den Journalismus war diese Erfahrung für mich sehr wertvoll. Ich glaube, wenn man die Gesellschaft im Kleinen versteht, erkennt man die grösseren Zusammenhänge besser. Lokaljournalismus heisst, nahe bei den Leuten zu sein, Stimmungen in der Bevölkerung zu spüren, politische Prozesse zu verstehen. Ein Journalismus, der gut schult und viel Sorgfalt verlangt.
Von 2011 bis 2015 waren Sie Mitbegründerin, Herausgeberin und Redaktorin des Reportage- und Hintergrundmagazins «Zalle». Für Sie stand eine subjektive, hintergründige und involvierte Berichterstattung im Fokus. Welchen Themen nahmen Sie sich besonders an?
Sagen wir es so, eines ist mir noch besonders in Erinnerung: vor 7 Jahren, als der Veganismus in der Öffentlichkeit noch kaum ein Thema war, unternahm ich einen Selbstversuch. Von der Bettdecke bis zur Kosmetik, den Kleidern und dem Essen: eine Woche lang war ich Hardcore-Veganerin. Dadurch wurde ich in einem Bereich sensibilisiert, dem ich vorher nicht viel Aufmerksamkeit schenkte. Als Konsequenz entschied ich mich, in mehreren Bereichen bewusster zu leben, statt in einem radikal etwas zu ändern. Insofern prägt dieser Selbstversuch mein Konsum- und Reiseverhalten bis heute.
Weshalb absolvierten Sie Mitte 2015 bis Anfang 2016 ein Praktikum als Reporterin bei Radio SRF 3?
Zuvor arbeitete ich in einer Kommunikationsagentur, wollte aber zurück in den Journalismus. Ich liebäugelte schon länger mit dem SRF – die Qualität des Journalismus, der dort praktiziert wird, sagte mir zu. Weil die Eintrittshürden aber hoch sind und ich vom Print zu Radio oder Fernsehen wechseln wollte, bewarb ich mich für ein Praktikum. Ich sagte mir: lieber mit knapp dreissig einen Wechsel probieren und scheitern, als mir als Vierzigjährige vorzuwerfen, es nicht versucht zu haben. Das Praktikum war eine Art Selbstinvestition, die ich bis heute keine Sekunde bereut habe.
Wie gelangten Sie 2016 zur Anstellung als Reporterin und Projektmitarbeiterin bei der SRF-Sendung «Schweiz aktuell»?
Während der Zeit beim Radio führte ich mit einer SRF-Korrespondentin ein Interview – sie motivierte mich, Fernsehluft zu schnuppern und brachte mich mit dem damaligen Redaktionsleiter von «Schweiz aktuell» in Verbindung. Nach einem Vorstellungsgespräch wurde ich ins redaktionelle Kernprojektteam für das Sommerprojekt «Schweiz aktuell am Gotthard» aufgenommen und lernte in diesen Monaten auch das Handwerk für das Realisieren von TV-Beiträgen.
Was zeichnet für Sie eine gute TV-Reportage aus?
Im Gegensatz zum klassischen Bericht heisst es bei einer Reportage, nahe dabei zu sein – Situationen und Menschen so authentisch wie möglich abzubilden, auf der Bild- wie auf der Tonebene. Als Journalistin nur mit wenigen gezielten Fragen in das Geschehen einzugreifen, Platz für Emotionen, Überraschendes und Inhalte mit Tiefe zu schaffen.
Sie begegnen gerne Menschen, bewegen sich oft in der Natur und möchten dem Publikum viel bieten. Ist daher die Sendung «Schweiz aktuell» Ihr Traumjob?
(schmunzelt) Ich kann mir im Moment keinen besseren Job vorstellen. Die Kombination von Studiomoderation, Live-Aussenmoderationen aus der ganzen Schweiz und die Realisation von TV-Beiträgen hinter der Kamera als Reporterin für «Schweiz aktuell», «Tagesschau» und «10vor10»: das ist enorm vielfältig. Für einen so neugierigen und wissbegierigen Mensch wie mich ein absoluter Traumjob!
Worüber berichten Sie am liebsten?
Das Schöne: ich begeistere mich für viele Themen. Gerade, wenn ich noch nicht so viel über etwas weiss, reizt es mich, es zu verstehen. Ganz persönlich interessieren mich vor allem Umweltund Nachhaltigkeitsthemen, Geschichten mit wissenschaftlicher Komponente und Gleichberechtigungsthemen. Und ich mag konstruktiven Journalismus.
Wie läuft für Sie ein Studiotag als Moderatorin bei der Abendsendung «Schweiz aktuell» ab?
Schon auf dem Weg zur Arbeit in Zug und Tram verschaffe ich mir einen groben Überblick über die Newswelt. An der Redaktionssitzung um 11.15 Uhr gibt der oder die TagesproduzentIn einen ersten Ausblick auf die Sendung und die Themen des Tages – diese werden diskutiert, und im Turnus macht jeweils eine Person eine Sendekritik zum Vortag, damit wir uns stetig verbessern. Bis um 15 Uhr verfasse ich Moderationstexte – in engem Austausch mit der Produzentin, dem Produzenten und den Reportern, die die Beiträge realisieren. In der Regiesitzung um 15 Uhr bestimmen wir die benötigten Landkarten oder Screenbilder während den Moderationen. Danach beginnt die heisse Phase, da die tagesaktuellen Beiträge konkreter werden oder z.B. noch eine Korrespondenten-Schaltung geplant wird. Ich überarbeite die Moderationstexte bis um 16.30 Uhr, danach ziehe ich mich um und gehe für eine Stunde in die Maske. Zurück auf der Redaktion, schreibe ich den Text für die Themenvorschau in der 18 Uhr-Tagesschau, in der ich jeweils einen kurzen Auftritt habe. Nach der Sendung folgen allerletzte Textanpassungen für «Schweiz aktuell», ab 18.30 Uhr werde ich in der Regie verkabelt und dann gibt’s Studioproben mit den Kameraeinstellungen. Kurz vor 19 Uhr beisse ich in einen Apfel – mittlerweile ein Ritual, eigentlich aber mein Geheimrezept für eine klare Aussprache und Frische im Mund. Um 19 Uhr geht’s dann los, wir sind live auf Sendung.
Und wie bereiten Sie sich auf eine tagesaktuelle Aussenreportage vor?
Ich recherchiere zum Thema, suche – falls nicht schon vorher aufgegleist – nach geeigneten Interviewpartnerinnen und -partnern und führe ein Vorgespräch: zur inhaltlichen Vorbereitung und um herauszufinden, wo der spannendste Schauplatz ist.Vor Ort dann ist es wichtig, genügend Zeit zu haben, um Bild- und Inhaltsebene optimal aufeinander abzustimmen und den ZuschauerInnen ein gutes Erlebnis zu bieten. Da sind auch der Kameramann und der Techniker gefragt, Teamarbeit ist das A und O für eine gelungene Reportage. Danach live auf Sendung zu sein, ist spannend und gleichzeitig herausfordernd, denn bis ins letzte Detail kann man sich nie vorbereiten und es kann jederzeit Überraschungsmomente geben – etwa in grossen Menschenmengen, mit dem Wetter oder wenn sich die Interviewpartner live plötzlich anders verhalten.
Sie erleben ja viel Spannendes, Erfreuliches und Bedrückendes quer durch die Schweiz. Gibt es Reportagen, die Ihnen unvergesslich bleiben?
Ich kann mich an jede einzelne erinnern. Am meisten Mut hat es mich gekostet, als ich in Crans-Montana mit dem damaligen Ice Cross Downhill - Weltmeister live auf Schlittschuhen den steilen Eiskanal hinunterfuhr. Eine weitere Erinnerung in der Kälte ist die Reportage über das Eisfischen auf dem Oeschinensee – wir waren bei minus 17 Grad mehrere Stunden auf dem gefrorenen See für den Dreh, eine physische Belastungsprobe. Und ganz besonders gefreut hat es mich, dass wir im Rahmen der «Schoggiwoche» nach intensiven Diskussionen beim weltweit grössten Schokoladenproduzenten «Barry Callebaut» in Dübendorf drehen durften und ich den CEO mit den Themen Kinderarbeit, Nachhaltigkeit und Verantwortung konfrontieren konnte.
Und welche Menschen hinterliessen bei Ihnen den nachhaltigsten Eindruck?
Schon zweimal war ich in einem Frauenkloster auf Reportage – und hatte keine Ahnung, was mich hinter den dicken Mauern erwartete. Ich war tief beeindruckt von der Wärme und der Herzlichkeit der Schwestern und wie differenziert und tiefgründig unsere Gespräche waren. An den Swiss-Skills-Berufsmeisterschaften letzten Herbst in Bern haben mich die Lernenden fasziniert – mit welcher Leidenschaft und Präzision diese jungen Menschen ihre Berufe ausüben, dafür zolle ich ihnen grössten Respekt.
Mit Ihrer gewinnenden Art, Ihrem journalistischen Gespür haben Sie als ehemaliges Nachwuchstalent innert kurzer Zeit einen festen Platz im renommierten «Schweiz-aktuell»-Team gesichert. Erhalten Sie viele Rückmeldungen vom Fernsehpublikum?
Als ich nach über 10 Jahren im Journalismus plötzlich auch vor der Kamera berichtete, hatte ich vor dieser neuen Öffentlichkeit ziemlich Respekt. Es freut mich nun umso mehr, dass ich viele positive Rückmeldungen erhalte und spüre, dass meine und unsere Arbeit geschätzt wird. Das motiviert mich am Morgen aufzustehen – auch wenn aufstehen gar nicht zu meinen Stärken gehört. (schmunzelt)
Welche Reportagen möchten Sie unbedingt einmal realisieren?
Ich habe ein paar Geschichten auf dem Radar, aber die verrate ich noch nicht… Regelmässig «Schweiz aktuell» schauen und sich überraschen lassen. (schmunzelt)
Wie erholen Sie sich nach einem anstrengenden Fernsehtag?
Berufsbedingt komme ich oft ziemlich spät nach Hause. Ab und zu nehme ich zur Entspannung ein Bad, schaue eine Serie oder lese ein paar Seiten in einem Buch. Wenn ich mal früher zuhause bin, koche ich, da kann ich wunderbar abschalten.
Umweltthemen haben Sie immer schon interessiert. Ist das mithin ein Grund, dass Sie mitten in der Stadt Zürich einen blühenden Balkon haben und einen Talk zum Thema Biodiversität moderiert haben?
Ich habe Freude, die Biodiversität auch im Kleinen in der Stadt zu fördern. Auf meinem Balkon spriessen einheimische Blumen für Bienen und Schmetterlinge.
Vom 5. bis 9. August widmen Sie sich am Schweizer Fernsehen ganz dem Thema «Gärten und Biodiversität». Können Sie uns schon ein wenig darüber verraten?
Eine junge WG wird ihren Garten zusammen mit Coach Hanspeter Latour umbauen – ich berichte täglich, wie sie ihre Aufgaben meistern. Die ZuschauerInnen erfahren, wie sie ihren Garten mit einfachen Mitteln biodivers gestalten und damit zu mehr Vielfalt in der Natur beitragen können. Ich freue mich sehr darauf!
«Ich reise sehr gerne, das erweitert den Horizont», ist eines Ihrer Zitate. Mit welchen Verkehrsmitteln sind unterwegs, wenn man an die laufende Klimadiskussion denkt?
Für den Arbeitsweg brauche ich den ÖV. Ich besitze kein Auto, bin leidenschaftliche Bikerin und benutze für Reisen so oft wie möglich den Zug. Flugreisen probiere ich bewusst zu reduzieren.
Einen Traumjob zu haben, ist ein grosses Privileg. Gibt es dennoch berufliche Zukunftswünsche?
Wichtig ist es mir, möglichst viele meiner Fähigkeiten und Interessen im Beruf unterbringen zu können. Solange mir das wie jetzt gelingt, bin ich glücklich – ich versuche im Jetzt und nicht in Zukunftsgedanken zu leben.
Kennen Sie die Visitenstube des Aargaus, den Hallwilersee oder das Wynental mit dem weiten Blick in die Bergwelt und den vielen Naturschutzgebieten?
(schmunzelt) Den Hallwilersee ja – ein Jugendfreund aus dem Aargau wohnte in der Nähe. Das Wynental müsste ich ehrlicherweise googeln, aber wenn Sie meinen, es lohnt sich, dann schau ich gerne bald mal mit dem Bike dort vorbei!

