Gleichberechtigung im Männer- und Frauenfussball

Di, 11. Feb. 2020
Andreas Zürcher, einst Fussballer beim FC Oberentfelden, ist heute Trainer der FC Aarau-Frauen. (Bilder: zVg.)

213:4 so lautet im Fussball das Verhältnis zwischen Männer-Spielen und Frauen-Spielen, die an einem typischen Wochenende von einem Schiedsrichter-Trio geleitet werden. Alle anderen Begegnungen also vor allem jene der Frauen müssen mit nur einem «Schiri» auskommen. Andreas Zürcher aus Oberentfelden und Marisa Brunner aus Kölliken finden das ungerecht.

rc. Andreas Zürcher hat den Fussball im Blut.Als Trainer der FC Aarau-Frauen schnupperte der Oberentfelder mit seinem Team vergangene Saison Nationalliga-A-Luft, in diesem Jahr spielt man in der NLB, ist aber vorne mit dabei. Der Trainingsaufwand seines Teams sei enorm, sagt Zürcher am Telefon – gerade steckt er in einem Trainingslager auf Zypern. Sechsmal in der Woche würden die Mädchen und Frauen trainieren − ohne Lohn, ohne Spesenentschädigung, «selbst das Material bezahlt jede Spielerin weitgehend selber», zieht Zürcher eine klare Bilanz. Deshalb habe er auf der Webseite der FCA-Frauen einen ersten Artikel zum Thema «Equal Pay» verfasst.

Offside-Entscheidungen fallen nach Bauchgefühl

«Das Schlagwort ‹Equal Pay› gründet auf einer Initiative der US-Fussballerinnen Megan Rapinoe und Alex Morgan und ich will nun in regelmässigen Abständen Ungerechtigkeiten thematisieren», erklärt Zürcher. Es gehe ihm nicht um einen Aufstand, sondern darum, unter anderem auf Verbandsebene etwas mehr Gleichberechtigung zu schaffen. Zuständig ist in diesem Fall der Schweizerische Fussballverband (SFV). Zürchers Forderung: Wenigstens in den beiden professionell organisierten Frauen-Ligen sollten Spiele nicht nur von einem Schiedsrichter geleitet werden. «Jedes Wochenende werden bei den Männern während der Hauptsaison 213 Spiele von Trios geleitet. Bei den Frauen sind es 4», hat Zürcher ausgerechnet. Er findet es ungerecht, dass die Fussballverbände bei den Männern bis hinunter in die Junioren-Elite-Spiele immer ein Schiedsrichter-Trio einsetzt. Bei den Frauen geschieht das lediglich in den vier NLA-Partien. Offside-Entscheidungen fallen ab der zweithöchsten Schweizer Liga nur nach Bauchgefühl.

Auch Fussballer können Kinder hüten

Marisa Brunner schlägt in die gleiche Kerbe: «Ein Trio in den oberen Ligen ist Pflicht», sagt die ehemalige, 78-fache Nationalspielerin, die ihre Torhüterin-Karriere einst in Oberentfelden begonnen hatte, einen erfolgreichen Abstecher in die Deutsche Bundesliga machte und heute, neben ihrem Hauptberuf, als Torhütertrainerin tätig ist. Schritt für Schritt soll die Sensibilisierung in der «Männer-Domäne Fussball» voran gebracht werden, die Forderung von Zürcher sei nur ein Anfang, sagt Brunner: «Frauen sollten in Chefpositionen und auf Verbandsebene öfter vertreten sein. Es ist statistisch bewiesen, dass gemischte Teams besser funktionieren, als wenn nur Männer oder nur Frauen das Sagen haben.» Die heute in Kölliken wohnhafte 37-Jährige setzt sich auch in ihrem privaten Umfeld immer wieder für mehr Gleichberechtigung ein und scheut sich nicht, klare Lösungen zu präsentieren. Lösungen, die durchaus im «Kleinen» angesiedelt sein können: «Die Fussballer sollen mal das eigene Training sausen lassen und zu Hause die Kinder hüten. Das würde den Frauenfussball auch schon voran bringen.» – Schritt für Schritt eben. Da bestehe durchaus eine Parallele zum «normalen» Leben, in dem es oft die Frauen sind, die das Familienmanagement bewältigen, während die Männer oft noch ein bisschen «trainerle, präsidiererle oder einfach nur tschüttele».

Die grossen Player tun sich schwer

Obwohl das Publikumsinteresse im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren zugenommen hat, tun sich die auf Männerfussball fokussierten Business-Player schwer mit der Förderung des Frauenfussballs. Die Sponsorenbeiträge reichen gerade mal den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Das bestätigte letztes Jahr SFV-Verbanspräsident Marco von Ah gegenüber dem Portal Watson: «Wir investieren bereits jährlich über vier Millionen Franken in den Frauenfussball, die Suche nach einem grossen Presenting-Sponsor für die Schweizer Meisterschaft ist bisher aber nicht erfolgreich gewesen.» Ähnlich argumentierte das Schweizer Fernsehen SRF im Sommer 2019 auf eine Petition der Winterthurer Fussballerin und SP-Kantonsrätin Sarah Akanji, die eine bessere mediale Abdeckung von Frauenfussball-Spielen gefordert hatte. Man zeige jetzt schon vergleichsweise viel Frauen-Sport, sagte das SRF, aber aufgrund der Nicht-Qualifikation für die Frauen-WM habe man das Live-Angebot aus Kostengründen beschränken müssen. Ein bisschen nach Ausrede klingt das schon.

Es gibt noch viele Baustellen

Zurück zur vergleichsweise kleinen Forderung von Andreas Zürcher nach drei statt einem Schiri an Frauenspielen. Wenigstens für die Nationalliga B soll eine Verbesserung erzielt werden. «Bei der NLA und NLB handle es sich offiziell um «Nicht-Amateur-Ligen». Wenn es sich ein Klub dieser beiden Ligen leisten kann, dann darf er seine Spielerinnen entschädigen und muss dazu beim Schweizerischen Fussballverband die Arbeitsverträge einreichen», hält Andreas Zürcher fest.Aber: «Eine AG gründen und Investoren finden dürfen wir nicht. Hier gelten wir wiederum als Amateur-Club.» Ein anderes Beispiel seien die Löhne», fährt Zürcher fort. «Löhne sind im Frauenfussball die absolute Ausnahme. Beträge, die Spitzenspielerinnen bekommen, sind vielmehr eine Spesenentschädigung, als ein Honorar.»

Es gibt offensichtlich noch viele Gleichberechtigungs-Baustellen. Gut möglich aber, dass der kleine Schritt des Oberentfelders Andreas Zürcher und das Engagement der Köllikerin Marisa Brunner die ersten kleinen Schritte sind, um mehr Gerechtigkeit zu erlangen. «Dank einer WM, mit einem Ausnahmetalent oder einem prominenten Aushängeschild, lassen sich Gelder bestimmt leichter generieren», ist Marisa Brunner sicher. «Aber bei uns fehlt ja schon nur die Basis um Spielerinnen ausbilden zu können.» Zürcher wiederum ergänzt: «Mädchen, die bis 12 bei einem Buben-Team trainieren konnten, geben den Sport mit 13 oder 14 Jahren auf, weil die nächste Trainingsgelegenheit mit einem Frauen-Team viel zu weit weg ist.» Es sei deshalb Pflicht der Verbände, Anreize und Förderungen zu schaffen, damit auch in den Regionen Frauenteams geführt werden können.

Fairplay-Symposium in Schöftland

Gelegenheit, sich unter Fachleuten auzutauschen, bietet der 7. März 2020. Im Cinema 8 in Schöftland trifft man sich zum 4. Symposium des Aargauischen Fussballverbandes AFV. Thema: Fairplay im Fussball. Vielleicht gibt es ja aus dem Publikum die eine oder andere weiblich-kritische Frage zu hören, auf deren männliche Beantwortung man gespannt sein darf – auf der Bühne werden nämlich ausschliesslich Männer reden: Trainer Rolf Fringer, Ex-Fussballer Mario Eggimann und Schiedsrichter Fedayi San.

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