«Wildtieren wird ihr Lebensraum zurückgegeben»
27.03.2020 GränichenDie in Gränichen wohnhafte Wildtierbiologin Dr. Cristina Boschi ist Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Gränichen und gehört der Arbeitsgruppe an, die den Bau der Wildtierbrücke zwischen Gränichen und Suhr fachlich begleitet. Vor Ort erklärt ...
Die in Gränichen wohnhafte Wildtierbiologin Dr. Cristina Boschi ist Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Gränichen und gehört der Arbeitsgruppe an, die den Bau der Wildtierbrücke zwischen Gränichen und Suhr fachlich begleitet. Vor Ort erklärt sie den Nutzen für die Tiere und die Folgen für die Menschen.
rc. Der Besuch im Rynetelwald fand bereits vor einer Woche statt. Man hält den geforderten Abstand ein und geht mit viel grösserem Bewusstsein und Respekt über die Waldstrassen als noch vor ein paar Wochen. Ziel des kurzen Spaziergangs ist passenderweise ein Ort, an dem die Menschen die Verantwortung gegenüber der Natur endlich wahrnehmen. Nördlich von Gränichen, im Waldstück, wo die Autobahn die Grenze zu Suhr bildet, ist eine grosse Baustelle in Betrieb. Hier entsteht eine Brücke alleine für die Tierwelt. Menschen werden auf diesem Teil des sogenannten Wildkorridors nicht geduldet.
Wichtig für eine gesunde genetische Durchmischung
Lange bevor nämlich der Mensch die Landschaft für seine Mobilität von Westen nach Osten zerschnitten hat, führten die Wege der Wildtiere hier von Norden nach Süden. Wild aus der Jura-Region zog bis in die Zentralschweiz und umgekehrt. «Der Wildkorridor ‹Suret› ist wichtig für die genetische Durchmischung», sagt Cristina Boschi. Die Gränicher Wildtierbiologin gehört der Arbeitsgruppe an,die das Brücken-Projekt fachlich begleitet. Ihre Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass die Brücke so gebaut wird, damit Wildtiere sie möglichst finden und nutzen. «Nachdem die 50 Meter breite Brücke gebaut ist, wird sie mit Lichtschutzwänden und den notwendigen Lebensraumelementen versehen, zum Beispiel Hecken und Sträuchergruppen, Magerwiesen, Stein- und Asthaufen, damit sie für Wildtiere attraktiv ist. Dann werden die Eingangsbereiche und die nahe Umgebung der Brücke gestaltet. Lichte Waldflächen, dichte Naturverjüngungsflächen, Tümpel, Asthaufen usw. dienen den unterschiedlich grossen Tieren als Schutz oder Warteraum und führen sie schliesslich über den neuen Weg.» Die Brücke werde für Menschen nicht zugänglich gemacht, erklärt Boschi weiter. «Waldwegabschnitte werden aufgehoben und zum Teil neu angelegt, so dass sie nicht direkt an der Brücke vorbei führen. Die Zugänglichkeit der aufgehobenen Wege wird gezielt mit Bepflanzung, Astund Erdwälle erschwert.Allenfalls müssen für die Menschen Informationstafeln aufgestellt werden.»
Einer der wichtigsten Korridore im Schweizer Mittelland
«Die Annahme der Brücke durch verschiedene Wildtierarten ist ein Prozess, der einige Jahre in Anspruch nehmen wird», relativiert die Gränicherin allfällige Erwartungen auf sofortige Erfolge. «Die Tiere stehen ja nicht an und warten, bis die Brücke endlich fertig ist» − «Dazu kommt», ergänzt Boschi wieder im ernsteren Ton, «dass der Korridor weiterhin an anderen Stellen unterbrochen ist. Ganz in der Nähe verhindert die Aaretalstrasse A1R (ehemals T5) die Wanderung der Tiere ebenfalls komplett. Entlang der Autobahnen gibt es weitere Korridore, etwa mit der Bezeichnung «AG 1 Möhlin-Wallbach-Zeiningen» und «AG 5 Böttstein-Villigen», die zusammen mit dem Wildkorridor «AG 6 Suret» zu den drei wichtigsten, auch gesamtschweizerisch bedeutenden Wildtierkorridoren gehören. «Der Aargau ist in diesem Zusammenhang weiter als andere Kantone. Er war der erste Kanton, der die Wildkorridore in den Richtplan aufgenommen hat», freut sich Boschi. Für die Brücke über die A1 ist allerdings der Bund zuständig und der Kanton kann Projekte nur vorschlagen – das hat er getan. Bei den Bauarbeiten im Rahmen der Umfahrung Suhr (Projekt VERAS) sind grosse Wildpassagen übrigens nicht nötig, da der Korridor nicht tangiert wird.
Hilft Corona beim Umdenken?
Wildtiere legen für ihre vitalen Grundbedürfnisse wie Schutz, Fortpflanzung und Nahrungssuche unglaublich weite Strecken zurück. Iltis und Marder nutzen ein Gebiet von bis zu 10 Quadratkilometern. Wildschweine dehnen ihr Streifgebiet bis auf 30 Quadratkilometer aus und der Luchs sucht sich Nahrung in einem Gebiet von im Durchschnitt 250 Quadratkilometern – eine Fläche so gross wie 35’000 Fussballfelder. Thomas Gremminger von der Abteilung Landschaft und Gewässer des BVU nennt das Problem in einer seiner Publikationen für «Umwelt Aargau» beim Namen: «Wir nehmen immer mehr Raum ein und gestalten ihn, weitgehend ohne Rücksicht auf die schwächeren Mitbewohner, nach unseren Bedürfnissen um – für Siedlungen, Verkehrsinfrastruktur, Freizeitaktivitäten oder eine hochtechnisierte Landwirtschaft.» Das Statement stammt aus dem Jahr 2016, was verdeutlicht, dass das Umdenken beim Menschen weiterhin auf sich warten lässt. Ob die Corona-Krise dazu führt, dass der Mensch mit der Natur respektvoller umgeht?
Zurück in den Rynetelwald in Gränichen. Der Spaziergang hat uns direkt vor die Baustelle geführt. «Die Wildtiere im Gebiet haben gelernt, dass der Autobahnlärm für sie keine Gefahr bedeutet. Sie und wandernde Wildtiere werden auch diese Überführung als sicher wahrnehmen und sie in einem günstigen Moment durchqueren.» Allerdings sei dieser Übergang nur ein Teil des gesamten Korridors, der an anderer Stelle weiterhin unterbrochen ist, sagt Cristina Boschi. «Mit der Verbreiterung von zwei Unterführungen auf 12 und 16 Meter unter der Bahnlinie zwischen Aarau und Rupperswil, wurde bereits ein wichtiger Schritt gemacht. Verschiedene Wildtierarten bevorzugen jedoch Überführungen. Eine solche fehlt noch über den Autobahnzubringer zwischen Hunzenschwil und Aarau. Wegen den Zäunen und dem vielen Verkehr ist dieser heute ein unüberwindbares Hindernis.» In den vergangenen Jahren gab es zwischen Bund und Kanton ein Hin und Her, über die Zuständigkeit an der Aaretalstrasse – zuletzt hat der Bund diese übernommen. Zurzeit ist aber nicht bekannt, wann an der A1R gebaut wird. Klar ist, Cristina Boschi möchte auch dieses Projekt weiter begleiten. Mit dem Bau von Unter- und Überführungen ist es aber nicht getan, sagt die Wildtierbiologin: «Die verschiedenen Interessensgruppen wie Spaziergänger und Biker müssen sich an die Regeln halten, damit der Wildwechsel funktioniert.»
14 Millionen Franken kostet die 50 Meter breite Brücke über die Autobahn A1. Das führte zu Diskussionen, weil das Bundesamt für Strassen die Kosten zuerst mit 7,4 Millionen Franken bezifferte. Beim jetzt anstehenden eigentlichen Brückenbau wird es für den Autoverkehr keine Behinderungen geben, es sind lediglich Spurwechsel vorgesehen. Der Nutzen für die Tiere ist dagegen gross, insbesondere wenn der ganze Korridor wieder hergestellt ist: Baummarder, Dachse, Eidechsen, Feldhasen, Frösche, Füchse, Hermeline, Iltis, Kröten, Mauswiesel, Rehe, Rothirsche und Salamander profitieren davon. Ebenso werden Wildschweine im neu erschlossenen Gebiet zirkulieren.
Haben diese zusätzlichen Wanderungen Folgen für die Landwirtschaft, zum Beispiel im Wynental? Cristina Boschi relativiert: «Es geht ja nicht hauptsächlich darum, dass Tiere plötzlich in Gebieten auftauchen, wo sie vorher nicht waren». Das komme schon vor, etwa beim Luchs oder bei der Europäischen Wildkatze. Auch der Rothirsch werde mehr nach Norden vorstossen können. «Durch die vergrösserten Flächen wird aber vor allem die DNA besser durchmischt. Wildschweine aus dem Luzernischen und aus dem Jura lernen sich so kennen.» Den einheimischen Wildtieren werde mit den Korridoren eigentlich nur der ihnen zustehende Lebensraum zurückgegeben.
Zuletzt bleibt noch, die Wirksamkeit zu überprüfen. Andernorts nutzen die Tiere die geschaffenen Durchgänge gut. «In welcher Form das Monitoring geschieht, ob nur mit mehreren Kameras oder auch mit Spuren, die gesichtet werden, ist noch nicht definiert», erklärt Cristina Boschi. Dazu kommt die genetische Wirkungskontrolle (siehe Artikel unten).
Dann hält Cristina Boschi die Baustelle selber mit einer Kamera fest. Die Gränicherin wird wohl immer wieder in der Nähe der Baustelle zu sehen sein.
WILDTIERKORRIDOR SURET
rc. Das Grundproblem der Zerschneidung von Wildtierlebensräumen und die damit einhergehende Isolierung von Populationen wurde bereits Ende der 1990er-Jahre erkannt. Der 2003 veröffentlichte Bericht der Arbeitsgemeinschaft für den Wald AfW dient heute noch als Grundlage für Projekte wie zum Beispiel die 14-Millionen-Brücke nördlich von Gränichen, das 17 Jahre später umgesetzt wird. «Als erster Kanton», heisst es darin, «setzte der Aargau 1996 im Richtplan 28 Vernetzungskorridore fest und verpflichtete sich, ihre Durchgängigkeit zu sichern und zu verbessern.» Seit 2011 sind es sogar 31 Korridore von nationaler und kantonaler Bedeutung.
Der Wildtierkorridor «AG 6 Suret» mit seinen für Mittellandverhältnisse relativ grossflächigen Waldgebieten, stellt die Hauptverbindung zwischen der Innerschweiz und dem Jura dar und zählt potenziell zu den wichtigsten Wildtierkorridoren des Mittellandes. Gleichzeitig bilden hier zwei Autobahnen, Haupt- und Nebenstrassen sowie Bahnlinien unpassierbare Barrieren und Hindernisse.
Vertreter der zuständigen Bundes- und Kantonalstellen, der Jagd, des Waldes, des Naturschutzes und der Arbeitsgemeinschaft für den Wald einigten sich darauf, wie der von Menschenhand durchschnittene Wildtierkorridor «Suret» saniert werden soll und wie sie aufeinander abgestimmt werden können:
• Grünbrücke und bestehender Übergang über die Autobahn A1
• Passage im Bereich der Kantonsstrasse K 247 und SBB-Linie Hunzenschwil-Suhr und Verbesserung der Vernetzung in der offenen Landwirtschaftsfläche
• Durchlass unter der vierspurigen T5 und Grünbrücke über die T5 (heute A1R)
• Verbreiterung der zwei Unterführungen unter der 4-spurigen SBB-Linie Rupperswil-Aarau und die Lenkung der menschlichen Nutzung auf nur eine der Unterführungen.
Mit nationalem Renommee
Cristina Boschi ist als Wildtierbiologin mit der Natur verbunden. Sie ist Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Gränichen, leitet die Stiftung WIN und hat Bücher wie «Die Schneckenfauna der Schweiz» oder «Die kleinen Fliessgewässer» geschrieben.
rc. Als Geschäftsführerin der Stiftung Wieselnetz (WIN) arbeitet sie Förderprojekte für Wiesel und andere kleine Säugetiere aus, beschafft finanzielle Mittel und führt Beratungen durch. Die Gränicherin mit Tessiner Wurzeln referiert zudem in der ganzen Schweiz zu verschiedenen Themen wie «Marder, Iltis und Wiesel» oder «Das Hermelin – kleines Tier, grosser Jäger». In internationalen Publikationen veöffentlicht sie Fachartikel wie beispielsweise «The spatial patterns of Alpine chamois» – über die Raumnutzung der Gämse im Schweizerischen Nationalpark. Boschi hat ein wildtierökologisches Beratungsmandat vom Kanton Aargau bezüglich dessen Wildkorridore und war in der Region von 2011 bis 2015 bei der Planung und Definition der Massnahmen für die Wildtiere im Suhrhard beteiligt. Hier wurden unter der Bahnlinie zwischen Rupperswil und Aarau zwei Bahnunterführungen wildtiergerecht verbreitert. Auch beim A1-Projekt ist sie beteiligt und auf ihr umfangreiches Wissen greifen Leiter ähnlicher Projekte in der ganzen Schweiz zurück.




