Eine Gletscherwelt voller Zauber und Abgründe
23.07.2020 Freizeit/TourismusBergwanderung auf den 4017 Meter hohen Weissmies, mit einer grandiosen Aussicht nach Saas-Fee
Die Schweizer Alpen haben seit der Jahrtausendwende gut einen Fünftel ihres ganzen Eisvorkommens verloren. Und der Trend hält weiter an. Die Gletscherbäche, die früher ...
Bergwanderung auf den 4017 Meter hohen Weissmies, mit einer grandiosen Aussicht nach Saas-Fee
Die Schweizer Alpen haben seit der Jahrtausendwende gut einen Fünftel ihres ganzen Eisvorkommens verloren. Und der Trend hält weiter an. Die Gletscherbäche, die früher während der tagesbedingten Wärmeentwicklung an- und abschwollen, haben nun auch nachts einen hohen Wasserstand. Und der abnehmende Permafrost führt zu vermehrten Steinschlägen. Somit werden auch einfache Viertausender zunehmend schwieriger und bedingen eine den aktuellen Verhältnissen angepasste Routenwahl.
So mussten die Mitglieder des Bergführervereins Saastal im Wallis noch im letzten Jahr auf der Normalroute zum 4017 m ü. M hohen Weissmies, neben dem Allalin einer ihrer «Brotberge», in der steilsten vereisten Passage einen 80 Meter langen Weg auspickeln und mit einem Fixseil sichern.
Von René Fuchs
«Es wird von Jahr zu Jahr spannender, wie man da noch durchkommt», erklärte mir damals Beat Burgener, mein langjähriger und sehr erfahrener Bergführer aus Saas-Grund. Umso erfreulicher seine Nachricht Mitte Juni dieses Jahres: «Am Weissmies herrschen aktuell sehr gute Verhältnisse, wie seit Jahren nicht mehr. An zwei Tagen haben wir vier Bergführer die Spur durch die noch tief verschneiten Gletscherverwerfungen geschaufelt. Die Normalroute führt nun ohne grosse Probleme durch eine fantastische und imposante Gletscherwelt. Und «mies» ist dieser Berg überhaupt nicht! «Mies» bedeutet im Saaser Dialekt «Moos», weil auf seiner Nordund Westseite mächtige weisse Firnund Gletscherflächen wie weisses Moos den Gipfel bedecken. Auf der Ost- und Südseite dominieren Felsflanken das Bild.» Ausgangspunkt für die Erstbesteigung war 1855 die Almageller Alp. Der Zürcher Jakob Christian Heusser und der einheimische Notar Peter Joseph Zurbriggen waren die ersten Alpinisten auf seinem Gipfel.
Mit der Gondel von Saas-Grund zum Kreuzboden
Eine prächtige Schönwetterperiode neigt sich im ersten Julidrittel dem Ende zu. Der Wetterbericht verspricht ideales Bergwetter und erst abends aufkommende Gewitter. Mit der ersten Gondel fahre ich mit meinem Bergführer Beat Burgener von Saas-Grund zum Kreuzboden und dann zur Bergstation Hohsass auf 3142 m. ü. M. Prächtig die frühmorgendliche Sicht auf den gegenüberliegenden Kranz der Viertausender des Mischabels, dem dritthöchsten Gebirgsmassiv der Alpen oberhalb von Saas-Fee. Der Hauptgipfel ist der Dom, der mit 4545 m. ü. M. der höchste ganz in der Schweiz gelegene Berg ist. 18 Viertausender sind insgesamt von hier aus auszumachen. Und einer davon ist jetzt das Ziel: das Weissmies. Noch ein kurzes abfallendes Wegstück zum Gletschereinstieg, dann heisst es die Steigeisen montieren und Schritt um Schritt in einem angenehmen Rhythmus höher zu steigen. Zuerst über ein breites Gletscherplateau bis längere und dann immer kürzere, steilere Serpentinen zu den markanten Gletscherverwerfungen führen. Die Schneespur ist gefroren und somit das Vorwärtskommen recht kräftesparend. Was wird uns im Gletscherlabyrinth erwarten? Der Triftgletscher erreichte ja 2017 eine besondere Aufmerksamkeit, als 220 Personen in Saas-Grund wegen eines drohenden Gletscherabbruchs evakuiert werden mussten. Dank Radarüberwachung konnte das Geschehen fortlaufend verfolgt werden. Zum Glück blieb nach dem vorhergesehenen Abbruch der grösste Teil des abgebrochenen Hanggletschers auf dem darunterliegenden Eisfeld liegen. Die Erleichterung bei der Talbevölkerung war gross. Noch heute werden diese exponierten, nun aber wesentlich kleineren Eismassen, überwacht.
Uns eröffnet sich eine Märchenwelt
Eine rund zwanzig Meter hohe Eiswand mit wechselvollen Blau- und Grautönen, in der Sonne schillernden Eiszapfen und Pulverschnee in der Spur. Schlichtweg ein zauberhafter Moment für Aug und Seele. Ein Bild löst das nächste ab, denn im Auf- und Ab über Buckel und Gletschereinbrüche gelangen wir nach einem kurzen steilen Anstieg, der mit einem Seil gesichert ist, auf das obere Plateau. Die Sonne heizt auf den riesigen Schneeund Gletscherflächen. Nun folgt ein kräfteraubender Teil. Der Gipfelhang ist erst in der Ferne zu erkennen und stetig geht’s aufwärts, unterbrochen durch blauschimmernde Löcher, die auf lauernde Gletscherspalten hinweisen. Nach einer kurzen Rast folgt der Weg zum eigentlichen Gipfelanstieg, der einem die immer dünnere Luft spüren lässt. Doch ist das Ziel vor Augen, werden auch zusätzliche Kräfte frei. Dann ist es nach drei Stunden geschafft. Auf 4017 m ü. M. mit einer grandiosen Aussicht nach Saas-Fee mit seinem Bergkranz, auf den Simplonpass hinab nach Gondo, talabwärts mit einem Blick aufs Bietschhorn in der Ferne und vor uns der kecke Übergang zum Zwischbergenpass und zur Almagellerhütte. Ungewöhnlich warm ist es hier oben. In der Ferne sind erste Cumuluswolken auszumachen. Mit einer weiteren Seilschaft geniessen wir das Panorama, tauschen Gratulationen aus, halten diesen besonderen Moment bildlich fest und stärken uns aus dem Rucksack. Den Gipfel zu erreichen, ist aber nur die Hälfte der Bergtour. Der Abstieg hat oft seine Tücken. Die Kondition wird gefordert, die Absturzgefahr ist höher und Schneebrücken halten nicht mehr so, wie in der morgendlichen Frische. Zügig gelangen wir zum Sattel und dann über die weiten Hangflächen zur Gletscherverwerfung, die sich zuerst durch lange schwarze Linien auf dem Bergrücken andeutet. Dann gilt es erst recht vorsichtig zu sein. Doch nach der seitlichen Eiswandpassage endet die Spur vor einem schwarzen, breiten Loch. Die Schneebrücke ist weggebrochen, die Tiefe der Gletscherspalte kaum zu erahnen. «Seitlich ist es möglich abzusteigen», ermuntert mich mein Bergführer, allzeit bereit, mich zu sichern. Ein mulmiges Gefühl, Schritt um Schritt auf eine steile Schneefläche zu treten und den Untergrund nicht zu kennen. Es hält, bis ein Bein bis zur Hüfte einbricht. Schnell raus die Devise und auf eine sichere Eisfläche. Das Schwierigste ist geschafft. Gut auf den Weg achtend geht’s den Zickzackkurs bis zum Plateau hinunter. Die Wetterszenerie ändert sich allmählich. Wolken machen sich breit und die Sonne liefert sich mit ihnen ein Wechselspiel. Glücklich und um eine eindrückliche Tour reicher, erreichen wir den Ausgangspunkt in der Nähe der Seilbahn. Nach einem herzlichen Dankeschön an den Bergführer Beat Burgener, mit einem gefüllten Rucksack voller Erinnerungen und auch etwas müden Beinen geht’s nun flott in der Gondel nach Saas-Grund hinunter. Eines ist sicher: «Der Berg wird wieder rufen!»





