Der magische Moment der Umwandlung
26.11.2020 ReinachErwachsen, wann ist das? – Die Sache mit dem Erwachsenwerden entspricht nicht ganz den kindlichen Vorstellungen. Diese Feststellung war fürs Publikum im Reinacher Theater am Bahnhof sicher kein Novum. Zumindest für all jene Gäste jenseits der Fünfundzwanzig ...
Erwachsen, wann ist das? – Die Sache mit dem Erwachsenwerden entspricht nicht ganz den kindlichen Vorstellungen. Diese Feststellung war fürs Publikum im Reinacher Theater am Bahnhof sicher kein Novum. Zumindest für all jene Gäste jenseits der Fünfundzwanzig nicht. Oder Dreissig? Neu war vielen, dass die magische Umwandlung, oder vielmehr deren Nicht-Existenz, so prägnant in Worte gefasst werden kann. Und diese Worte begeisterten.
EP. Viele Lacher und mehrfach spontaner Szenenapplaus – kein Zweifel, Lisa Christ hat ihr Publikum im Reinacher TaB am vergangenen Samstag bestens unterhalten. Interessant dabei: Es sind keine nie dagewesenen Gedanken, mit denen die Künstlerin fasziniert. Dass die Seifenblase der Jugend nicht ein Kokon ist, dem die Raupe irgendwann als Schmetterling entschlüpft, haben wir alle irgendwann irgendwie festgestellt. Lisa Christ besticht mit der Fähigkeit, verwirrende Gedanken in Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen.
Entwicklungsroman 2.0 und Quartlife Crisis
Sie beginnt den Abend in High Heels und beendet ihn in Birkenstöcken. Am Aufhänger Schuhe führt Lisa Christ durch die Entwicklung einer jungen Frau, die, so die Programmankündigung, definitiv aus ihrer Jugend herausgewachsen ist. «Quartlife Crisis» – zwischen schwangeren Freundinnen und stehengebliebenen Junggesellen stellt sie sich die Frage nach Eigenständigkeit, Abhängigkeit und nach der Rolle der Frau in der heutigen Zeit. Manche Presseartikel sehen das Programm in der Sparte der feministischen Kunst. Passender wäre die Bezeichnung «Entwicklungsroman 2.0».Vieles, was Lisa Christ am Beispiel der Frau aufzeigt, betrifft in ähnlicher Weise auch junge Männer. Dass diese sich genauso angesprochen fühlen von der jungen Künstlerin, zeigte das gut durchmischte Publikum im TaB. Auch die Bücher, die Lisa Christ im Anschluss an ihren Auftritt verkaufte, gingen nicht ausschliesslich an Frauen. Dass keines der mitgebrachten Exemplare übrigblieb, unterstreicht den Erfolg des Abends.
Die Grenzen sind fliessend
Ist ihre Kunst Spoken Word oder Kabarett? Unnötig zu unterscheiden, findet Lisa Christ. Die Grenzen seien fliessend, auch zur Slam Poetry. Nur Comedy, diese Feststellung ist ihr wichtig, das mache sie nicht. Vielmehr führt sie das Wort Satire ins Feld. Wie auch immer man ihre Kunst bezeichnen mag, Lisa Christ besticht durch eine enorme Bühnenpräsenz. Als Requisiten reichen ihr Tisch, Wohnzimmerbar, Sofa und ein Bild vom Sündenfall im Paradies. Zwischen diesen Stationen zieht sie alle Register, vom vertrauten Gespräch in Mundart – als wäre man die Freundin bei ihr zu Hause – über die engagierte politische Diskussion und kunsthistorische Abhandlung in stilsicherem Hochdeutsch. Ihr Spiel ist ein ständiger Wechsel zwischen dem typischen Leiern der Spoken-Word-Künstlerin und schauspielerischen Sequenzen, die erfahrene Ein-Mann-Theaterdarsteller zu würdigen wüssten.
Schuhe im Programm
Es hätte ein Wochenende der Schuhe werden sollen. Mit Mahalia Horvath und Lisa Christ hatte das Reinacher Theater am Bahnhof gleich zwei junge Talente angekündigt, deren Programme den Schuh im Titel tragen (das WB hat berichtet). Zur Aufführung kam letztlich nur das Programm vom Sonntag. Obwohl als Böjuerin ursprünglich aus der Gegend, konnte Mahalia Horvath wegen Corona nicht anreisen. Sie weilt zurzeit in Berlin. Die TaB-Verantwortlichen Clo Bisaz und Sven Bachmann bedauerten den Ausfall der Samstagsveranstaltung. Umso mehr freuten sie sich über den gut besetzten Theatersaal am Sonntag. Die Corona-Grenze von fünfzig Gästen sei fast erreicht worden, so Sven Bachmann.


