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26.08.2021 RegionDie Gontenschwilerin Christine Fischer setzt sich auch nach dem zweiten Beben in Haiti für die örtliche Bevölkerung ein. Unter anderem verkauft sie im Hofladen Richner im Oberdorf in Gontenschwil Pflanzen, deren ...
Die Gontenschwilerin Christine Fischer setzt sich auch nach dem zweiten Beben in Haiti für die örtliche Bevölkerung ein. Unter anderem verkauft sie im Hofladen Richner im Oberdorf in Gontenschwil Pflanzen, deren Verkaufserlös vollumfänglich der Schule Esmono in Anse-à-Veau überwiesen wird.
rc. «Mit jedem Franken wird direkt geholfen», versichert Christine Fischer und erzählt im Interview, wie es zur Gründung der Schule Esmondo auf Haiti gekommen ist, welche Rolle der ehemalige, heute 90-jährige Teufenthaler Lehrer Otto Hegnauer gespielt hat und wie ihre Gefühlslage war, als es nach 2010 vor ein paar Wochen erneut die ganze Insel Haiti durchgeschüttelt hat. «Die Hauptstadt war diesmal nicht betroffen. Dies bedeutet jedoch auch schlechteren Zugang, weniger Hilfe; die verschütteten Dörfer sind sehr abgelegen und oft nur erreichbar per Töfftaxi, Esel und Pferd. Sieht man in Videos die vielen krassen Spalten in den Bergen, welche nebst Menschen und Häusern auch hunderte Rinder verschlungen haben, stimmt mich das sehr traurig.»
«Mit jedem Franken wird direkt geholfen»
rc. Vor rund zwei Wochen wurde der Inselstaat Haiti erneut von einem starken Erdbeben getroffen. Bereits 2010 wurden viele Städte zerstört, deren Häuser zum Teil bis heute nicht wieder aufgebaut wurden. Und erneut trifft es die Ärmsten, jene, die in den Bergen leben. Christine Fischer aus Gontenschwil unterstützte schon vor elf Jahren das Projekt des ehemaligen Wynentaler Lehrers Otto Hegnauer und sammelt auch diesmal für die Opfer des Erdbebens in Anse-à-Veau.
2010 bebte die Erde auf Haiti und bis heute konnte man die Opferzahlen nur schätzen. Von 220’000 bis 500’000 Opfern ist die Rede. Erinnern Sie sich noch an das Ereignis?
Das Erdbeben war in den Medien extrem präsent. Viele Menschen spendeten viel für die Opfer. Hilfswerke waren vor Ort, aber leider kaum koordiniert. Ein Beispiel: Die einen schaufelten Material aus den Schächten, es blieb auf den Strassen liegen; beim nächsten Regen geriet alles wieder in die Schächte. Die Clinton-Stiftung zog sich zurück, als mit dem Investierten kein Geld mehr zu verdienen war. Bis heute ist längst nicht alles aufgebaut und die Slumquartiere werden nicht kleiner, die Probleme auch nicht. Viele Spendengelder wurden veruntreut, der Korruption bezichtigt. Es ist nachvollziehbar, dass das damals spendenfreudige Schweizer Volk heute kein Interesse mehr an Spenden für Haiti hat.
Warum ist das Beben 2021, mit deutlich weniger Opfern, genau so schlimm wie 2010?
Das diesjährige Erdbeben war um 0,2 Punkte stärker auf der Richterskala als jenes von 2010. Die Opferzahlen sind diesmal geringer, weil Hauptstadt und Agglomeration nicht betroffen sind. Nur wenige Städte, vor allem jedoch ländliche, bergige Gebiete wurden durchgeschüttelt. Dies bedeutet jedoch auch schlechteren Zugang, weniger Hilfe; die verschütteten Dörfer sind sehr abgelegen und oft nur erreichbar per Töfftaxi, Esel und Pferd. Sieht man in Videos die vielen krassen Spalten in den Bergen, welche nebst Menschen und Häusern auch hunderte Rinder verschlungen haben, stimmt das schon traurig. Gleichzeitig war ein Tropensturm gemeldet.
Was war ihr erster Gedanke?
«Nicht schon wieder Haiti!!» Und: «Hoffentlich trifft der befürchtete Tsunami nicht ein». Tropensturm «Grace» ist dann tatsächlich abgedriftet und brachte «nur» Starkregen. Ein nächster Gedanke galt natürlich den Familien der beiden Schulleiter der Strassenkinderschule Esmono, die in den betroffenen Gebieten leben. Gott sei Dank sind alle wohlauf, sie haben aber alle ihre Häuser verloren. Wegen den Schulferien waren weniger Kinder betroffen, denn viele Schulen stürzten ein. Im Vergleich zu 2010 klappte der Kontakt zu den Haiti-Freunden schnell. Ich erhielt rasch Bericht von der Schulleitung, dass in der Esmono alles OK sei.
Wie empfinden Sie es, dass das Erdbeben 2021 schon nach sehr kurzer Zeit so gut wie verschwunden ist aus den Medien?
Es betrifft mich natürlich, du bist irgendwie mit dem Land und den Leuten verbunden, seit Jahren in permanentem Kontakt. Du siehst vieles vor dir, als wärst du gestern dort gewesen, verändert hat sich in den letzten Jahren leider nicht zu viel. Du verfolgst die Situation, twitterst, nimmst quasi Anteil am Leben und dem Schicksal dieser Menschen. Anderseits ist es durchaus nachvollziehbar, dass solche Ereignisse, Naturkatastrophen hierzulande quasi Eintagsfliegen sind. Es passiert so viel Schlimmes rund um die Welt, die Medien und sozialen Portale überschwemmen uns mit Negativ-Nachrichten. Es ist wichtig, dass man nicht alles an sich heran lässt und sich phasenweise bewusst distanziert.
Sie leisten von der Schweiz aus Hilfe, indem Sie unter anderem Pflanzen verkaufen. Erzählen Sie uns davon.
Der Hofladen Richner im Oberdorf (Zopf), an der Reinacherstrasse 257 in Gontenschwil, hat mir Platz zur Verfügung gestellt, wo ich «Plantwaste» verkaufen kann. Es handelt sich dabei um Pflanzen, die im Garten «im Wege stehen», also Ableger in Bioqualität, Stecklinge, zu viel Ausgesätem, Wild-/Heil- und Nutzpflanzen, Blumen. Der angeschriebene Preis ist meist klein, es darf auch mehr in die rote, separate Kasse gelegt werden. Alles, was in der Kasse ist – sowie alles was dem Verein Pro Esmono gespendet wird (Vermerk «Erdbeben»), kommt vollumfänglich via direkter Banküberweisung der Schullleitung Esmono zu.
Was passiert mit dem Geld?
Mit jedem eingezahlten Franken wird im schwer zugänglichen und stark betroffenen Gebiet Anse-à-Veau Direkthilfe organisiert. Effizient und unkompliziert. Diese Unterstützung wird auf Twitter und der Website dokumentiert.
Wie lange läuft diese Pflanzen-Aktion in Gontenschwil noch?
Ich werde fortfahren mit dem Verkauf, solange ich Pflanzen habe oder bis mich die Familie Richner vom Platz verweist (lacht).
Spenden für die Erdbebenopfer, die übrigens von den Steuern abziehbar sind, nehmen wir gerne über den Verein Pro Esmono entgegen. Unbedingt mit Vermerk «Erdbeben». Die Bankkoordinaten finden sich unter www.esmono.ch.
Der Verein ist klein, neue Mitglieder sind herzlich willkommen. Da der Staat Haiti wenig interessiert ist an der Bildung seiner Bevölkerung, ist die beste Unterstützung jene der Finanzierung einer Schule. Herzlichen Dank all jenen, die soziales Engagement zeigen! Es wird in Haiti sehr geschätzt!
Das Interview führte Remo Conoci



