Ein Tierarzt mit Leib und Seele berichtet
17.02.2022 MenzikenNicht nur wir Menschen brauchen einen guten Arzt, für Tiere gilt das genauso. Am 7. Februar durfte Annette Heuberger, Kümmerin, den Tierarzt Stefan Küng aus Beromünster zum Kaminfeuergespräch in der Residenz Falkenstein Menziken ...
Nicht nur wir Menschen brauchen einen guten Arzt, für Tiere gilt das genauso. Am 7. Februar durfte Annette Heuberger, Kümmerin, den Tierarzt Stefan Küng aus Beromünster zum Kaminfeuergespräch in der Residenz Falkenstein Menziken begrüssen.
(Eing.) Der Gast des Kaminfeuergesprächs, Dr. med. vet. Stefan Küng, war während Jahrzehnten im Michelsamt tätig. Er wuchs als jüngstes von fünf Kindern auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im luzernischen Ruswil auf. Lachend erzählte er, dass mit ihm als Nachzügler wohl niemand mehr gerechnet hatte. Der Hof «Elischwand» lag sehr abgelegen. Egal welches Dorf in der Umgebung man ansteuerte (Ruswil, Nottwil, Buttisholz, Neuenkirch) dauerte der Fussmarsch rund eine Stunde. (Ruswil ist die Gemeinde mit dem dritthöchsten Anteil an landwirtschaftlichen Betrieben schweizweit. Gemäss letzter offizieller Zählung leben dort gesamtschweizerisch am meisten Grossvieh-Einheiten. In Zahlen ausgedrückt leben in Ruswil fast halb so viele Kühe wie Einwohnerinnen und Einwohner!).
In der Jugendzeit von Stefan Küng wurde der Hof, wie es damals noch üblich war, fast ohne Maschinen betrieben. Und der «Elischwand-Hof» war kein kleines Gut. So hatte man nebst einer Schweinemast immer rund 40 Kühe und auch Kälber und Rinder auf dem Betrieb.Auf dem Hof lebten nebst einer grossen Familie viele Helferinnen und Helfer. Zwei bis drei Melker und ein «Charer» (Fuhrknecht) hatten dort ihren Verdienst, sie waren meist angehende Landwirte. Der Vater führte das Gut, daneben war er noch in der Politik aktiv.
Die Mutter war nicht nur die gute Seele, sondern auch verantwortlich für viele Bereiche wie die Erziehung und Betreuung der Kinder, der Buchhaltung, der Wäsche und vielem mehr. Sie war in Nottwil aufgewachsen. Vor der Heirat arbeitete sie auf der Gemeindekanzlei in Nottwil. Daneben war die leidenschaftliche Klavierspielerin als Organistin tätig und leitete einen Chor. Sie war es, die viel frischen Wind auf den Hof brachte. Heute würde man sagen, sie sei emanzipiert gewesen, sie brachte moderne Ansichten in den Alltag ein. Fuhr sie doch eigenständig im Sommer mit dem Pferdewagen, der Chaise, und im Winter mit dem Pferdeschlitten aus. Pferde waren eine ihrer Leidenschaften, von denen waren immer zwischen zwei und vier Tiere auf dem Hof.
Zwei ledige Schwestern des Vaters halfen, wie das damals ebenfalls oft üblich war, auf dem Hof mit. Eine der beiden Frauen war verantwortlich für die Küche, wo viel Arbeit anfiel. Die andere Tante kümmerte sich um den Garten, die Hühner und die Schweine. Dem Betrieb war eine, von acht landwirtschaftlichen Betrieben als Genossenschaft geführte, Käserei angegliedert. Dort wurde die Milch der Betriebe aus der Genossenschaft verarbeitet. Ein Ort, an dem Stefan Küng oft anzutreffen war und er gerne mit anpackte. Der Hof bot aber auch sonst einiges, um dummen Ideen vorzubeugen. So ging man gemeinsam fischen, jasste an den Abenden oder vergnügte sich auf der hofeigenen Kegelbahn.
Stefan Küng erinnerte sich an all die Menschen, die regelmässig ihren Hof besuchten. Dabei waren Berufsgattungen darunter, die viele Menschen gar nicht mehr kennen. Regelmässig kamen der Bäcker und der Metzger vorbei, die Wäscherinnen, im Herbst/Winter der Störmetzger, der Bürdeler, der Schnapsbrenner, die Baumwärter, der Ferkelschneider, der Klauenputzer, der Sattler, die Schneiderin und der Hausierer vorbei. Bei den Wäscherinnen sind Stefan Küng die grossen Steinfelsseifen und die vielen, zum Trocknen aufgespannten Laken in Erinnerung geblieben. Aber auch die Störmetzgertage sind für ihn unvergesslich. In diesen Tagen gab es bei der Fleischverarbeitung viel zu tun. Die Vakuumierung oder den Gefrierschrank kannte man ja noch nicht. So wurde Fleisch eingebeizt, eingepökelt, geräuchert und in Dosen abgefüllt. Es war der Zeitpunkt, die vielen Erntehelfer mit Naturalien zu entgelten. Ebenso kamen die Verwandtschaft, der Pfarrer, der Lehrer und viele mehr in den Genuss des Fleischs.
Zur Schule mussten die Küng-Kinder in die Gesamtschule Etzenerlen. Dort wurden sechs Klassen von einem Lehrer unterrichtet. Die Kinder stammten fast ausschliesslich von den Bauernhöfen der Umgebung. Der Schulweg in die Oberstufe in Ruswil war lang und dauerte im Winter zu Fuss rund eine Stunde. Für die Mutter war dieser Schulweg ein Grund, dass sie sich dafür einsetzte, dass die Kinder im Internat geschult wurden. So kam Stefan Küng zum Beispiel in die Lateinschule nach Beromünster. Anschliessend wechselte er an das Internat nach Einsiedeln, wo er die Matura machte. *
In dieser Zeit blieben ihm die regelmässigen Briefe seiner Mutter in bester Erinnerung. Sie verfasste immer einen allgemeinen Teil, den sie auf der Schreibmaschine mit vierfachem Durchschlag schrieb. Dann ergänzte sie jeden Brief mit einem persönlichen, handschriftlichen Teil. Diese Briefe erreichten die Kinder im 14 Tage Rhythmus, zusammen mit dem Paket mit frischer Wäsche. In spezieller und nachhaltiger Erinnerung blieb ihm auch der Religionsunterricht in Nottwil. Dort lernte er nämlich vor 52 Jahren seine heutige Ehefrau Gerda kennen.
Nach der Matura in Einsiedeln ging es zum Tierarztstudium nach Zürich. Damals studierte man den Beruf noch ganzheitlich, also Nutztiere und Kleintiere als eine Einheit. Heute spezialisiert man sich schon ab Beginn des Studiums auf einen Fachbereich. Um das Studium mitzufinanzieren, war Stefan Küng als Assistent bei Tierärzten zur Mithilfe bei Impfungen im Einsatz. Zudem fand er bei der Bahnpost einen Zusatzverdienst. Dass zur damaligen Zeit Kinder von Höfen ein Studium machen durften, war nicht selbstverständlich. Zumal noch weitere Küng - Kinder eine Ausbildung machen sollten. So wurde ein Bruder Landwirt und machte noch eine Handelsausbildung, seine zwei Schwestern wurden Hauswirtschaftslehrerinnen und ein Bruder schlug die Juristenlaufbahn ein.
Nach dem Tierarztstudium arbeitete Stefan Küng am Tierspital Zürich, wo er auch doktorierte. Er war ein leidenschaftlicher Grosstierarzt. Sein absolutes Favoritentier war die Kuh. Längere Zeit war er an der Geburtshilfeklinik für Kühe tätig. Dort war er als junger Assistent und frisch verheiratet über Weihnachten zum Dienst eingeteilt. Seine Frau Gerda wusste, wie viel ihrem Mann Weihnachten bedeutete und besuchte ihn in der Klinik, ausgestattet mit einem Korb mit feinem Essen. Kaum war Gerda da, ging es los! Stefan Küng musste insgesamt sechs Kaiserschnitte an Kühen durchführen. Da braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass mit dem Weihnachtsessen nichts wurde.
Stefan Küng berichtete auch von einer speziellen «Patientin» im Tierspital in Zürich: Eine Schwarzfleckkuh aus dem Jura. Sie konnte nicht mehr schlucken und hatte mächtigen Speichelfluss. Man vermutete eine Verletzung im Bereich der Speiseröhre/Magen. Aber alle Untersuchungen lieferten keine Diagnose. Man untersuchte das Tier zusätzlich auf Tollwut. Und siehe da, ein Volltreffer. Es war die erste Kuh in der Schweiz mit der Diagnose Tollwut. Damals gab es in der Schweiz für Menschen noch keine Impfung. Ohne Behandlung ist Tollwut auch heute noch unheilbar und verläuft tödlich. Eine grosse Anzahl von Menschen war mit dieser Kuh in Kontakt gekommen. Nach einer klinischen Untersuchung aller betroffenen Mitarbeiter wurde ein Impfstoff aus Frankreich geliefert. Die Betroffenen mussten sich während 16 Tagen täglich eine Dosis verabreichen. Die Nebenwirkungen seien absolut fürchterlich gewesen. Die Lymphen schwollen schrecklich an, was ein Gehen oder Arbeiten nur mit unheimlichen Schmerzen zuliess. Trotzdem mussten alle arbeiten. In seiner beruflichen Laufbahn musste sich Stefan Küng wegen Tollwutfällen noch zwei Mal impfen lassen. Dann aber mit einem neuen Impfstoff, der besser verträglich war. Ein Berufskollege wurde noch mit dem alten Impfstoff geimpft. Nach der 12. Dosis brach dieser ab, da er die Nebenwirkungen nicht mehr ertragen hatte. Lieber wolle er sterben, meinte er, was dann leider auch eintraf.
Stefan Küng erhielt die Möglichkeit, als Assistent in der Tierarztpraxis Dr. Egli in Beromünster tätig zu werden. Später wurde die Praxis in eine Gemeinschaftspraxis umgewandelt. Nach dem Ausscheiden von Dr. Egli arbeitete er mit Dr. Ineichen und Dr. Sidler zusammen. Aus dieser Zeit sind ihm vor allem die Nachteinsätze bei Schnee in spezieller Erinnerung geblieben. Allrad-Autos kannte man nicht. So kam es vor, dass ihn ein Landwirt mit dem Traktor zum Hof schleppen musste und natürlich nachher auch wieder vom Hof weg.
Der Wechsel zu den Kleintieren kam schleichend. Immer mehr Menschen hatten Kleintiere und benötigten den Tierarzt. Eine Notoperation an einem Hund entpuppte sich als Wendepunkt. Das gelungene Resultat sprach sich schnell herum und Menschen mit Kleintieren suchten ihn mit ihren Vierbeinern auf. Schliesslich wechselte Stefan Küng ganz in den Bereich Kleintiere und eröffnete eine eigene Praxis, integriert im neuen Eigenheim in Beromünster. Dort wirkte er bis 2014. Dann übergab er die Praxis seinem Sohn, der sie heute zusammen mit Dr. Curschellas an einem neuen Standort in Beromünster betreibt. Beim Erzählen seiner Lebensgeschichte spürt man die enorme Begeisterung für seinen ehemaligen Beruf. Eine Tätigkeit, die er als Berufung ausgeführt hat.

