Streiflicht
27.10.2022 RegionLicht
Unglaublicherweise streiten wir uns dieser Tage tatsächlich übers Licht, das einzige Gut, das auf natürliche Weise in endloser Menge vorhanden ist, sofern es nicht gerade Nacht ist. Aber um genau diese Nacht geht es in den ebenso endlosen ...
Licht
Unglaublicherweise streiten wir uns dieser Tage tatsächlich übers Licht, das einzige Gut, das auf natürliche Weise in endloser Menge vorhanden ist, sofern es nicht gerade Nacht ist. Aber um genau diese Nacht geht es in den ebenso endlosen Diskussionen darüber, ob das Schaufenster um 2 Uhr morgens noch erhellt sein muss und eine Weihnachtsbeleuchtung überhaupt noch verantwortbar ist. Schliesslich droht uns allen nicht nur ein Stromausfall, sondern der komplette Blackout, bei dem wirklich die ganze Welt stehen bleibt. Kein Schawinsky am Fernsehen, keine Gemeindeversammlungen, kein Facebook, keine Besuche bei den Schwiegereltern − und natürlich gibt es auch Nachteile: Kein warmes Wasser, kein Benzin, keine offenen Läden. In Zürich soll ein Kunde einem Coop-Mitarbeiter Esswaren angeworfen haben, weil er den Einkauf nicht mit dem Kärtli bezahlen konnte.
Jetzt stellen Sie sich vor, wie diese Welt durchdreht, wenn der Laden tagelang nicht mehr öffnet, weil Lieferketten, Kühlung, Kassen und Eingangstüren alle Strom brauchen, der nicht da ist. Ohne den geringsten Notvorrat zu Hause müssten die Leute am Dorfbrunnen Wasser holen, das Hoflädeli ausrauben und hoffen, der Mitarbeiter im Coop werfe das Essen wieder zurück. Die Sprengung eines Bancomaten wäre der einzige Weg, um an Bargeld zu kommen und Frauen würden sich an den Haaren reissen, um an das letzte vertrocknete Stück Brot zu gelangen, das der Bauer für seine Kaninchen gesammelt hat. Männer an der Zapfsäule schlügen einander die Zähne aus, um danach zu merken, dass auch die Zapfsäule ohne Strom nicht läuft. Der Bundesrat würde den Notstand über UKW ausrufen, was aber niemand hört, weil wir ja auf DAB+ umrüsten mussten. Schliesslich würde das Militär neuralgische Punkte wie Coop-Filialen mit Stacheldraht abriegeln, damit keiner etwas klaut und Freiheitsrechte würden eingeschränkt, damit die eskalierenden Demos endlich aufhören!
Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben. Nämlich, dass das Ablöschen der Weihnachtsbeleuchtung auch keine Lösung ist. Für viele Menschen bedeutet ein Licht in der Nacht Sicherheit, die weihnachtliche Stimmung wärmt die Seele, spendet vielen einsamen, oft älteren Menschen Trost. Auch wenn man es nicht wahrhaben will: dieses Licht im Winter ist viel mehr als ein kirchliches Fest, das man einfach ausschalten kann. Wenn schon, sparen wir doch lieber beim hemmungslosen Konsum, dem rücksichtslosen Umgang mit der Welt oder bei der völlig aus dem Ruder gelaufenen Wegwerf-Kultur. Dann überstehen wir vielleicht sogar einen Blackout.
Remo Conoci
