Ein Kokon – drei Kilometer Seidenfaden
06.04.2023 Reitnau, AttelwilDen Verantwortlichen des Naturund Vogelschutzvereins Reitnau/Attelwil (NVR/A) gelingt es immer wieder, mit interessanten Präsentationen zu überraschen. Dieses Jahr referierte Daniel Spengeler über seine Maulbeerbaum-Plantage und die aufwändige Produktion von Seide. Der ...
Den Verantwortlichen des Naturund Vogelschutzvereins Reitnau/Attelwil (NVR/A) gelingt es immer wieder, mit interessanten Präsentationen zu überraschen. Dieses Jahr referierte Daniel Spengeler über seine Maulbeerbaum-Plantage und die aufwändige Produktion von Seide. Der einzige Wermutstropfen des Abends: Daniel Hauri legte sein Präsidentenamt nieder.
st. Eine umfassende Auslage an Seidenkokons, Informationsmaterial und vor allem verschiedenste Produkte, die durch die Seidenraupen gewonnen werden, wurden im Gemeindesaal Attelwil auf einem langen Tisch gezeigt. Brigitte Spengeler, die Mutter des Referenten, gab aufschlussreiche Erklärungen zu den Auslagen. Es gibt keine Naturfaser, die diesen Seidenglanz aufweist. Bis heute kann sie auch nicht künstlich hergestellt werden. Die einzigartigen Eigenschaften der Seide können nicht kopiert werden. Diese Tatsache mag der Grund gewesen sein, dass sich die Familie Spengeler durch eine Radiosendung über Seidenraupen angesprochen fühlte. Sie befasste sich näher damit und begann mit 100 Maulbeerbäumen, heute sind es 700 Bäume auf einer Fläche von 30 Aren. Die ersten Raupen – die Eier stammen auch heute noch aus Padua – wurden in der Wohnung aufgezogen, bis dann ein Seidenraupenraum gebaut wurde. Das Know-how über diese Sparte mussten sich die Spengelers von Grund auf selber erarbeiten. Zwar wurden vor über 100 Jahren in der Schweiz bereits Seidenraupen gezüchtet, aber überliefert wurde praktisch nichts. Jedenfalls wurde hier nun gepröbelt. Rückschritte mussten in Kauf genommen werden. Einmal war es der Hagel, der die Maulbeerblätter – die einzige Nahrung der Seidenraupen – zerstörte. Zum Glück fanden die Spenglers in Luzern Maulbeerbäume, die nicht zum Eigengebrauch dienten und konnten dort ernten. Brigitte Spengeler liess die Blätter in frischgewaschene Leintücher einpacken. Danach gingen alle rund 5000 Raupen ein – der Weichspüler in der Wäsche war schuld daran. Ein andermal war es ein heisser, trockener Sommer, die Blätter wurden gelb, und dies wirkte sich negativ auf die Qualität des Seidenfadens aus.
Anstrengende Handarbeit
Ohne Mithilfe der ganzen Familie wäre eine solche Seidenraupenzucht nicht möglich, denn in den Hauptzeiten fällt sehr viel Handarbeit an, bei inzwischen über 70’000 Exemplaren. Die Maulbeerbäume werden niedrig gehalten, sodass es zum Blätterpflücken keine Leiter braucht. Die Raupen häuten sich mehrmals pro Saison. Sie müssen regelmässig umparkiert werden, um den Mist zu entfernen. Damit sie sich verpuppen können, brauchen sie Spinnhilfen in Form von Gittern mit vielen kleinen Holzkästchen. Dort suchen sie sich ein Plätzchen und umhüllen sich während drei Tagen, indem sie einen Faden von drei Kilometer Länge produzieren. Das Einspinnen ist ein Vorgang, bei dem sich die Raupen einer raffinierten Technik bedienen. Inzwischen wurde der Seidenraupenraum so ausgestattet, dass die Arbeit in einigen Bereichen erleichtert werden kann. Im richtigen Moment – bevor der Falter zu schlüpfen beginnt – werden die Kokons weiter verarbeitet. Das Abhaspeln passiert auch hier auf dem Hof der Familie Spengeler. Als einzige der inzwischen fünf Schweizer Produzenten sind die Spengelers dafür eingerichtet. Die Spulen können danach in der Manufaktur zur Weiterverarbeitung abgeliefert werden. Die Nebenprodukte werden anderweitig verwendet: Die toten Raupen ergeben Hamsterfutter. Der Leim beispielsweise, welcher bei der Verwendung von Seide für Zahnimplantate abfällt, kann zur Produktion von feiner Hautcreme oder duftender Seife verwendet werden. «Allerdings», so Brigitte Spengeler, «reich werden kann man damit nicht. Die ersten fünf Jahre legt man mächtig drauf. Wenns bis dann nicht klappt, muss der Traum aufgegeben werden.» Siehe auch unter www. fluckseidenfarm.ch.
Verein ohne Präsident
Das vergangene Vereinsjahr des NVR/A verlief nach der Corona-Zeit wieder einigermassen normal. Auch die Inhalte der übrigen Traktanden bewegten sich im bisherigen Bereich. Der Jahresbeitrag wird bei 25 Franken belassen, die Mitgliederzahl liegt bei 100. Aber: Daniel Hauri legte sein Amt als Präsident nieder. Seit 17 Jahren wohne er nun in Schöftland und habe kaum mehr Beziehungen zu den jüngeren Generationen der Reitnauer. Er wird aber weiterhin im Vorstand mitwirken, bis eine Lösung gefunden wird, zumal auch ein zweites Vorstandsmitglied Rücktrittsabsichten hegt. Bis dahin bleibt der Präsidentenposten vakant.



