Wenn Piraten Brot backen
31.07.2024 GontenschwilAm Kongress der Schweizer Bäcker-Confiseure wird seit 12 Jahren die jeweils beste Bäckerei der Schweiz erkoren und mit der «Bäckerkrone» ausgezeichnet. 2024 fiel die Wahl auf die Piraten-Bäckerei der Familie Sollberger in Gontenschwil.
rms. Es ...
Am Kongress der Schweizer Bäcker-Confiseure wird seit 12 Jahren die jeweils beste Bäckerei der Schweiz erkoren und mit der «Bäckerkrone» ausgezeichnet. 2024 fiel die Wahl auf die Piraten-Bäckerei der Familie Sollberger in Gontenschwil.
rms. Es ist beileibe keine gewöhnliche Bäckerei, die Piraten-Bäckerei von Kevin und Stefanie Sollberger in Gontenschwil. Überall stösst man gut sichtbar auf Piratensujets: Ein abgehalftertes Piratenschiff an der Hausfassade, ein Schädel zwischen Spitzbub und Kartenzahlgerät, ein stilisiertes Totenkopf-Logo gross auf dem Foodtruck vor dem Eingang, und schon auf den kreidebeschriebenen Werbetafeln wird man allenthalben mit einem «Ahoi!» begrüsst. Im Laden selbst ist die Vitrine mit gluschtigen Confiseur-Kreationen und leckeren Broten nur Nebendarsteller. Auch hier dominieren Piratensujets wie beispielsweise liebevoll gestaltete Schatztruhen gefüllt mit feinen Pralinés.
Kevin Sollberger, alias Captain Tscheggee, führt diese Bäckerei zusammen mit seiner Frau Stefanie nun seit 2012 in der vierten Generation. Den Betrieb haben die beiden damals von seinen Eltern übernommen. Seit jeher – die Bäckerei ist seit 1929 in Familienbesitz – wurde der Fokus stark auf die Ausbildung von Lernenden gelegt. Der eigentliche Höhenflug begann mit Ramona Bolliger, die hier ihre Bäcker-Lehre absolvierte und diese als beste Lernende des Kantons abschloss. So durfte sie auch an die Schweizer Meisterschaften, wo sie so gut abschnitt, dass sie sich für die Weltmeisterschaften qualifizierte und dort 2017 tatsächlich Bäcker-Weltmeisterin wurde. Das war für den ehemaligen Lehrmeister Kevin Sollberger «sehr cool» und wurde auch mit einem grossen Fest gefeiert. Es kommt schliesslich ganz selten vor, dass ein «Dorfbeck» einen solchen Erfolg feiern kann. So hat diese Erfolgsgeschichte angefangen, und dann ist auch immer der eine oder andere Erfolg dazugekommen. Das hat auch damit zu tun, dass die Lernenden und natürlich auch ihre Eltern erkannten, dass in diesem kleinen Dorfbetrieb gut gearbeitet wird und man hier sehr erfolgreich ins Berufsleben starten kann. Ein weiteres Erfolgskapitel fügte Zora Roth an, die den «Brot-Chef 2022» gewann, einen Wettbewerb unter Lernenden.
Lernende im Praxistest
Im gleichen Jahr haben Sollbergers auch die Geschäftsleitung für zwei Wochen komplett den Lernenden abgegeben. Diese durften also zu viert alles selber machen, von den Arbeitsplänen übers Kalkulieren und Einführen neuer Produkte bis zur Buchhaltung und Bestellung. Das hat die Lernenden beeindruckt und so haben sie ihren Lehrmeister nominiert für den «Zukunftsträger», also sozusagen den Berufsbildner des Jahres. Diese Auszeichnung durfte Kevin Sollberger dann im November 2023 tatsächlich entgegennehmen.
Lieferant animierte zur Bewerbung
Und erst da kam dann die Geschichte um diese «Bäckerkrone» ins Rollen. Das ist ein schweizweiter Fachpreis, um den man sich selber bewerben kann oder von Kunden oder Lieferanten vorgeschlagen wird. So wurden auch Sollbergers von einem Lieferanten motiviert, sich zu bewerben. Er meinte, mit der Energie und Freude, die Sollbergers in ihren Betrieb steckten, sollten sie es doch mal versuchen. «Ich habe dann ein Dossier zusammengestellt und eingereicht, in welchem ich den Fokus auf unser Piratenkonzept sowie auf die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeitenden legte», sagt Captain Tscheggee. Von den 50 Dossiers, die eingingen, hat eine Fachjury drei Finalisten nominiert und diese drei Betriebe dann persönlich besucht. So wurde die Piraten Bäckerei in Gontenschwil zweieinhalb Stunden lang akribisch geprüft und die Familie Sollberger konnte sich und ihre Philosophie vorstellen. Schliesslich wurden die drei Finalisten-Betriebe zur Preisverleihung anlässlich des jährlich stattfindenden Kongresses der Schweizer Bäcker-Confiseure im Juni eingeladen.
Wie bei den Oscar-Nights
Wenn Kevin Sollberger, oder eben Captain Tscheggee von der Preisverleihung erzählt, dann strahlt er noch mehr als üblich: «Es war ähnlich wie eine Oscar-Verleihung; die drei Finalisten durften auf die Bühne und dann wurde das Siegercouvert geöffnet und unser Name verlesen. Die Jurypräsidentin verlas eine schöne Laudatio, in der sie auch immer wieder auf unser Piratensujet Bezug nahm. Natürlich waren unsere Kinder auch dabei, wir sind schliesslich ein Familienbetrieb und da gehören sie einfach dazu. Und es versteht sich, dass wir für solche Anlässe im Piratenkostüm auftreten. Das zelebrieren wir dann schon.» Die Freude, dass die drei Buben das Ganze mitmachen und auch schon mal gerne selber in der Backstube stehen, kneten oder Guetzli ausstechen, ist nicht zu überhören. Es wäre «megacool», wenn sie die Bäckerei dereinst in fünfter Generation übernähmen. Aber selbstverständlich werden sie von ihren Eltern dazu nicht gedrängt. «Sie sollen dereinst frei entscheiden.»
Natürlich ist Familie Sollberger nicht ständig im Piratenkostüm unterwegs. Aber es gibt schon immer wieder Situationen, in denen sie als Piraten auftreten, beispielsweise bei Caterings, Partyservice oder wenn man irgendwo Pizza macht. «Aber wenn ich in der Backstube arbeite, dann sieht man uns natürlich in normalem Bäcker-Outfit. Ausser, wenn eine Schar Kinder vom Ferienpass vorbeikommt.»
Gwärbi Zetzwil als Startschuss
Das Piratenkonzept haben Sollbergers im Hinblick auf die Gewerbeausstellung Zetzwil 2018 erstmals präsentiert. «Ich hatte schon länger den Gedanken, unsere Bäckerei in ein bestimmtes Motto zu kleiden», sagt Kevin Sollberger. In Restaurants funktioniert das ja auch, beispielsweise mit Themen wie ‘Western Style’. Und ich wusste, wir müssen uns stärker bemerkbar machen, zumal unsere Bäckerei in Gontenschwil nicht gerade an einer verkehrsreichen Strasse liegt.». Ein dankbares Thema, das bei Jung und Alt gut ankommt, für Freiheit, Abenteuer, Ausgeflipptheit und vielleicht eine gesunde Portion Rebellion steht und viel Spielraum für Buntes sowie die sprü- henden Ideen der beiden Bäckersleute lässt.
Einkaufserlebnis für Gross und Klein
Stefanie Sollberger weiss, dass sie mit ihrem Konzept nicht zuletzt bei Kindern voll ins Schwarze trifft: «Wir haben im Laden eine Schatzkiste mit kleinen Aufmerksamkeiten oder Süssigkeiten. Jedes Kind darf bei einem Einkauf einen ‘Schatz’ aus der Kiste nehmen.» Kein Wunder gibt es viele Kinder, die ihre Eltern beim Grossverteiler dazu drängen, das Brot doch lieber beim Piratenbeck zu holen. Ein solches Einkaufserlebnis gibts nämlich nur da. Regelmässige Schatzsucher, respektive junge Kunden, erhalten gar bei jedem Einkauf einen Stempelabdruck auf ihre Schatzkarte, und eine volle Karte kann gegen ein Geschenk eingetauscht werden. So geht Kundenbindung. Darüber hinaus organisiert die Piraten-Bäckerei gelegentlich eine Schatzsuche. Die teilnehmenden Kinder suchen anhand einer Schatzkarte verschiedene im ganzen Dorf verteilte Posten, lösen mehr oder weniger knifflige Aufgaben und erreichen schliesslich das Ziel bei der Bäckerei, wo sie für ihre Anstrengungen belohnt werden. Man merkt, dass Familie Sollberger nicht zuletzt von den eigenen drei Söhnen erfährt, was Kindern Spass macht.
Insgesamt 19 Personen arbeiten, teilweise in Teilzeit, für die Piraten-Bäckerei. Einer davon ist der Chauffeur, der täglich diverse Geschäfte und Restaurants oder Einrichtungen wie das Spital Menziken mit der bestellten Ware beliefert. «Allen Angestellten gemeinsam ist, dass sie im Herzen Pirat sind», erklärt Kevin Sollberger. Dass die Verkäuferin, die zum Zeitpunkt unseres Interviews hinter der Ladentheke steht, einen Anker hinters Ohr tätowieren liess, sei aber Zufall. «Das ist keine Bedingung für eine Anstellung bei uns.»
Riesiges Echo nach Auszeichnung
Vor nun sechs Jahren hat sich die Bäckerei Sollberger zur Piraten-Bäckerei gewandelt. Anfänglich sei man gerade von Berufskollegen belächelt, um nicht zu sagen als Spinner bezeichnet worden.Aber nicht zuletzt die Auszeichnung mit der Bäckerkrone – die Ehrentafel hängt gut sichtbar im Laden vor dem Brotgestell – gibt den innovativen Bäckersleuten recht. Der anfängliche Spott ist meist in Bewunderung umgeschlagen. «Die Bäckerkrone ist so etwas wie der Ritterschlag in unserer Branche», sagt Captain Tscheggee. «Sie hat ein riesiges Echo ausgelöst, angefangen bei mehreren Medienterminen. Viele Kunden haben uns gratuliert und teilweise Blumen oder eine Flasche Wein vorbeigebracht. Und praktisch alle Partner hätten sich erkenntlich gezeigt. Noch heute, knapp zwei Monate nach der Preisverleihung, kommen neue Kunden, die gwundrig wurden und die besondere Bäckerei auch mal kennenlernen wollen. «Da haben auch schon Kunden von weiter her, beispielsweise aus Kölliken oder Schöftland bei uns reingeschaut. Unser Ziel ist es, jeden Kunden unsere Qualität, unsere Energie und die freundliche Bedienung spüren zu lassen, so dass es nicht bei diesem einen Besuch bleibt und er dieses spezielle Einkaufserlebnis immer wieder bei uns sucht.»
Beste Bäckerei der Schweiz, bester Ausbilder, und eine Weltmeisterin haben Sollbergers auch schon zum Erfolg geführt. Können diese Erfolge noch gesteigert werden? Kevin Sollberger schmunzelt: «Wir wurden von Berufskollegen auch schon gefragt. was noch kommen soll, wenn man schon alles gewonnen hat, was es in unserer Branche zu gewinnen gibt.» Sie hätten schon vorgeschlagen, einen neuen Wettbewerb für ihn zu kreieren. Tatsächlich haben sich die Sollbergers – trotz aller Annehmlichkeiten des Erfolgs – nicht auf weitere Titelgewinne eingestellt. So steht als nächster Meilenstein erst per 2029 das 100-Jahr-Jubiläum der Bäckerei Sollberger fest. «Auch diesen Erfolg werden wir sicher gebührend feiern.»




