«Denn es sind gute Geschichten …»
19.09.2024 DürrenäschDie Tage des Korki-Areals im Dorfzentrum von Dürrenäsch sind gezählt. An seiner Stelle entsteht eine moderne Überbauung mit zahlreichen Möglichkeiten für das Dorf und seine Bevölkerung. Am Erzähltalsamstag wurde ein letztes Aufleben in den alten ...
Die Tage des Korki-Areals im Dorfzentrum von Dürrenäsch sind gezählt. An seiner Stelle entsteht eine moderne Überbauung mit zahlreichen Möglichkeiten für das Dorf und seine Bevölkerung. Am Erzähltalsamstag wurde ein letztes Aufleben in den alten Gemäuern gefeiert, ja es wurde im feierlichen Rahmen ihrer Geschichte gedacht und von ihnen Abschied genommen.
hg. Bald sind die eindrücklichen Industriebauten im Dürrenäscher Zentrum Geschichte, die Tage des Korkiareals gezählt.An seiner Stelle entsteht ein Wohnquartier. Um die markante Veränderung im Dorfbild einzuläuten, wurden ein allerletztes Mal die Türen zur Korki geöffnet und damit auch die Türen zu ganz vielen Geschichten und Erinnerungen. So passte denn dieser Anlass wunderbar zum Erzähltalwochenende. Auf einem Rundgang gab es Geschichten voller Geschichte zu hören und es wurde mit einem eindrücklichen, ja schon fast wehmütigen Festakt Abschied genommen von den Gebäuden. Nicht aber von der Geschichte und den Geschichten, die hier geschrieben wurden, hier zuhause sind. «Denn die Geschichten bleiben in unseren Herzen und können weitererzählt werden», merkte der bekannte Journalist, Kabarettist und Podcastproduzent Pascal Nater an, welcher die in Scharen angereisten Besucher mit auf eine kleine Zeitreise nahm.
Pausenglocke, schwarze Mannen und Schlagen
Inspiriert durch die Weltausstellung im Paris gründete Carl Alpsteg-Buhofer im Jahr 1878 die erste schweizerische Korkfabrik zur Herstellung von Korkwaren (Zapfen, Sohlen, Huteinlagen, Formstücke etc.). Zuvor hatte er Spiel- und Musikdosen hergestellt. Nach seinem Tod übernahm sein Schwager Max Buhofer das Zepter, die Korkfabrik wurde in Bumax-Werke AG umbenannt. Mit dem Zweiten Weltkrieg folgten schwierige Zeiten, was 1949 zum Konkurs des Unternehmens führte. Schliesslich übernahm Oskar Sager, damals Gemeindeammann von Dürrenäsch, das Unternehmen. Ein weitsichtiger und innovativer Patron, hatte er beispielsweise bereits damals einen Fürsorgefonds für seine Mitarbeiter geschaffen.
Auf den Spuren dieser Geschichte begaben sich die Besucher auf einen Rundgang durch die alten Gemäuer. Pascal Nater zeigte auf, wie die Rinde der Korkeiche einst in Dürrenäsch angeliefert worden ist. «Aus Spanien und Portugal kamen sie auf dem Seeweg in die Schweiz, dann mit Güterwagen nach Hallwil und da mussten sie auf die LKS verladen und nach Dürrenäsch gefahren werden. Dies war mühsam und brauchte viel Personal. «Da wurde in Geschichte geschrieben», erinnerte Pascal Nater. Es wurden nämlich die beladenen Güterwaggons mittels Rollschemel auf der Strasse direkt in das Firmengelände gebracht. Mitgereist sind da nicht wenige Male blinde Passagiere, nämlich Schlangen, wie sich verschiedene Zeitzeugen erinnerten. In der sogenannten Brächi wurde die angelieferte Rinde dann zu Korkschrot gemahlen und nach Korngrössen sortiert. Über ein Röhrensystem gelangte das Korkschrot von der Brächi zu den Silos oberhalb der Röschti.
«Nehmen Sie einen tiefen Atemzug», merkte Pascal Nater, in der Röschti angekommen an. «Hier ist gearbeitet worden.» Und dies unter Arbeitsbedingungen, die man sich heute nur noch schwer vorstellen kann. In der Röschti, da wo das Schrotgut einst in einer erhitzten Trommel geröstet und mit einem Bindemittel vermengt wurde, herrschte eine enorme Hitze, ein dunkles Loch sei es gewesen. Auf schwarze Mannen mit weissen Gesichtern sei man hier gestossen, erzählten Zeitzeugen. Schwarz vom Russ, vom Pech, weiss von der Salbe, die sich die Arbeiter zum Schutz im Gesicht einrieben. Brände, die waren in der Korki keine Seltenheit, wusste Pascal Nater zu berichten. Grössere und kleinere Brände waren schon fast an der Tagesordnung, da gerösteter Kork die Hitze im Verarbeitungprozess lange eingeschlossen hielt. Feuer gehörten zum Berufsalltag dazu, damit lernte man umgehen. «Die Feuerwehr haben wir verjagt, das waren unsere Feuer …», ertönte dazu die Stimme eines Zeitzeugen aus dem Lautsprecher.
Pascal Nater erinnerte auch an die Nachtwächter, welche im Areal ihre Runden drehten und so manche Geschichte festhielten, die heute zum Schmunzeln anregt. Oder er zeigte, wo die Korkblöcke mit einer raumfüllenden Sagi in Platten geschnitten wurden. «Und da macht der Name Sager dann auch Sinn …»
Mit den Jahren wurde die Konkurrenz für Kork immer grösser, Schaumstoffe immer beliebter. Im Jahr 1982 wurden in der Korki die letzten Korkplatten produziert.
Die Geschichte geht weiter
Der Schlusspunkt ist gesetzt, es wird sich das Dürrenäscher Dorfzentrum in naher Zukunft markant verändern. Das alte Firmengelände der Korki wird dem Erdboden gleich gemacht, es entsteht eine moderne Überbauung mit vielen Möglichkeiten für das Dorf und seine Bevölkerung. Es werden Familien hier einziehen und heimisch werden, es werden neue Geschichten geschrieben, so Pascal Nater. «Und vielleicht werden sich die neuen Bewohner einst fragen, warum ihr Zuhause Korki heisst. Dann erzählen Sie ihnen von den Musikdosen und Korkplatten, von den Nachtwächtern und schwarzen Mannen, von den Schlangen, der Pausenglocke und den Bränden. Denn es sind gute Geschichten...».


