«Weisse Weihnachten stehen noch in den Sternen»
19.12.2024 RegionDer Basler Jan Eitel ist seit 2006 Meteorologe bei «SRF- Meteo». Bodenständig und mit Charme steht er jeweils auf dem «Meteo-Dach» und ist auch am Radio zu hören. Im Interview berichtet er von seinem Werdegang, seiner Arbeit an der Wetterfront und wagt einen ...
Der Basler Jan Eitel ist seit 2006 Meteorologe bei «SRF- Meteo». Bodenständig und mit Charme steht er jeweils auf dem «Meteo-Dach» und ist auch am Radio zu hören. Im Interview berichtet er von seinem Werdegang, seiner Arbeit an der Wetterfront und wagt einen Ausblick auf das zukünftige Wettergeschehen im See- und Wynental.
von René Fuchs
Hatten Sie schon in Ihrer Jugendzeit am Rheinknie Interesse am Wettergeschehen?
Da meine Eltern im Segelclub Schwörstadt waren, segelte ich schon als Vierjähriger in einer kleinen Jolle mit. Mit neun Jahren wechselte ich zum Windsurfen. Die Windverhältnisse und die Wolkenbilder begannen mich wie auch die Biologie immer mehr zu interessieren.
Als 14-Jähriger surften Sie erste Regatten. Ist es wahr, dass laue Lüftchen nicht Ihrem Naturell entsprechen?
Definitiv. Schon als Jugendlicher liebte ich es, in der steifen Brise des Mistrals im Mittelmeer in Südfrankreich zu surfen. Ebenso bei einer Föhnlage auf Schweizer Seen. Je stärker der Wind ist, umso mehr blühe ich auch heutzutage auf. Etwa auf dem «Meteo-Dach», wenn ich ein Mikrofon in der Hand halte und es mich fast vom Dach weht.
Weshalb entschieden Sie sich, nach dem Maturaabschluss Geografie mit Vertiefung in Meteorologie an der Universität Basel zu studieren?
Nach einem kurzen Einstieg in die Biochemie, die mir zu laborlastig war, bestritt ich wettkampfmässig Surfwettkämpfe in ganz Europa. Darauf startete ich mein Geografiestudium in Basel, das auch die Bereiche Meteorologie und Klimatologie umfasste.
Welche wichtigen ersten Berufserfahrungen konnten Sie am Paul Scherrer Institut PSI in Villigen sammeln?
Die Zusammenarbeit mit Grundlagenforschenden hat mir aufgezeigt, was es heisst, Probleme zu erkennen und zu lösen versuchen. So musste etwa in unserem Team für die Massenspektrometrie von CO2 zuerst ein Apparat entwickelt werden, der die Luftproben zu gewissen Tageszeiten in einer kleinen Flasche einfing.
Wie wurde Ihre Traumstelle, die Ihre beiden Leidenschaften «Wetter» und «Medien» miteinander verbindet, im Herbst 2006 bei «SRF Meteo» Realität?
(schmunzelt) Nach dem Studienabschluss arbeitete ich als Hilfsassistent am Institut für Meteorologie, Klimatologie und Fernerkundung. Als Sabine Balmer, SRF-Meteorologin, ihren Mutterschaftsurlaub antrat, wurde eine Stelle im Leutschenbach frei. Nach meiner Bewerbung wurde ich von Thomas Bucheli und Christoph Siegrist zu einem Fachgespräch eingeladen. Beim zweiten Casting testeten sie mein Erscheinungsbild vor der laufenden Kamera. Drei Monate später rief mich Thomas Bucheli an: «Wir würden es gerne zusammen probieren.» Meine Freude war gross.
Liebäugelten Sie schon damals, einmal Ihr erworbenes Fachwissen, gepaart mit journalistischem Gespür, als Meteorologe bei «SRF Meteo» zur Hauptsendezeit einzusetzen?
Nein, überhaupt nicht. Ich rechnete damit, im Hintergrund zu arbeiten. Doch es kam anders. Jetzt ist der Mix zwischen der Arbeit als Prognostiker, als Texter vor dem Bildschirm und als Moderator der Wettersendungen für mich eine sehr erfrischende Abwechslung.
Seit 18 Jahren befassen Sie sich intensiv mit der Wetterprognostik bei «SRF Meteo». Was hat sich seither im Arbeitsablauf am meisten verändert?
Dank der stark verbesserten Satellitentechnologie ist der Anfangszustand der Atmosphäre besser abgebildet. Da dieser in den Wettermodellen in die Zukunft gerechnet wird, ist heutzutage auch das Prognoseergebnis besser geworden. Zusätzlich ist die Auflösung der regionalen Wettermodelle auf einen Kilometer viel lokaler. Auch die Plattform für das Benützen der Wettermodelle ist besser und übersichtlicher geworden. Stark verändert hat sich aber der Arbeitsalltag durch die Social-Medien-Plattformen, die mit Stories zum Wettergeschehen bedient werden müssen. Die Recherchen haben dadurch stark zugenommen.
Wetteranalysen werden immer mehr verfeinert und verbessert. Wie sieht die Entwicklung in der nahen Zukunft aus?
Der neue Wettersatellit «Imager-1» der dritten Generation wird die Wettervorhersagen in Europa wesentlich verbessern. Zudem wird der Einfluss der künstlichen Intelligenz bei der Prognostik zunehmen. Dazu bräuchte es in der Schweiz aber mehr Wetterstationen, die dem stark ausgeprägten Relief bei der Datenlieferung gerecht werden können.
Die Schweiz verzeichnete 2023/24 den mildesten Winter seit Messbeginn 1864. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Seit der Vorindustrialisierung bis heute haben sich die Winter bei uns um rund zwei Grad erwärmt. Der Hauptschuldige daran ist der Mensch. Die Klimaerwärmung geht mit dem Anstieg von Kohlendioxid, Methan und Lachgas Hand in Hand. Die Nullgradgrenze ist um 300 bis 400 Meter angestiegen. Das Gletschervolumen hat um 65 Prozent abgenommen. Und die Schneetage unterhalb von 800 m ü. Meer haben sich um die Hälfte und die Frosttage um 60 Prozent verringert.
Im Michelsamt fiel im Frühling das Anderthalbfache der durchschnittlichen Regenmenge. Welchen Einfluss auf die Wetterentwicklungen hatte dabei das Mittelmeer, das noch nie so warm war?
Eine wesentliche Rolle beim Wettergeschehen spielt der Jetstream. Schnürt er ein Tief nach Spanien ab, dann kann es sich auf der Vorderseite über dem Mittelmeer mit Feuchtigkeit vollsaugen. Physikalisch gesehen kann die warme Luft wesentlich mehr Wasser aufnehmen. Im Frühling gab es aber auch viele Fronten aus Nordwesten und Westen.
Der Unwetter-Sommer 2024 im Berner Oberland, Tessin und Wallis geht in die Geschichtsbücher ein. Werden Starkregen – und heisse Trockenphasen inskünftig auch bei uns zunehmen?
Ja. Der Starkregen hat bereits zugenommen. Laut dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie ist er um 11 Prozent intensiver und um 25 Prozent häufiger geworden. Auch die Hitzewellen werden zunehmen und ausgeprägter sein. Was aber nicht bedeutet, dass es trotz Klimaerwärmung keinen Sommer mehr gibt, der von Regenfronten und tieferen Temperaturen bestimmt wird.
Im Gegensatz zum See- und Wynental wurde das Michelsamt 2024 wiederholt von starken Hagelwettern heimgesucht. Woher rührt dieses lokale Phänomen?
Die gefährlichen Gewitterlagen hängen oft mit Südwestlagen zusammen. Gewitter bilden sich meistens in den westlichen Voralpen und wandern zum Napf. Von dort löst sich oft eine Gewitterzelle und zieht dann ins Flachland hinaus. Je näher sie beim Napf ist, umso häufiger sind aufkommende Hagelgewitter. Je weiter weg sie von den Voralpen ist, umso mehr schwächt sie sich ab.
Spürbar waren 2024 die zum Teil markanten Temperaturwechsel innert Wochenfrist mit über zehn Grad Celsius. Wo liegen die Ursachen?
Die Ursache ist der Jetstream, der Wellen schlägt und sich ein Kaltluftpolster in der Höhe Richtung Süden unkontrolliert abschnürt. Aprilwetter macht sich breit. Wenn es weiterwandert, wird es schnell wieder warm. Diesen Abtropfprozess hatten wir häufig in der Schweiz.
Bei welchen Wetterlagen ist eine exakt zutreffende Prognose kaum machbar?
Das hängt oft mit diesen Höhentiefs zusammen. Bei solch einem Kaltlufttropfen über der Schweiz gibt es in der Luft sehr viele Vertikalbewegungen. Modellmässig ist es vergleichbar mit den Luftblasen in einem Dampfkochtopf, die unkontrolliert aufsteigen. In der Atmosphäre folgt ein wilder Wechsel von dicken Wolken, heftigem Regen und sonnigen Abschnitten. Wo und wann es exakt in welcher Intensität stattfindet, ist kaum vorhersehbar.
In der Prognostik ist vieles auch eine Frage der Interpretation. Wie wichtig ist für Sie dabei die Teamarbeit?
Der gegenseitige Austausch in der Prognostik ist sehr wichtig. Deshalb finden jeden Tag um 10 und 14.15 Uhr unter den diensthabenden SRF-Meteorologen Wettergespräche statt.
Auf welche Klimaveränderungen müssen sich die Landwirte im See- und Wynental zukünftig einstellen?
Das Wetter wird extremer! Hitzewellen werden tendenziell länger und intensiver. Heikler wird der Wechsel zwischen langen Trockenperioden und heftigen Gewittern werden. Ist der Boden ausgetrocknet und somit hydrophob (wasserabweisend), fliesst bei intensiven Niederschlägen mehr Oberflächenwasser ab. Überschwemmungen drohen vermehrt.
Wird es immer unwahrscheinlicher, dass der Hallwilersee je wieder einmal im Januar/Februar zufriert?
Es braucht rund 300 Minusgrade, also dreissig Tage mit einer mittleren Temperatur von – 10 Grad Celsius. Ich rechne klimabedingt nicht mehr damit. Es würde an ein Wunder grenzen.
Wie sieht Ihre Winterprognose für das Mittelland und im Speziellen für das See- und Wynental nach den starken Schneefällen am 21./22. November aus?
Grundsätzlich ist ein milder Winter heutzutage wahrscheinlicher geworden. Nach unseren Langfristmodellen wird es im Dezember bis Februar zwischen 1 bis 2 Grad zu mild. Für die Alpennordseite berechnen die Modelle eine eher leicht zu nasse Witterung, für die Alpensüdseite eine eher zu trockene. Das deutet auf Wetterlagen hin, die aus West bis Nord Atlantikfeuchte bringen. Der Süden ist da oft in der Abdeckung der Alpen und somit trockener. In den Bergen der Alpennordseite (oder Alpennordhang) wird es daher eher etwas mehr Schnee geben. Die Frage ist nur, wo sich die Schneefallgrenze befinden wird.
Sind weisse Weihnachten im See- und Wynental überhaupt noch ein Thema?
(schmunzelt) Unwahrscheinlich, aber definitiv möglich. Es muss nur die richtige Grosswetterlage an Weihnachten mitspielen. Wenn zum Beispiel vor den Weihnachtstagen eine Hochdrucklage dafür sorgen würde, dass sich ein ausgeprägter Kaltluftsee bildet und danach auf Heiligabend eine Warmfront mit Niederschlag auf das Kaltluftpolster aufgleitet, dann könnte es weisse Weihnachten geben. Natürlich gibt es noch andere Grosswetterlagen, welche als Schneebringer bekannt sind, allerdings steht das noch in den Sternen.
Zur Person
Meteorologe und Familienmensch
Jan Eitel wurde 1977 in Basel geboren und lebt heute mit seiner Frau Nataša und den beiden Söhnen Luc und Vincent in Oberwil im Basler Leimental. An der Universität Basel studierte er Geografie mit dem Spezialgebiet Meteorologie. Am Paul Scherrer Institut absovierte er sein Praktikum und arbeitete vier Jahre lang am Institut für Meteorologie, Klimatologie und Fernerkundung. Seit 2006 ist er bei SRF Meteo als Prognostiker und Moderator tätig. Als begeisterter Segler und Windsurfer ist er beim Schweizer Fernsehen für die Windprognose der Segel- und Surfseite zuständig. Zuhause ist er ein passionierter Hobbygärtner und Familienmensch.



