Der Darm – Das zweite Gehirn
13.11.2025 Fitness/GesundheitDer Darm verfügt über eine ungewöhnliche Fähigkeit: Legt man den Darm von Mäusen in eine Petrischale, so führt er seine Arbeit fort. Der isolierte Darm schnürt sich rhythmisch ringförmig ein, um den Darminhalt weiter zu transportieren. Das bedeutet: Er ...
Der Darm verfügt über eine ungewöhnliche Fähigkeit: Legt man den Darm von Mäusen in eine Petrischale, so führt er seine Arbeit fort. Der isolierte Darm schnürt sich rhythmisch ringförmig ein, um den Darminhalt weiter zu transportieren. Das bedeutet: Er braucht, als einziges Organ im Körper, keine Steuerung durch das Gehirn, also autonom.
Das Nervensystem des Darms ist evolutionär uralt und verwandt mit dem Bauchnervenstrang des Regenwurms. Solch einfach strukturierte Tiere verlassen sich hauptsächlich auf die Nervenbahnen in ihrem Bauch. Die Evolution hat das ursprüngliche Darmnervensystem bis zum Menschen beibehalten.
Das Darmnervensystem wird auch autonomes Nervensystem, Bauchoder auch Darm-Hirn genannt. Es ist ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem, mit dem sich Gehirn und Darm permanent untereinander austauschen. Über die beiden Gegenspieler Sympathikus und Parasympathikus steht das Darm-Hirn mit unserem Gehirn in Verbindung. Sie sorgen für das Gleichgewicht im Körper. Der Sympathikus wird bei Stress erregt (Gaspedal) und der Parasympathikus fördert die Erholung (Bremse). Kippt das Gleichgewicht bei Dauerstress, führt dies zu verschiedenen körperlichen und psychischen Symptomen.
Das Darm-Hirn besteht aus einem zarten Nervennetz, das die Muskeln der Darmwand von der Speiseröhre bis zum Anus umschlingt und auf mehrere hundert Millionen Nervenzellen zurückgreifen kann. Jede Sekunde ertasten die Sensoren des Darm-Hirns, welche Bakterien sich gerade im Darminneren vermehren, welche Substanzen sie ausscheiden und was chemisch im Nahrungsbrei vor sich geht. Und jede Sekunde trifft das Darm-Hirn flexibel und autonom seine Entscheidungen – passt den Blutfluss an, hält Nachbarorgane auf dem Laufenden, stellt klar, welche Stoffe in den Körper dürfen und welche abtransportiert werden.
Darmzellen, Nervenstränge und Immunzellen im Bauch arbeiten nicht allein. Ein weiterer, mächtiger Mitspieler mischt sich ein, genau genommen sind es Billionen: Die Mikroorganismen (Bakterien, Viren, Pilze etc.) im menschlichen Dickdarm, dem am dichtesten besiedelten Ökosystem, das die Forschung überhaupt kennt. Das sogenannte Mikrobiom spaltet im Darm unverdauliche Nahrung auf, liefert Vitamine, regt den Darm zu mehr Bewegung an, hilft der Darmschleimhaut zu regenerieren, hält Krankheitskeime fern und baut Giftstoffe ab. Jede der hunderte von Bakterienarten hat ihren eigenen Fortpflanzungszyklus, ihren eigenen Stoffwechsel, scheidet andere Substanzen aus und tritt mit den bakteriellen Mitbewohnern des Darms, aber auch mit dem Nervengeflecht des Darms oder dem Immunsystem in Wechselwirkung. Eine ausgewogene Ernährung ist entscheidend für ein ge-sundes Darmmikrobiom und für unsere Gesundheit. Ballaststoffe aus Vollkornprodukten, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten ernähren die nützlichen Bakterien.
Erst seit wenigen Jahren beginnen Wissenschaftler zu verstehen, wie unser Darm beziehungsweise sein Mikrobiom mit unserem Gehirn kommuniziert. Forschungen in den letzten zehn Jahren haben ergeben, dass Darmbakterien unsere Emotionen und kognitiven Fähigkeiten beeinflussen können. Zum Beispiel produzieren einige Bakterien Oxytocin, ein Hormon, welches unser Sozialverhalten fördert. Andere Bakterien stellen Substanzen her, die Symptome von Depressionen und Angstzuständen verursachen.
Tatsächlich zeigte sich vor allem in Tierversuchen ein Zusammenhang zwischen Darm und Psyche. In Tests wurde der Stuhl von ängstlichen Mäusen in keimfreie Mäuse, die kein Mikrobiom haben, übertragen. Woraufhin diese ein ängstliches Verhalten entwickelten. Das Gleiche zeigt sich bei Mäusen mit depressionsähnlichem Verhalten oder Übergewicht.
Ernst Hofmann,
Unterkulm

