Märchen sind Balsam für die Seele
24.12.2025 Suhren-/Rueder-/Uerkental, HirschthalVolksmärchen aus aller Welt waren angesagt in der Hirschthaler Biberburg. Sieben Märchenerzählerinnen liessen einen zugleich spannenden und mystischen Abend erwarten. Der Anlass rief einen Grossaufmarsch an Zuhörenden hervor.
Seit Jahren organisiert ...
Volksmärchen aus aller Welt waren angesagt in der Hirschthaler Biberburg. Sieben Märchenerzählerinnen liessen einen zugleich spannenden und mystischen Abend erwarten. Der Anlass rief einen Grossaufmarsch an Zuhörenden hervor.
Seit Jahren organisiert Evelin Amsler jeweils an einem dunklen und kalten Dezemberabend eine Märchenstunde für Erwachsene in der Biberburg zu Hirschthal, einem an und für sich schon mystischen Ort. Kerzenlicht und spannungsvolle Dekorationen unterstreichen die Atmosphäre zusätzlich. Kein Stuhl in der Biberburg blieb diesmal leer, und das Publikum wurde nicht enttäuscht. Mit einem Zitherspiel, dem Instrument der leisen Töne, wurde der Abend klangvoll begonnen. Evelin Amsler zündete einen Kerzenleuchter mit sieben Kerzen an und sandte damit stille Grüsse, auch aus dem Publikum, in die Welt hinaus.
Evelin Stenzel entführte die Gäste gleich nach China, wo die Geschichte des «Glückvogels» spielt. Dieser brachte einer kinderreichen Familie während langer Zeit Glück und wollte sich dann verabschieden, aber die Familie durfte sich etwas wünschen. Statt Geld und Ländereien wünschte sie sich die Freundschaft des Glückvogels, und dieser blieb der Familie weiterhin erhalten.
Nach Indien, genauer nach Kerana, ging die Reise mit Rosmarie Walter, wo in Erfahrung gebracht werden konnte, «wie der Tiger zum Pfeffer kam». Die Geschichte könnte auch zur Erfindung des Pfeffersprays beigetragen haben, denn nur mit Pfeffer im Gesicht war die Fresslust des weissen Tigers zu bändigen.
Verena Lüscher, eine begnadete Märchenerzählerin, liess ihre Geschichte im Ruedertal spielen, zur Zeit, als die Landvögte von Ruoda dort ihr Regiment führten. «Der schnippische Bauer und der Landvogt» zeigte auf, dass im Ruedertal die Bauern mit der grössten Bauernschlauheit zu Hause sind. Einer von ihnen verblüffte, überraschte und erzürnte den Landvogt mit seinen träfen Antworten, der eigentlich einfach nur leutselig sein wollte.
Die Reise ging weiter
Zurück in China erzählte Ines Henner die Geschichte des gelben Kranichs, ursprünglich lediglich eine Zeichnung an der Wand. Der gemalte Kranich erhob sich jeweils, nach dreimaligem Klatschen einer Gruppe Menschen und flog umher. Als aber ein reicher Sack diese Vorführung ganz alleine erleben wollte und dafür viel Geld zu bezahlen bereit gewesen war, verblasste der Vogel und wurde flugunfähig.
Das einzige Märchen, das eine Königin zur Hauptdarstellerin hatte, spielte im Orient und wurde von Rebekka Kohli erzählt. Ein alter Mann pflanzte eine Eiche, und das konnte die Königin nicht verstehen. Er sei doch alt, und bis die Eiche gross sei, würde er doch längst begraben sein und könne gar nicht von seinen Früchten profitieren.
Der Mann pflanzte aber die Eiche für seine Nachkommen, und diese Weitsicht und Umsicht beeindruckte die Königin so sehr, dass sie dem alten Mann Goldstücke in die Hand drückte. «Sehen sie», meinte der Mann zur Königin, «für mich hat das Bäumchen schon Früchte getragen.»
«Dreh einfach deinen Schuh um», empfahl Nicol Weyeneth den Zuhörern. Einem Mann aus Polen gefiel sein Leben nicht mehr. Die Leute im Dorf sind unnahbar, die Kinder zu laut, das Essen schmeckt nicht. Also zog er davon Richtung Paradies. Er stellte am Abend die Schuhe in die richtige Richtung und ging schlafen. War es eine unsichtbare Macht oder nur ein Lausbubenstreich, dass sich die Schuhe in der Nacht drehten und der Mann am Morgen unbemerkt in die falsche Richtung lief. Erstaunlicherweise fand er ein Paradies, das seinem Heimatort in allem ähnelte, allerdings mit lauter netten Leuten, lieben Kindern und einer Frau, die feines Essen kocht.
In einem Überraschungsmärchen erzählte Evelin Amsler von einer armen alten Frau in den Bergen, die jeden Tag mit zwei Schüsseln zur Wasserstelle gehen musste. Die eine Schüssel war intakt, die andere hatte einen Sprung und verlor unterwegs die Hälfte des Wassers. Die intakte Schüssel riet ihr, die alte Schüssel wegzuschmeissen, weil sie nichts mehr tauge. Aber die Frau meinte, dass die alte Schüssel unterwegs – gerade wegen ihres Makels – mit ihrem Wasser Blumen zum Blühen bringt und so auf ihre Art eben wertvoll bleibt.
Frieda Steffen

