Wenn Wertschätzung nur ein Wort bleibt
12.02.2026 LeserbeitragSehr geehrte Redaktion,
Eine alltägliche Geschichte
Ein typisches Schweizer KMU: Herstellung von Qualitätsprodukten, Wertschöpfungskette möglichst in der Schweiz. Jeden Morgen stehen die Mitarbeiter an den Maschinen, geben Ihr Bestes, halten den ...
Sehr geehrte Redaktion,
Eine alltägliche Geschichte
Ein typisches Schweizer KMU: Herstellung von Qualitätsprodukten, Wertschöpfungskette möglichst in der Schweiz. Jeden Morgen stehen die Mitarbeiter an den Maschinen, geben Ihr Bestes, halten den Laden am Laufen. Doch in letzter Zeit frage ich mich immer öfter: Sieht das eigentlich jemand?
«Man behandle seine Mitmenschen, wie man selbst behandelt werden möchte», hat Goethe einmal gesagt. Ein einfacher Grundsatz, den wohl jeder von uns seinen Kindern beibringt. Aber gilt er auch für die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer?
Wenn Entscheidungen sprechen
Kürzlich hat mich etwas nachdenklich gemacht. In einem Unternehmen wurde eine grössere Investition getätigt – eine beachtliche Summe, die alle überrascht hat. Verstehen Sie das nicht falsch: Ich bin nicht gegen Digitalisierung, Modernisierung oder technischen Fortschritt. Aber es wird schon als komisch empfunden, wenn man sieht, dass für bestimmte Dinge Investitionen getätigt werden, während andere, kostengünstigere Anliegen (seit längerer Zeit) abgewiegelt werden.
Die Lebenshaltungskosten steigen, das spürt jeder beim Einkaufen, beim Tanken, bei der Miete. Und dann steht plötzlich eine Neuanschaffung im Raum. Man muss kein Ökonom sein, um zu verstehen: Es geht nicht um die Möglichkeiten. Es geht um Prioritäten. Prioritäten und Möglichkeiten, welche zwischen Mensch und/oder Maschine entscheiden.
Was Wertschätzung wirklich bedeutet
Wertschätzung zeigt sich darin, dass ein Arbeitgeber versteht, wem er seinen Erfolg zu verdanken hat. Sie zeigt sich in Fairness und in der Bereitschaft, die Früchte des gemeinsamen Erfolgs auch mit jenen zu teilen, die ihn unter anderem ermöglichen. Immanuel Kant schrieb, dass wir Menschen niemals bloss als Mittel behandeln sollten. Im Klartext: Wir sind keine Maschinen, die man bis zur Verschleissgrenze nutzt und dann austauscht. Wir sind Menschen mit Familien, mit Sorgen, mit Gefühlen und Würde. Wenn ein Unternehmen zeigt, dass ihm Technik und Fortschritt wichtiger sind als die Menschen, die diese Technik bedienen, dann sendet das eine klare Botschaft: Ihr seid austauschbar. Euer Beitrag wird nicht wirklich geschätzt.
Der menschliche Faktor
Was viele Arbeitgeber nicht verstehen: Motivierte Mitarbeiter sind das wertvollste Kapital eines Unternehmens. Nicht die modernste Maschine – sondern Menschen, die gerne zur Arbeit kommen, die sich mit dem Betrieb identifizieren, die mitdenken.
«Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein», mahnte Marie von Ebner-Eschenbach. Betriebe, welche Ihre Mitarbeiter nicht wertschätzen, werden eben diese verlieren. Und gute Leute sind schwer zu ersetzen.
Denn am Ende, und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, geht es nicht um Geld allein. Es geht um Respekt. Es geht um Würde. Es geht darum, als Mensch gesehen zu werden, nicht als Nummer.
Ein Appell
Dies soll kein Angriff auf die Arbeitgeber sein. Ein Weckruf, ein Anlass um zu sagen: Leben wir die Werte, die wir predigen!
Albert Schweitzer wusste: «Das Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.» Wertschätzung funktioniert genauso. Arbeitgeber, die Ihre Mitarbeiter fair behandeln, bekommen diese Fairness zigfach zurück – in Form von Engagement, Loyalität, Qualität und Quantität.
Und in der Hoffnung, dass dieser Brief jemanden erreicht, der etwas verändern kann. Spricht mit den Mitarbeitern, nicht über sie. Zeigt Ihnen diese Wertschätzung, die Ihr auch selbst sehen wollt.
Denn wie Antoine de Saint-Exupéry sagte: «Nur mit dem Herzen sieht man gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.» Das Wesentliche in einem Unternehmen – das sind die Menschen. Vielleicht können einige Arbeitgeber darüber nachdenken. Es ist nie zu spät, den richtigen Weg einzuschlagen.
Markus Erismann, Unterkulm
