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23.04.2026 Region«Den Vögeln predigen»
Der auferstandene Jesus gibt seinen Jüngern einen Auftrag: «Geht hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur.» Aha, nicht nur den Menschen!
Franz von Assisi hat von 1182 bis 1226 gelebt, ...
«Den Vögeln predigen»
Der auferstandene Jesus gibt seinen Jüngern einen Auftrag: «Geht hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur.» Aha, nicht nur den Menschen!
Franz von Assisi hat von 1182 bis 1226 gelebt, ausgestattet mit einem Hang zu Radikalität und handfesten Aktionen. Ausgestattet auch mit genügend Verrücktheit für einen solchen Auftrag. Eine Legende über ihn erzählt Folgendes: Franziskus wandte sich einem in der Nähe von Bevagna gelegenen Ort zu. Dort war eine große Schar von Vögeln aller Arten versammelt. Als er sie erblickte, lief er rasch auf die Vögel zu. Nicht wenig aber staunte er, dass die Vögel nicht wie gewöhnlich auf- und davonflogen. Ungeheure Freude erfüllte ihn, und er bat sie demütig, sie sollten doch das Wort Gottes hören. … Und so geschah es, dass er von jenem Tag an alle Lebewesen ermahnte, ihren Schöpfer zu loben und zu lieben.
Diese Legende ist berühmt geworden. Warum? – Ich vermute, weil sie so verrückt ist. Einerseits. Andererseits aber doch wohl auch, weil Franziskus den Menschen so treffend in die Natur eingebunden hat. Er hat wirklich jedem Geschöpf gepredigt. Und sein Predigen meint nicht irgendeine Moral. Er ermahnt sie allein, dass sie ihren Schöpfer loben und lieben sollen. Sein Grundton dabei ist der der Freude an der Welt.
Selten sehen wir in Blumen, Bäumen, Bienen, Würmern und Vögeln Mitgeschöpfe, die Gott mit uns zusammen loben sollen. Wir meinen, etwas Besseres zu sein mit dem angeblichen Recht, Tiere, Pflanzen und ganze Landstriche zu zerstören: 75 Prozent der Landoberfläche ist stark vom Menschen verändert. Das Überleben von 1 Million Tier- und Pflanzenarten ist gefährdet, 93 Prozent aller Fischbestände werden nicht nachhaltig bewirtschaftet.
Das scheint mir nicht vernünftiger zu sein als die Unvernunft des Franz von Assisi. Ich gebe es zu: Ich bin nicht so überschäumend, dass ich Vögeln predigen würde. Anders als Franziskus bin ich für ein übertragenes Verständnis dieses Auftrags Jesu: «Geht hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur». Mir scheint hier eine Predigt in Taten wichtiger zu sein als eine in Worten, effektive Verhaltensänderungen wichtiger als blosse Absichtserklärungen. Unsere Mitgeschöpfe sind nicht in erster Linie zu unserem Nutzen geschaffen. Dass wir sie ausbeuten dürften und sie dabei durch Dummheit und Gier auch noch ausrotten. Letztlich uns selbst zu Schaden. Jesus benennt nicht nur uns Menschen, sondern alle Kreatur als Adressat des Evangeliums. Das Wort «Evangelium» bedeutet wörtlich übersetzt «gute Nachricht», gemeint ist: für Mensch und Tier.
Pfarrerin Ruth Schäfer, reformierte Kirchgemeinde Kulm
