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30.04.2026 RegionUngewisse Zeiten
… sind manchmal schwerer erträglich als schlimme Zeiten. «Wolkendeuter und Orakelleser», wie es im 5. Buch Mose heisst, aber haben dann gute Zeiten: Das Geschäft mit der Angst vor der Zukunft floriert. Seit Jahrtausenden.
...Ungewisse Zeiten
… sind manchmal schwerer erträglich als schlimme Zeiten. «Wolkendeuter und Orakelleser», wie es im 5. Buch Mose heisst, aber haben dann gute Zeiten: Das Geschäft mit der Angst vor der Zukunft floriert. Seit Jahrtausenden.
Ich bin keine Hellseherin, aber Tarotkarten liegen sicher nur bei den wenigsten neben der Zeitung. Der Kaffeesatz ist auch sehr langweilig, seit in fast jeder Küche ein Automat schnurpst und zischt. Die Kaffeesatzleserei zeigt nur, welche Form die Kapsel hat – immer dieselbe.
Dennoch sind die Zeichendeuter und Wahrsager seit Moses Zeiten nicht ausgestorben, sondern betreiben ihr lukratives Geschäft mit der Angst vor allem, was kommen könnte. Dabei sollte sich herumgesprochen haben, wie oft es ganz anders kam.
Axel Hacke, deutscher Journalist und Autor, fragt sich selbstkritisch in seinem Büchlein über die Heiterkeit: «Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren den Weltuntergang kommen sehen!? Wie viel Zeit habe ich mit der Beschwörung des Schlimmsten verbracht?»
In den Frühlingsferien kam ich am vermuteten Geburtshaus von Nostradamus in Saint-Rémy-de-Provence vorbei. Nostradamus (1503-1566) war Arzt, Apotheker und ein «Astrophiler», wie er sich selbst nannte, also ein Liebhaber der Sterne. Weil er zu seinen Lebzeiten einmal den richtigen Riecher hatte, begann man, auf seine sehr vagen Prophezeiungen zu setzen.
Als ich etwas mehr über ihn las, offenbarte sich mir keineswegs die Wahrheit seiner Prophezeiungen, sondern, wie viele Ängste dieser Mann in seinem Leben ausgestanden hat. Er lebte genau wie wir in ungewissen Zeiten, verlor seine erste Familie bei einer Pandemie, musste wegen der Pest sein erstes Studium aufgeben und sah noch einige Pestwellen kommen.
Da wegen unbedachter Äusserungen seine Rechtgläubigkeit in Frage stand, musste er unter anderem «auf Reisen gehen», also fliehen vor der Inquisition. Schon zu Lebzeiten wurde er als Scharlatan verspottet und hatte immer wieder rufschädigende Attacken zu befürchten. Nostradamus war als Arzt selbst chronisch krank und konnte sich nicht helfen.
Aktuell hat jemand ein weisses Blatt mit einem riesigen Fragezeichen an seine Haustür geklebt. Wenn wir schon Zeichen deuten wollen, dann das Fragezeichen: Wir können trotz Ungewissheit unbeschwert leben. Gott lehnt diese elenden Angstgeschäfte (5. Mose 18, 14) radikal ab. Denn es ist Gnade, nicht wissen zu müssen, was kommt. Sonst würden sich alle schon vorher aufregen und noch viel mehr Angst haben. Kommt es übel, hat die Angst davor nichts gebessert. Kommt es gut, ist die Überraschung wunderbar.
Dörte Gebhard Pfarrerin in Schöftland
