Zum Sonntag
11.06.2026 RegionMan erzählt von einem alten Kirchenvater, dass er an einem Strand entlangging, während er über Gott und die Welt nachdachte. Da sah er einen Knaben, der einen kleinen Teich im Sand gemacht hatte und mit einem kleinen Schöpfgefäss Wasser aus dem Meer in den Teich goss.
...Man erzählt von einem alten Kirchenvater, dass er an einem Strand entlangging, während er über Gott und die Welt nachdachte. Da sah er einen Knaben, der einen kleinen Teich im Sand gemacht hatte und mit einem kleinen Schöpfgefäss Wasser aus dem Meer in den Teich goss.
Als der Alte ihn fragte, was er da mache, antwortete der Knabe, er habe vor, das Meer in seinen Teich zu füllen. Der Alte erklärte, das sei unmöglich, und lächelte über die Einfalt des Knaben. Als er später darüber nachdachte, fiel ihm auf: Er selbst ist das Kind, das am Strand spielt und versucht, mit einem Eimerchen das Meer auszuschöpfen. Gottes «Gottheit» ist unerschöpflich. Niemals würde ein Mensch die Welt und Gott, das Geheimnis des Lebens, vollends begreifen und ergründen können - die «Schöpfgefässe» sind zu klein.
Doch der Verborgene, Unbekannte, der in der Mystik manchmal als «Nichts» oder als «göttliches Dunkel» bezeichnet wird, ist gleichzeitig auch der, welcher sich nach biblisch-christlichem Verständnis in einzigartiger Weise in Jesus von Nazareth manifestiert hat und als Heiliger Geist in der Schöpfung und in seiner Kirche wirkt. Gott konfrontiert den Menschen mit dem Wunder der Offenbarung.
So gibt es tatsächlich ein Gott Suchen, Finden und Gefunden-Werden, ein Auf-seinen-Pfaden-Gehen, ein Leben nach seinem Wort, ein Gott Kennen und Gott Lieben, Feiern und Dienen – auch wenn man sich hüten möge, die eigenen Wege und Erkenntnisse für die einzig wahren zu halten! Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief:
«Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, dann aber werde ich alles klar erkennen.»
Jetzt sehen wir in Bruchstücken, wie durch einen Spiegel, der in Tausende kleiner Stücke zersplittert ist. Dann aber sehen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist Gott-Kennen Stückwerk. Dann ist es unverhüllt. Erst dann.
Was uns die Geschichte vom christlichen Altvater und dem spielenden Kind am Meeresstrand lehrt, ist dies: Niemand kann das Meer in einen Teich füllen. Niemand kann Gott, den Lebendigen, in seiner Majestät und Heiligkeit erfassen. Und doch sind uns wunderbare «Schöpfgefässe» geschenkt, um je neu aus Gottes Gnade zu schöpfen, «Schöpfgefässe» wie gutes Denken und gutes Tun, Glaube, Hoffnung, Liebe, Arbeit und Gebet – zum Beispiel auch das Gebet von Franziskus von Assisi vor dem Kreuz in San Damiano:
«Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.»
Pfarrer Heinz Brauchart, reformierte Kirchgemeinde Gontenschwil-Zetzwil
