Apéro
Es ist wieder einmal Juni. Das bedeutet nicht nur warme Temperaturen, Fussball-WM und Grillzeit. In den Dörfern und den Lokalzeitungen hat ein ganz anderes Thema die Oberhand: Die Gemeindeversammlungen.
Für Dorfmenschen ist das so aufregend ...
Apéro
Es ist wieder einmal Juni. Das bedeutet nicht nur warme Temperaturen, Fussball-WM und Grillzeit. In den Dörfern und den Lokalzeitungen hat ein ganz anderes Thema die Oberhand: Die Gemeindeversammlungen.
Für Dorfmenschen ist das so aufregend wie der Wechsel von Sommer- auf Winterreifen. Man nimmt zur Kenntnis, dass es stattfindet und wenn etwas Wichtiges ansteht, geht man hin. Wenn nicht, vertraut man darauf, dass die üblichen Verdächtigen die Sache schon richten werden.
Für Stadtmenschen ist die Gemeindeversammlung etwas Mystisches. Man sitzt zusammen in einer Halle oder einem Saal, diskutiert über die Traktanden und tut seine Meinung vor allen kund. Wer in einer Stadt direkt in die Geschehnisse eingreifen will, muss sich für einen Stadtrat, einen Einwohnerrat oder dergleichen zur Wahl stellen. Im Dorf steht man auf und spricht.
Doch warum sinniere ich über Gemeindeversammlungen? Als Journalistin erhalte ich einen Einblick in verschiedene Gemeinden. Dabei ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich sie alle funktionieren. Es gibt die Diskussionsfreudigen, die es schaffen, über die Platzierung eines Steines so lange zu diskutieren, dass der Stein sich von allein bewegt. Die Perfektionisten hingegen organisieren im Vorfeld Informationsveranstaltungen, damit alle Fragen an der Gemeindeversammlung schon beantwortet sind. Und dann gibt es die Gemeinden, in denen die Traktanden möglichst schnell durchgewunken werden, weil vor allem eines wichtig ist: der Apéro.
Gemeinsamkeiten haben sie aber alle: Die Einwohnerinnen und Einwohner treffen sich, tauschen sich aus und üben ihre politischen Rechte aus. Das ist direkte Demokratie, wie sie die Schweiz leibt und lebt. Und selbst wenn die Meinungen manchmal weit auseinandergehen, sind sich am Ende doch alle einig: Ohne Gemeindeversammlung gäbe es keinen Apéro – und das wäre wohl das umstrittenste Traktandum von allen.
Melanie Köchli