Streiflicht
25.06.2026 RegionHitzefrei
«Hoi, wie gehts?» Die häufigste Antwort, die ich derzeit auf diese Frage erhalte, lautet: «Puh, heiss!»
Kaum ein Gespräch, das dieser Tage nicht früher oder später beim Thema Hitze landet. Kein Wunder, seit Tagen purzelt wieder ein Hitzerekord nach dem anderen. Meteoschweiz gehen langsam aber sicher die Gefahrenstufen aus und es gibt − nicht nur in unserer Region − kaum eine Gemeinde, die ihre Bevölkerung nicht schon um verantwortungsvollen Umgang mit Trinkwasser gebeten hätte.
Ich muss sagen, ich habe unheimliches Glück. Vor der breiten und hohen Fensterfront meines Büros steht ein grosser, gemäss Google «gewöhnlicher Trompetenbaum» mit üppigem Blätterkleid und derzeit in schönster Blütenpracht. Er ist nicht nur Tummelplatz immer wieder gern gesehener Vögel, sondern auch ein hervorragender Schattenspender und damit die beste Klimaanlage, die ich mir für meinen Arbeitsplatz vorstellen kann.
Dabei bin ich mir aus meiner Jugend Hitze durchaus gewohnt. Hitzetage gabs schon damals. Dem Vernehmen nach gab es früher auch hitzefrei, aber das konsequenterweise immer erst ab einer Temperatur von «leicht höher als zurzeit gemessen». So habe ich hitzefrei nie selber erlebt − was mir allerdings ganz recht war. Ich hätte sonst sowieso nur länger beim Heuet in sengender Sonne mithelfen müssen.
Wenn unsere Lehrerschaft damals das Gefühl hatte, dass es zu heiss ist und wir Schüler uns nicht mehr konzentrieren konnten, ging die ganze Klasse nach draussen, unter die Kastanienbäume am Rande des Pausenplatzes oder mit 5-minütigem Fussmarsch in den Wald. Unsere Lehrerschaft schaltete also spontan und ohne kantonale Bestimmung eine Lektion XMV ein, oder ausgeschrieben «Xunde Mönscheverstand».
Wenn ich die aktuelle Debatte um den Hitzeschutz an Aargauer Schulen mit der ausgedeutscht wieder aufkeimenden Forderung nach hitzefrei verfolge, stellen sich mir ein paar Fragen: Wollen wir wirklich festschreiben, dass ab einer gewissen Temperatur nicht mehr richtig gearbeitet werden kann? Das wäre das Ende für Strassenbau, Giesserei, Bäckerei und Feuerwehr. Dürfen wir nach Hitzefrei-Tagen überhaupt noch in den Süden in die Strandferien? Ist XMV im aktuellen Lehrplan nicht vorgesehen? Vielleicht nicht, aber möglicherweise könnte man ja Kastanienbäume als Naturkunde und Trompetenbäume zum Musikunterricht deklarieren.
Roland Marti

