Streiflicht
09.07.2026 RegionMachtmissbrauch
Es war 1980, ich war damals zarte 13 Jahre jung, da lief ein französisches Chanson von Gérard Lenorman im Radio DRS rauf und runter. Darin erklärte er einem traurigen Jungen, wie er die perfekte Welt schaffen würde, wenn er an der Macht wäre. «Ich würde Micky Maus zum Premierminister machen, Tarzan wäre Umweltminister, Zorro wäre zuständig für Justiz, Dagobert Duck für die Finanzen und Minnie Maus für Tanz.» Sein Kabinett bestünde aus einigen weiteren Superhelden. Alle seine Reden würde er in Versen und mit Musik schreiben, an Sitzungstagen gäbe es Picknicks und aus öffentlichen Fontänen würde er Orangenlimonade fliessen lassen. Das alles mit dem Ziel, Kindern eine perfekte Welt zu bieten. «Wir würden uns prächtig amüsieren, wenn ich Präsident wäre.» Oder eben im Original: «Si j’étais Président».
Meiner Französisch-Lehrerin gefiel das Chanson von Gérard Lenorman auch, und mit dem Titel als Aufsatzthema liess sich der «Conditionnel», die Möglichkeitsform, ausgiebig üben. So waren meine Mitschüler und ich gefordert, uns unsere Gedanken zu machen.
Natürlich kamen auch wir der perfekten Welt sehr nahe. Weltweit niemand müsste mehr Hunger haben, alle Eltern hätten Zeit, um am Wochenende mit ihren Kindern zu spielen und ich hätte ein Katzenklo erfunden, das sich selbst reinigt. Aber niemals – und ich meine wirklich nie
– niemals wäre jemand von uns auf die Idee gekommen, die Fussballregeln so zu verändern, dass einer einen Vorteil daraus ziehen könnte. Das hatte etwas mit Anstand zu tun. Mit Fairplay. Mit Charakter!
Ganz offensichtlich sind wir Welten von der perfekten Welt entfernt. In dieser Welt kann ein Präsident den anderen anrufen und schwupp … löst sich eine Spielsperre nach einer roten Karte in Luft auf. Unvorstellbar? Ja, aber genau so passiert. Unvorstellbar!
Könnte dieser Grössenwahnsinnige am Sonntagmorgen also auch bei der Lottogesellschaft anrufen und reklamieren, dass die sechs am Vorabend gezogenen Zahlen nochmals überprüft werden sollen. Und zwar so lange, bis sie mit jenen auf seinem Lottoschein übereinstimmen? Nein, kann er nicht. Denn die Lottogesellschaft hat ihren Sitz in der Schweiz. Und hier gibt es Regeln, an die man sich hält.
Wie bitte? Die Fifa hat ihren Sitz auch in der Schweiz? Ui, dann wird es aber Zeit, dass man ihr ein paar Sachen erklärt oder in Erinnerung ruft. Es geht um Anstand, Fairplay und Charakter.
Und sonst wär ich dafür, dass man das WM-Turnier nun wirklich abbricht. Auch wenn es die Schweizer Nati ins Viertelfinale geschafft hat. Denn wer weiss, ob es nicht wieder einen Anruf gibt ... und noch einen … so lange, bis die US-Boys zu Weltmeistern gekürt werden.
Roland Marti

