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23.07.2026 RegionFünf Minuten Paradies
Sommerzeit ist Lesezeit. Vor allem wenn der Fuss im Gips ist und man die Tage auf dem Sofa verbringt. Dabei bin ich über den französischen Schriftsteller und Existenzialisten Georges Bernanos gestolpert (1888 – 1948) und ...
Fünf Minuten Paradies
Sommerzeit ist Lesezeit. Vor allem wenn der Fuss im Gips ist und man die Tage auf dem Sofa verbringt. Dabei bin ich über den französischen Schriftsteller und Existenzialisten Georges Bernanos gestolpert (1888 – 1948) und seinen Satz: «Fünf Minuten Paradies werden alles in Ordnung bringen».
Ach, habe ich gedacht: Wenn ich eine Hoffnung in Stein meisseln könnte und diesen Stein auf allen Friedhöfen aufstellen dürfte, dann wäre es dieser Satz. Doch – wer ist der Autor und wem galten diese Worte? Georges Bernanos wurde in Paris geboren. Eine Zeit lang arbeitete er als Versicherungsinspektor. Doch dann musste er als Soldat am Ersten Weltkrieg teilnehmen und erfuhr alle Schrecken des Krieges in den Gräben von Verdun. Nach dem Krieg fing er an zu schreiben. Sein berühmtestes Werk ist der leicht melancholische Roman: «Tagebuch eines Landpfarrers».
Dem Zweiten Weltkrieg entfloh er mit seiner Frau und den gemeinsamen sechs Kindern nach Brasilien. Er schrieb viele Briefe an Freunde, Bewunderer und Kritiker. Einer Frau, die am Leben zu verzweifeln droht, schreibt er im Jahre 1934 den grossen Satz: «Fünf Minuten Paradies werden alles in Ordnung bringen.»
Wunderbar finde ich das, herrlich. Die grösste Hoffnung überhaupt – von atemberaubender Leichtigkeit.
Wir können riesengross hoffen. Die Welt, in der wir leben, ist nicht alles. Die Zeit, die wir tragen und ertragen, wird übergehen in die Zeit Gottes. Das Leid, die Unordnung, all das Unverstandene und jeder Schmerz werden «in Ordnung» gebracht werden. So viel Unordnung wir auch erleben oder erleiden – es gibt die Aussicht auf Ordnung; vermutlich auch auf Genugtuung für die, die auf Erden Schlimmes erlitten hatten.
Das Schönste aber ist: Es ist kein Traum. Es ist eine Hoffnung. Wer hofft, ist kein Träumer. Alle Menschen, die gross hoffen, haben weniger Träume, aber viel nüchterne Arbeit und ernste Gebete. Den Schmerz im Leben und die Unordnung bewältigt man nicht mit Träumen, sondern mit Beten und Mitfühlen. Und mit Hoffnung.
Meine kleinen Kräfte, die oft nicht ausreichen, müssen auch nicht ausreichen. Die grössere Hoffnung heissst: Gott wird in seiner Welt nach dieser Welt das Schwache stärken, das Erlittene heilen, alles Unrecht und alle Schuld beim Namen nennen und jede Ungerechtigkeit ausgleichen. Ich kann also getrost abgeben, was meine Kräfte nicht schaffen. Abgeben heisst hoffen. Hoffen macht leichter. Das ist ein Glaubenssatz: «Fünf Minuten Paradies werden alles in Ordnung bringen.» Alles.
Es grüsst herzlich und hoffnungsvoll,
Pfarrerin Nadine Hassler Bütschi reformierte Kirche Rued
