Streif licht

  30.07.2026 Region

Einparkiert

Die Schweiz ist verlässlich. Wir wissen, dass unsere Züge pünktlich fahren, wir mindestens 5 Minuten zu früh an einem Anlass auftauchen und dass die Kräutermischung des Appenzellers geheim bleibt.

Worauf aber nicht Verlass ist, sind die öffentlichen Parkplätze. An Dorffesten oder Schulabschlussfeiern herrscht regelmässig Anarchie. Dabei gäbe es auch hier eine einfache Lösung: Wer früh kommt, wird mit einem Parkplatz belohnt. Dass hier die schweizerischen 5 Minuten nicht reichen, ist wohl allen klar. Denn wo vor wenigen Minuten noch eine Lücke war, steht schnell ein Smart oder ein Töff. Und so kommt es, dass wir unsere Ordentlichkeit in den Wind schlagen und neben den Parkplätzen unsere vierrädrigen Gefährte abstellen. Aber auch hier haben wir Regeln: Wir parkieren nebeneinander und immer so, dass man noch rausfahren kann.

Vor wenigen Wochen hatte ich das Glück des «frühen Vogels» und fing mir an einer Schulabschlussfeier mit dem letzten Parkplatz den «Wurm». Ich war euphorisch. So muss sich ein Spitzensportler nach einem gelungenen Rennen fühlen. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange, denn während in der Turnhalle der Beginn eines neuen Lebensabschnittes gefeiert wurde, entstand draussen ein Kunstwerk aus Blech.

Zur Beruhigung, es wurde kein Auto beschädigt. Aber als ich nach Hause fahren wollte, merkte ich: Mein Auto wurde zum interaktiven Ausstellungsstück. Meine einzige Ausfahrt war blockiert. Handbremse angezogen, Schlüssel weg und kein Besitzer in Sicht. Jegliche Ballettübungen mit meinem kleinen, aber feinen Fahrzeug waren vergebens. «Naja, die werden wohl bald kommen», dachte ich mir und wartete.

Und wartete. Und wartete.
Mit jeder Person, die den Parkplatz betrat, stieg meine Hoffnung, meinen Liebsten befreien zu können. Doch immer wieder wurde ich enttäuscht. Nach einer Viertelstunde erwog ich erstmals, den Apéro zu stürmen und laut zu rufen: «Wem gehört der silberne ... äh ... der silberne Silberne?» Kurz darauf denkt man, dass man sich das Auto in der Ausfahrt nur einbildet. Und dann nähert sich endlich eine Familie und steigt ins Hindernis. «Endlich Freiheit!»

Ich muss zugeben, ich habe mich schon recht genervt, nicht wegfahren zu können. Umso grösser war die Freude, als ich endlich in Freiheit war. Und doch muss ich jetzt, einige Wochen später, sagen, dass es auch etwas Positives hatte: Ich genoss an jenem Abend die Sonne für 30 Minuten mehr, als ich es sonst getan hätte. Eine Zwangspause, die ich nicht wollte, aber sehr wohl brauchte. Gleichzeitig erinnerte mich die Situation daran, dass Geduld manchmal die beste Lösung ist. Nicht immer braucht es Schweizer Effizienz. Positiv betrachtet war mein zuparkiertes Auto also kein Ärgernis, sondern eine Entschleunigung, die man sich sonst in Yoga-Kursen oder in der Meditation erarbeiten muss. Und ich kam in den Genuss dieser Erkenntnis, ohne einen Franken zahlen zu müssen.

Nur eines wäre noch schöner gewesen als diese Gratis-Lektion: wenn der Besitzer beim Wegfahren wenigstens kurz aus dem Fenster gerufen hätte: «Danke für Ihre Geduld.»

Melanie Köchli


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