Streif licht
03.09.2026 RegionMeinung
Was haben die Schliessung des Spitals Menziken, die Schiesserei auf dem Gelände der Pferderennbahn Aarau, gedankenlos weggeworfener Abfall an der Wyna, die Umbenennung des Ontario-Sees und eine mögliche Asylunterkunft in Teufenthal ...
Meinung
Was haben die Schliessung des Spitals Menziken, die Schiesserei auf dem Gelände der Pferderennbahn Aarau, gedankenlos weggeworfener Abfall an der Wyna, die Umbenennung des Ontario-Sees und eine mögliche Asylunterkunft in Teufenthal miteinander gemeinsam? All diese Ereignisse wurden von denselben Phänomenen begleitet, von Erscheinungen, die wir nie wieder loswerden: von Ängsten, von Wut und ganz vielen unqualifizierten Online-Kommentaren.
Nicht, dass ich den Anspruch erheben würde, immer der richtigen Meinung zu sein, und ich empfinde es als Glück, diese Zeitungsspalte nicht nur mit Fakten füllen zu müssen, sondern auch mit Meinung. Dennoch finde ich es richtig, bei ungewisser Sachlage einfach mal die Klappe zu halten. Das passiert in den Sozialen Medien unter dem Vorwand der freien Meinungsäusserung immer weniger. Zur Klarstellung: «Das war sicher wieder ein Ausländer» ist keine Meinung, sondern eine Beschuldigung. «Dieses linke (oder rechte) Pack wollen wir hier nicht haben» ist keine Meinung, sondern eine Beleidigung. «Abschlachten und rauswerfen» ist keine Meinung, sondern eine Anstiftung zur Straftat. Und es hört ja nicht auf, sondern geht immer weiter und mit jeder Antwort kommen noch etwas mehr Angst und Wut und Hass auf, die unkontrolliert stehen bleiben. Zum Frass hingeworfen für jene, die danach suchen, um die Spirale noch weiter dahin zu drehen, wo wir sie eigentlich gar nicht haben wollen.
Nach zu viel Sozialen Medien, die ich eigentlich nur noch aus beruflichen Gründen verfolge, lege ich das Handy weg und widme mich den gewöhnlichen Medien: «Knall in Menziken» ‒ «Jetzt dreht Trump durch» ‒ «Sie trank täglich ein Glas Zitronenwasser. Was dann passierte, schockiert Ärzte.» Auch hier bleibe ich beim Lesen «auf 100», werde in die Kommentare geschubst wo ich mich gefälligst noch mehr aufregen soll. Ich fühle mich unwohl, möchte die Welt verändern, erwische mich dabei, selber einen Kommentar zu verfassen, darüber, was ich vom allgemeinen Weltuntergang halte.
Dann blende ich eben auch die Newsseiten dieser Welt aus, vermeide es während einer Woche die Tagesschau zu gucken, und hoffe irgendwie wieder Fuss zu fassen auf unserer kleinen Terrasse mit den Bäumen rundherum. Ich widme mich den liebgewonnenen Ritualen, freue mich auf das Nachhausekommen der besten Ehefrau von allen und räume bis dahin etwas auf, gehe mit dem Staubsauger durch die Wohnung, plaudere mit den Nachbarn.
Ich weiss, wir können die Schliessung des Spitals Menziken vermutlich nicht vermeiden, die Schiesserei auf dem Gelände der Pferderennbahn Aarau bringt mich zum Weinen und beim gedankenlos weggeworfenen Abfall werden wir damit leben müssen, jene zu sein, die danach aufräumen. Aber das kollektive aufregen und sich aufwiegeln bräuchte es nicht. Es müsste nur einer anfangen, damit aufzuhören.
Remo Conoci
