Zum Sonntag
03.09.2026 RegionAlpabzug
Die Ferien im Appenzellerland boten mir Gelegenheit, einem Alpabzug beizuwohnen. Ein mächtiges, rhythmisches Geläut hallte durch die Gassen, bevor die Tiere und Sennen zu sehen waren. Es ist ein Zeichen: der Sommer ist vorbei. Die Sennen und das Vieh ...
Alpabzug
Die Ferien im Appenzellerland boten mir Gelegenheit, einem Alpabzug beizuwohnen. Ein mächtiges, rhythmisches Geläut hallte durch die Gassen, bevor die Tiere und Sennen zu sehen waren. Es ist ein Zeichen: der Sommer ist vorbei. Die Sennen und das Vieh kehren heim. Der Alpabzug ist kein gewöhnlicher Viehtrieb. Es ist ein Fest der Sinne. Die Tiere tragen meistens einen prachtvollen Kopfschmuck aus Blumen, was hier leider fehlte und die Sennen ihre Festtagstrachten. Der Sennenbub, in festlicher Tracht, führte den Zug mit seinen herausgeputzten Geissen voller Stolz an. Die Gesichter der Sennen sind gezeichnet von vier Monaten harter Arbeit, aber sie strahlen. Sie sind wieder unten im Tal und alle sind gesund. Man spürt eine gelebte Dankbarkeit. Hinter jeder stolzen Kuh steckt eine intensive Zeit, eine Zeit voller Entbehrungen. Ein Alpsommer ist keine idyllische Bergromantik. Das Leben auf der Alp ist rauh und hart – es bedeutet früh aufstehen, Wind und Wetter trotzen, Verantwortung für die Tiere tragen und die Gefahren am Berg richtig einschätzen. Dieser Sommer brachte zusätzlich die Sorge um genügend Wasser und Futter. Der Blumenschmuck auf den Köpfen der Tiere leuchtet nur als Dekoration, wenn der Alpsommer ohne Unglück und ohne Verlust von Tieren und Menschen verlaufen ist. Doch auch ohne Schmuck zeigen die Sennen eine tiefe Dankbarkeit.
Der Alpabzug erinnert uns daran, wie wichtig es ist, in unserem Alltag innezuhalten und danke zu sagen. Danke, dass wir gut durch eine schwierige Lebensphase gekommen sind. Wir streben im Leben meistens nach oben; wir wollen vorwärtskommen, Karriere machen, die beste Aussicht geniessen, hoch hinaus. Doch das Leben besteht nicht nur aus Höhenflügen.
Der Alpabzug zeigt, wie wichtig der Abstieg ist. In den Bergen wird es kalt, das Gras wächst nicht mehr, der Winter kommt. Der Abstieg ist überlebenswichtig; ein warmes Zuhause, der Schutz vor Kälte und Frost, die Gemeinschaft.
Auch wir müssen manchmal «herunterkommen». Nach anstrengenden Phasen, nach «Gipfelmomenten» unseres Lebens, brauchen wir die Ruhe des Tals. Das Tal, ganz unten, ist kein Ort des Scheiterns, sondern ein Ort zum Auftanken, um Neues in Angriff zu nehmen.
Vergessen auch wir in dunklen und kühlen Zeiten des Winters nicht, was der Sommer uns geschenkt hat. Das Essen auf unserem Teller, die Menschen an unserer Seite und den Schutz, den wir oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Möge der Segen des Sommers uns durch den Winter begleiten.
Carla Bättig
