Am summenden Puls der Natur
09.04.2026 Suhren-/Rueder-/UerkentalNach einer kalten Nacht erfreut ein prächtiger Frühlingstag das Herz. Die Kirschbäume sind in voller Pracht. Es blüht und summt allerorten. Ein emsiges Treiben ist vor den Bienenkästen auszumachen. Wir sind im Ruedertal, das mit seinen Streusiedlungen und seiner ...
Nach einer kalten Nacht erfreut ein prächtiger Frühlingstag das Herz. Die Kirschbäume sind in voller Pracht. Es blüht und summt allerorten. Ein emsiges Treiben ist vor den Bienenkästen auszumachen. Wir sind im Ruedertal, das mit seinen Streusiedlungen und seiner Topografie oft als «Emmental des Aargaus» bezeichnet wird.
Im Weiler Eggschwil in Schmiedrued wohnt Hansruedi Maurer seit Kindsbeinen an in einem Bauernhaus. Dank eines Kollegen wurde er als Jugendlicher vom Bienenvirus gepackt und besuchte 16-jährig einen Imker-Grundkurs. In Boswil kaufte sich der angehende Landwirt 16 Völker samt Ausrüstung. «Das Bienenhaus zügelten wir mit Traktor und Wagen vom Freiamt ins Ruedertal», schmunzelt Hansruedi Maurer. «Da die Bienenkästen teilweise undicht waren, wurde ich aber als Anfänger ordentlich herausgefordert», ergänzt er. Zudem waren zu seinem Schreck auch scharenweise Tracheenmilben mitgereist, die es nun zu bekämpfen galt. Denn die davon befallenen Bienen wurden schwach und flugunfähig. «Lehrgeld muss ein jeder zahlen, wenn er schon meint, er könne es», hielt schon Jeremias Gotthelf pointiert fest. Doch die Erfahrung war der beste Lehrmeister.
René Fuchs
1984 übernahm Hansruedi Maurer den väterlichen Milchwirtschaftsbetrieb mit seiner Frau Sonja und führte ihn bis 2022. Die Imkerei begleitet ihn nun seit 53 Jahren als grosse Passion. Als Wanderimker mit hundert Völkern an fünf Standorten im Rueder- und Aaretal gibt es in diesen Frühlingstagen alle Hände voll zu tun. «Zum Glück haben die Bienenvölker den Winter gut überstanden», strahlt der Imker mit Leib und Seele. Um die zwanzig Kilogramm Futtersirup aus Weizenstärke verzehrt jedes starke Volk in der Winterruhe bis in den April hinein.
Bevor der Schmiedrueder einen seiner aus Weymouth-Kieferholz selbstgebauten Bienenkästen öffnet, gilt es noch Fachwissen auszutauschen. Jedes Volk vervierfacht nun seinen ehemaligen Auswinterungsbestand bis zu 40’000 Bienen. Bereits ab 8 Grad Celsius im Schatten sind die Bienen aktiv und begeben sich auf Erkundungsund Nahrungssuche. Mithilfe eines Schwänzeltanzes geben sie Informationen über eine Futterquelle weiter. Die Dauer des Tanzes zeigt die Entfernung zur Tracht an. Der Winkel zwischen der Senkrechten und der Tanzrichtung signalisiert den Winkel von der Sonne zur Nahrung. Die Honigbiene fliegt rund 85 Prozent aller Blütenpflanzen an. Aus den Blütenkelchen sammelt sie Nektar, den sie für die Honigproduktion benötigt. Zudem bringt sie Pollen nach Hause, die als Eiweissquellen dienen. Für 1 kg Honig braucht es sage und schreibe 3 kg Nektar, 100’000 Ausflüge mit insgesamt 150 Millionen Blütenbesuchen und 100’000 km Flugstrecke, also rund den zweieinhalbfachen Erdumfang!
Zwischen 33 und 36 Grad Celsius
Imker sein, heisst auch ruhig und wohlüberlegt zu handeln. So zündet Hansruedi Maurer seine Imkerpfeife an und bläst beim Öffnen eines Magazins den Rauch durch die kleinen Luken, um die herauskriechenden Bienen zu beruhigen. Einem Abenteuer gleich nimmt er nun für kurze Zeit die Brutwaben mit Futter-, Pollengürtel und Brutnestern heraus. Innerhalb eines Bienenknäuels ist die Königin. Für rund drei Jahre ist sie gleichzeitig Chefin des Staates, Mutter der Bienen, Drohnen und neuen Königinnen. Von Februar bis August legt sie ca. 300 – 2000 Eier täglich, ca. 130’000 im Jahr! Von «Hofdamen» ist sie auf der Wabe umringt, die sie betreuen und füttern. In den bereits zugedeckelten Zellen vollzieht sich das Wunder der Metamorphose, denn nach 21 Tagen krabbelt je eine ausgewachsene Arbeiterin heraus. Ein aussergewöhnlicher Anblick, aber auch Zeit, die Waben wieder vorsichtig in den Bienenstock einzubauen. Denn die raschabnehmende Temperatur im Freien soll ja das Brutgeschäft nicht stören. Normalerweise herrschen im Bienenstock Temperaturen zwischen 33 und 36 Grad Celsius. Bei zu grosser Hitze bringen die Arbeiterinnen Wasser in den Stock, bei Kälte erwärmen sie die Luft mit ihrer Muskelarbeit. Faszinierend ist, wie jedes einzelne Tier im Volk seine Aufgabe hat, vom Putzen der Zellen bis zu den Blütenbesuchen.
Nach einem Augenschein auf die glänzenden Honigwaben ist der Bienenstock wieder verschlossen. Der Kreislauf des Volkes wird nicht mehr gestört und so werfen wir einen Blick auf einige Arbeitsutensilien, die ein Imker braucht. Eine gute Königin in jedem Volk zu haben, ist das A und O. So gibt es allerlei Geräte, um Königinnen einzufangen und zu kennzeichnen, aber auch einen kleinen, mit einem feinen Gitter versehenen Behälter, um wenn nötig, eine neue, fremde Königin noch geschützt in einem Stock einzusetzen. Nach wenigen Tagen nimmt sie den Stockgeruch an und wird dann von ihren neuen Arbeiterinnen akzeptiert und nicht getötet. Auf die Königinnenzucht legt Hansruedi Maurer ein besonderes Augenmerk. Reinrassige Tiere der Carnica-Art bezieht er aus dem Emmental. Die Apis mellifera carnica gilt als sanftmütige, widerstandsfähige und ertragreiche Bienenart.
Eine Wissenschaft für sich
Schlüpfen Königinnen in einem Volk, dann schwärmt im Mai - Juni die Hälfte des Stockes weg und sucht mit der alten Königin ein neues Zuhause. Die neue Gebieterin darf im herkömmlichen Stock bleiben. So entstehen nun zwei, seltener drei Völker. Allzeit bereit heisst es dann auch für Hansruedi Maurer. Folgt nach einer Schlechtwetterperiode der erste Sonnentag, ist er mit Schwarmkiste, Wasserstäuber und Bienenbesen unterwegs. Schwärme, die an einem Ast hängen, können gut eingefangen werden, wenn sie vorgängig mit Wasser besprayt worden sind. Unvergessen bleibt ihm der Moment, als er einen «Engelschwarm» vor sich sah. Ein rundum von Bienen bedeckter alter Baumstamm mit zwei diametral schräg in die Höhe ragenden Aststümpfen. Oder eine Bienentraube, die aus drei Schwärmen bestand und nach dem Einfangen neun Kilogramm wog.
Imker zu sein, ist wahrlich eine Wissenschaft, bei der eine reiche Erfahrung von grossem Nutzen ist. Im Bienenzüchterverein Suhrental und im Verein der Schweizer Wanderimker tauscht sich Hansruedi Maurer regelmässig aus. Besonders freut es ihn auch, wenn junge Menschen sich für die Bienenhaltung interessieren. Die Begeisterung für die Natur und das Interesse an komplexen Abläufen in einem Insektenstaat sind unabdingbar. Ein ruhiges Gemüt, genügend Zeit, keine Scheu vor Putzarbeiten und ein waches Auge auf die Tiergesundheit, etwa auf die Bekämpfung der Varroamilben, gehören ebenso dazu. «Und Ferienreisen mitten in der intensivsten Imkerzeit des Jahres sind nicht möglich», sagt er mit einem Augenzwinkern.
Besuch bei bis zu drei Millionen Obstblüten
Viel Zeit in Anspruch nimmt auch die Honig- und Blütenpollengewinnung und die Herstellung der Bienenwachskerzen. Im grosszügig eingerichteten Schleuderraum steht alles feinsäuberlich bereit. – Im Verkaufslokal und in den Monaten September bis Mai verkaufen Hansruedi und Sonja Maurer ihre Produkte auch am Wochenmarkt in Aarau. Und neben Blüten-, Sommer-, Wald- und Wabenhonig fehlt selbst eigens hergestellter Met, Honigwein, nicht.
Sorgen bereitet die invasive, aggressive Asiatische Hornisse, die sich seit 2017 schnell in der Schweiz ausbreitet. «Einzelne Exemplare habe ich bereits vor Fluglöchern gefunden», sagt Hansruedi Maurer mit Sorgenfalten auf der Stirne. Andere Parasiten, wie der kleine Beutekäfer oder die Tropilaelapsmilbe, sind in Nachbarländern klimabedingt auf dem Vormarsch.
Hoffen wir, dass sich schlimme Szenarien nicht erfüllen werden. «Denn, was gibt es Feineres als Bienenhonig: Ein hochwertiges, naturreines Nahrungs- und Stärkungsmittel, das die Lebensgeister weckt», schmunzelt das Imkerpaar und lässt seinen Blick über die artenreiche Landschaft im Ruedertal schweifen. Denn ein einziges Bienenvolk kann täglich bis zu drei Millionen Obstblüten besuchen und bestäuben.
Lebenszeit und Aufgaben der Arbeiterinnen im Sommerhalbjahr
1. - 2. Tag: Zellen putzen, Brut wärmen
3. - 5. Tag: Füttern der älteren Larven
6. - 11. Tag: Füttern der jüngsten Larven
12. - 17. Tag: Wachs erzeugen, Waben bauen
18. - 21. Tag: Fluglochwache
22. - ca. 45. Tag: Blütenbesuch,
Blütenbestäubung, Sammeln von Pollen, Nektar, Kittharz, Wasser
Wussten Sie schon …
… dass 1 Biene mit 70 – 150 Flügelschlägen 8 m pro Sekunde zurücklegt. … dass 1 Biene in ihrem Leben rund 800 km fliegt. … dass 1 kg Honig die Lebensarbeit von 300 bis 400 Bienen darstellt. … dass die Winterbiene bis zu 9 Monate alt wird. … dass die Biene des Sommers sich in 6 Wochen zu Tode gearbeitet hat. … dass 1 Königin im Mai/Juni bis zu 2000 Eier pro Tag legen kann. … dass 1500 bis 1800 Eier ebenso viel wiegen wie das Eigenwicht einer Königin. … dass eine Bienenlarve rund 2000 Pflegebesuche bekommt.






