Barrierefrei
11.06.2026 RegionIn der deutschen Stadt Tübingen verwehrte der Oberbürgermeister Boris Palmer der Tischtennisspielerin Cary Hailfinger eine Rampe für die Sportlerehrung. In der vergangenen Woche sorgte diese Geschichte für Schlagzeilen. Hailfinger benötigt die Rampe, da sie auf einen ...
In der deutschen Stadt Tübingen verwehrte der Oberbürgermeister Boris Palmer der Tischtennisspielerin Cary Hailfinger eine Rampe für die Sportlerehrung. In der vergangenen Woche sorgte diese Geschichte für Schlagzeilen. Hailfinger benötigt die Rampe, da sie auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Begründet hatte der Oberbürgermeister die Ablehnung mit den Kosten. Selbst als Sponsoren anboten, eine Rampe zu bauen oder das Geld dazu zu spenden, weigerte sich Palmer.
Man müsste meinen, in der heutigen Zeit sei Inklusion kein Problem mehr. Öffentliche Gebäude, die neu gebaut werden, verfügen über einen Fahrstuhl und behindertengerechte Toiletten sind auch überall anzutreffen. Und doch gibt es Verbesserungspotenzial. Als ich in meiner Ausbildung wegen einer Knie-OP nicht gut Treppen laufen konnte, musste ich mich erst eine Treppe ins Sekretariat der Berufsschule hochkämpfen, um einen Schlüssel für den Lift zu erhalten. Hätte ich einen Rollstuhl gehabt, wäre dies nicht möglich gewesen.
Auch für Gehörlose ist es in der Schweiz nicht einfach. Die Gebärdensprache ist nicht auf Bundesebene anerkannt. Das erschwert diesen Personen den Alltag. Vor Kurzem war ich in England in den Ferien und in den Museen war bei den Videos immer in einer Ecke eine Übersetzung in Gebärdensprache zu sehen. Beim Bestellen im Restaurant wurde automatisch nach Allergien gefragt und an vielen Orten gab es glutenfreie Optionen. Auch Rampen waren an vielen Orten anzutreffen und meiner über 80-jährigen Grosstante wurde in den ÖV ein Sitzplatz angeboten und geholfen.
Eventuell lag diese Hilfsbereitschaft meiner Grosstante gegenüber am Alter, aber ich glaube, dass das Bewusstsein in England grösser ist. Nach meiner Knie-OP musste ich regelmässig trotz Krücken Personen im Bus auffordern, mir einen Sitzplatz zu geben.
Vielleicht sollten wir Barrierefreiheit nicht länger als Sonderwunsch betrachten. Schliesslich verlangt auch niemand einen Schlüssel für die Treppe oder eine Bewilligung für einen Sitzplatz. Barrierefreiheit beginnt nicht bei der Rampe, sondern bei der Haltung.
Melanie Köchli
