«Das Älterwerden fordert uns als ganze Gesellschaft»
25.06.2026 RegionBessere Lebensbedingungen, Erleichterungen am Arbeitsplatz, gesünderes Essen, oder medizinische Fortschritte. Es gibt viele Gründe, warum die Menschen in der Schweiz immer älter werden. Das ist erfreulich, stellt aber auch eine enorme Herausforderung für die ...
Bessere Lebensbedingungen, Erleichterungen am Arbeitsplatz, gesünderes Essen, oder medizinische Fortschritte. Es gibt viele Gründe, warum die Menschen in der Schweiz immer älter werden. Das ist erfreulich, stellt aber auch eine enorme Herausforderung für die Gesellschaft dar. Nun entstehen im Kanton Aargau «Versorgungsregionen».
Im Gebiet des Regionalverbands «aargauSüd Regio» leben aktuell fast 2000 Menschen die über 80 Jahre alt sind. Amtliche Schätzungen sagen, dass es bis im Jahr 2055 5000 betagte Menschen gibt, die in der Region Aargau Süd leben. Auch im Suhrental nimmt der Anteil über 80-Jähriger exponentiell zu. Von heute 720 Betagten auf fast 1900 im Jahr 2055. Damit liegen die beiden Regionen deutlich über dem kantonalen Durchschnitt. Allgemein ist der Zuwachs in städtischen Gebieten geringer.
Aus diesem Grund hat der Kanton vor zwei Jahren die «Gesundheitspolitische Gesamtplanung 2030» beschlossen. Darin werden die Gemeinden unter anderem verpflichtet, eine regionale Koordinations- und Anlaufstelle zu schaffen, so genannte «Versorgungsregionen». Derzeit arbeiten die bestehenden Regionalplanungsverbände an der Bildung dieser Regionen. Kürzlich fand ein Workshop mit Leistungserbringern aus der Region statt: Apotheker und Ärzte sowie Vertreter von Spitex, Spital Menziken, Alters- und Pflegeheimen. Was kommt da auf die Region Aargau Süd zu? Karin Faes, Präsidentin des Planungsverbands «aargauSüd regio» gibt Auskunft.
Karin Faes, wer steht in Sachen Altersversorgung eigentlich in der Pflicht?
«Die Gesellschaft als Ganzes: Politik, Krankenkassen, Spitäler, Ärzte, Altersheime, Spitex-Organisationen, Apotheken, Angehörige, Arbeitgeber, Familien und die Betagten selber. Befassen müssen wir uns mit den fehlenden Pflegebetten, dem fehlenden Fachpersonal, mit stark steigenden Kosten, mit Datenschutz und mit der Eigenverantwortung.»
Mit Eigenverantwortung meinen Sie, dass Familien ihre Alten betagten Familienangehörigen vermehrt selber pflegen?
Wir haben viele Angehörige, die heute schon zu ihren Eltern und Verwandten schauen und wir haben eine funktionierende Nachbarschaftshilfe. Aber wir stellen fest, dass diese Verbindungen vermehrt gekappt sind, wenn die älteren Menschen auf dem Land leben und es die jungen Familienmitglieder in die Stadt zieht. Wo die Verbindung da ist, müssen wir dafür sorgen, dass pflegende und betreuende Angehörige Unterstützung erhalten, zum Beispiel durch Tagesstrukturen und finanzielle Entlastung. Wo das nicht möglich ist, braucht es in erster Linie ein Netz von Dienstleistungen und erst danach neue Pflegeplätze.
Im Aargau fehlen bis 2035 1500 Pflegebetten, was bedeutet das für die Region Aargau Süd?
Wenn wir nichts unternehmen, werden es in dreieinhalb Jahren etwa 150 Pflegeplätze sein, die fehlen.
Das tönt nach wenig.
Die Entwicklung geht ja noch weiter. Bis 2055 werden weitere 300 Plätze fehlen. Die sechs Pflegeheime in der Region Aargau Süd sind bereits heute an der Grenze ihrer Kapazitäten, einige sogar schon darüber hinaus. Geht man von einer Investition von 300’000 bis 450’000 Franken pro Pflegeplatz aus, steht unserer Region bis 2035 ein Investitionsvolumen von 45 bis 68 Millionen Franken bevor. Wenn wir nichts unternehmen.
Und wenn wir etwas unternehmen?
Unser Ziel ist es, nur die Hälfte an Pflegeplätzen aufbauen zu müssen. Die andere Hälfte wollen wir mit einem Netz aus Freiwilligen, Ärzten, Apotheken, Spital und Spitex auffangen. Die Pflegeinstitutionen sind sehr verschieden organisiert. Es gibt Stiftungen, Aktiengesellschaften im Besitz von mehreren Gemeinden, private Eigentümer. Allen gemein ist, dass es für sie, seit dem Finanzhilfegesuch des Kantonsspitals Aarau, praktisch nicht mehr möglich ist, einen Bankkredit zu erhalten. Die Gemeinden wiederum sind gesetzlich verpflichtet, für die Planung und Sicherstellung eines bedarfsgerechten und qualitativ guten Angebots der ambulanten und stationären Langzeitpflege zu sorgen. Hier gilt es, gemeinsam nach neuen Lösungsansätzen zu suchen.
Sie schlagen nicht weniger als ein Umdenken vor.
Ja, wir müssen unterscheiden zwischen Bedürfnis und Bedarf. In Zukunft wird der medizinische Aspekt den Ausschlag geben, wer einen der raren Pflegeplätze zugeteilt bekommt. Damit Bewohnende mit Pflegestufe 1-3 erst später in die Langzeitpflege eintreten, braucht es neben der medizinischen Versorgung auch ein Angebot für die Betreuung der älteren Bevölkerung. Organisationen wie Impuls Zusammenleben, Pro Senectute oder das Rote Kreuz bieten bereits Hilfe an. Hier muss noch weiter ausgebaut werden.
Werden die Versorgungsregionen deckungsgleich mit dem Planungsverbänden sein?
Das ist noch unklar, jede Gemeinde kann selber entscheiden, welcher Versorgungsregion sie sich anschliessen will.
Welches sind die Aufgaben dieser Versorgungsregionen?
Aufgabe dieser Versorgungsregionen wird es sein die Koordination und Vernetzung der ambulanten und stationären Leistungserbringern, die Erstellung und Umsetzung eines Versorgungskonzeptes, die Erarbeitung der regionalen Pflegeheimplanung und die Sicherstellung einer Anlaufstelle für sachgerechte Beratung und Unterstützung rund ums Alter.
Bitte erklären Sie uns das an einem Beispiel
Betagte Menschen leben gerne so lange wie möglich selbstbestimmt in ihrem bisherigen Zuhause. Damit die Zeit in einer Pflegeeinrichtung kurz bleibt, oder ein Umzug nicht mehr notwendig wird, müssen diese Menschen und ihr Umfeld unterstützt und gestärkt werden. Diese Unterstützung wird durch die Spitex, ärztliche Versorgung Apotheken, Palliativpflege, Fahrdienste, Mahlzeitenservice, Reinigungs- oder Betreuungsangebote sichergestellt. Der Ausbau dieser Dienstleistungen ist wesentlich günstiger, als der sonst notwendige Aufbau an Langzeitpflegeplätzen.
Wie weit ist man in diesem Punkt in der Region Aargau Süd?
Wir haben die Problematik früh erkannt, möglicherweise früher als andere Regionen. Unser Ziel ist es, bereits 2029 über die geforderten Konzepte zu verfügen, damit die Versorgungsregion gebildet werden kann. Die Zeit drängt. Den Gemeinden in unserer Region ist bewusst, dass sie neben vielen anderen finanziellen Herausforderungen, wie Strasseninfrastruktur, Schulhausbauten oder Asylwesen, nun auch für die älter werdende Bevölkerung werden Mittel einplanen müssen. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass diese Bevölkerungsgruppe ein Leben lang gearbeitet und Steuern bezahlt hat. Nun ist es an uns, sie zu unterstützen.
Wenn all diese Beteiligten zusammenarbeiten sollen, braucht es Informationsaustausch. Droht ein Scheitern wegen dem Datenschutz?
Das ist eine mögliche Gefahr, deshalb müssen wir Vertrauen in das elektronische Patientendossier aufbauen. Der Datenaustausch dient der Sicherheit des Patienten, Abklärungen müssen nicht mehrfach durchgeführt werden, es kann schnell auf Situationen reagiert werden und die Kosten werden deutlich gesenkt.
Wie geht es nun weiter?
Letzte Woche fand ein Workshop statt, bei dem die verschiedenen Akteure den Konzeptentwurf besprochen haben (Anm. d. Red.: Statements aus diesem Workshop im Beitrag unten). Bis Ende Jahr wird es weitere Konsultationen geben. Ab dem 2. Quartal 2027 entstehen daraus die Teilrevision des Pflegegesetztes, das dem fakultativen Referendum entsteht, und die Pflegeverordnung. Ab 2030 wartet die Umsetzung, mit einer Übergangsfrist von 2 bis 3 Jahren.
Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?
Das Bewusstsein über das Thema ist noch nicht überall angekommen. Aber die Aufgabe wird die ganze Gesellschaft fordern. Ich bin überzeugt, dass wir diese Herausforderung, wie schon viele zuvor, gemeinsam meistern werden.
Interview: Remo Conoci

