«Der Klippensprung bei Cornwall hatte es in sich»
30.07.2026 Seetal, Beinwil am SeeLebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten ...
Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Veronika Amacher (74), mit Leib und Seele sechsfache Grossmutter, pensionierte Englischlehrerin und eidg. dipl. Turn- und Sportlehrerin aus «Böju».
Mit sieben Geschwistern ist Veronika Amacher in einer kinderreichen Familie im Rosenbergquartier der Stadt St. Gallen aufgewachsen. Am Kinderfestplatz nahe der pittoresken Innenstadt, erlebte sie eine wunderbare Zeit. Vater Josef, Mathematiker und Physiker ETH, und Mutter Maria, Turn- und Sportlehrerin und Germanistin, legten einen grossen Wert auf gemeinsame Familienaktivitäten und einen wertschätzenden Umgang. Dazu gehörten der sonntägliche Spaziergang und die Sommerferienzeit in einem Maiensäss ob Ems mit Holzherd und ausgelagertem Plumpsklo. «Die 1. Augustfeiern mit Höhenfeuer und Gesang, zusammen mit den nahen Bauernfamilien, werde ich nie vergessen», schwärmt die Beinwilerin. «Ebenso die vielen Handarbeiten, die wir frühzeitig vor Weihnachten anfertigten, um dann zuhause genügend Zeit fürs Einüben des legendären familiären Krippenspiels zu haben.» Einen hohen Stellenwert hatten auch viele Sportaktivitäten. Sei es Schwimmen, Schlittschuhfahren, Skifahren oder gar abenteuerliche Rollschuhrennen auf Quartierstrassen der Stadt.
René Fuchs
Mit musikalischem Flair begann Veronika Amacher 1957 ihre Schulzeit im Schulhaus Girtannersberg ob dem Stadtzentrum von St. Gallen. Nach dem obligaten Blockflötenspiel erlernte sie im zehnten Lebensjahr das Geigenspiel. Professor Heitz, ein stadtbekannter Geigenlehrer, hatte beim prü- fenden Blick auf ihre Finger festgehalten, dass für sie auf der Violine Doppelgriffe möglich seien…
Mitten in der Stadt besuchte sie darauf die 4. – 6. Klasse. Danach folgte für zwei Jahre der Wechsel ins Klosterschulhaus Flade, das geschlechtergetrennt von Nonnen mit strikten Regeln geführt wurde. Die Schülerinnen hatten die Pflicht, Schürzen zu tragen und der Präfekt musste die Lateinschülerinnen geordnet zum Unterricht im Knabenschulhaus führen. Doch Veronika war nie auf den Mund gefallen. Als der Kochunterricht jeweils am Freitag stattfand und im katholischen Umfeld an diesem Tag auf Fleisch verzichtet werden musste, wandte sie sich als Klassensprecherin umgehend an den St. Galler Bischof Josephus Hasler. Es sei ihnen ja verwehrt, die Fleischzubereitung zu erlernen. «Er empfing mich, hörte mir zu und begann zu schmunzeln», erinnert sie sich. «Da es ein schwerwiegender Grund für eine Ausnahme sei, erteilte er die Bewilligung und gab mir eine Nachricht an die Nonnen mit, die sehr verblüfft auf mich wirkten.»
Vom Hobby zum Beruf
Nach dem anschliessenden fünfjährigen Besuch der Kantonsschule Typ B und dem Maturaabschluss 1970 in der Stadt waren zwei Auslandaufenthalte angesagt. «Meine Eltern hatten bereits Au-pair Gastfamilien in Paris und London ausgewählt», erzählt Veronika Amacher mit einem Lacher. «Wohl hatten sie mir die Bedingung gestellt, Sprachdiplome in Französisch und Englisch nach Hause zu bringen, doch das machte meiner Lebensfreude keinen Strich durch die Rechnung. «Um die zwanzig Jahre alt hing bei mir der Himmel sprichwörtlich voller Geigen», schmunzelt sie. Dass sie Violine im «Orchestre des étudiants de Paris» und im «Morley College Orchestra» spielen durfte, war das Tüpfelchen auf dem i.
Kaum von der Weltmetropole London zurück, startete das vierjährige Studium zur eidg. Turn- und Sportlehrerin an der ETH in Zürich. Ebenso das Nebenfach Englisch an der Uni Zürich. Als Couleurdame der Singstudenten genoss sie das Studentenleben, wohnte dank Kontakten mit zwei Freundinnen in einer WG am Zürcher Bellevue und verdiente ihr Sackgeld als Fitnessleiterin im Akademischen Sportverband (ASVZ). Das Geräteturnen forderte sie anfänglich heraus. Die universitäre Laufstafette St. Gallen – Zürich und der Engadiner Skimarathon gehörten zu den sportlichen Höhepunkten.
«Dass ich nach der Studentenzeit mein Hobby zum Beruf machen durfte, war ein grosses Privileg», hält Veronika Amacher fest. 1975 begann sie als Turn-Sportlehrerin an der Kantonsschule und dem Lehrerseminar Heerbrugg (SG) zu unterrichten. Mit innerer Begeisterung und Motivationskraft für die Schülerinnen und Schüler. Weitere Ausbildungen zur Kunstschwimmtrainerin und SLRG-Expertin folgten.
Liebesglück in England gefunden
Dass sie heute mit ihrem Mann Peter Rosamunde Pilcher’s sentimentale Liebes- und Familiensagas vor der Kulisse von Cornwall gerne zu Gemüte führt, hat seinen Grund. Die rauen, steilen Felsen mit langen Stränden und malerischen Buchten sind unweigerlich mit ihrem Liebesglück verbunden. Während eines Sprachintensivkurses in London, am 1. August 1975, lernte sie ihren Mann Peter kennen. Als einer der wenigen Schweizer besass er ein Auto und lud zu einer dreitägigen Ausfahrt ein. «Von den fünf Angemeldeten war ich vor der Abfahrt als Einzige vor Ort und so starteten wir zu einer unvergesslichen verlängerten Wochenendtour», erzählt sie mit einem Augenzwinkern. Neben Schlossbesichtigungen gehörten auch Tauchgänge im Atlantik und ein waghalsiger Klippensprung dazu. «Als Turnlehrerin konnte ich mir, obwohl ich vor Angst zitterte, da keine Blösse geben. Peter sprang voraus und ich hintennach.» Ein Sprung ins Leere aber mit der Gewissheit, dem Liebesglück auf der Spur zu sein.
1977 heiratete das Paar überglücklich. Doch Freud und Leid sind im Leben oft nahe beieinander. 1980, drei Monate nach seiner Geburt, erlitt Sohn Christoph im Bett den plötzlichen Kindstod. Die Welt schien stillzustehen. Die Lebensfreude war abhandengekommen. Die Zukunft ohne Perspektive…
Bis zu den innigen Momenten als die Töchter Franziska und Beatrice zur Welt kamen. Das ersehnte Familienglück war da. Das Gedenken blieb. Karrierebedingt musste der Wohnort fünf Mal gewechselt werden. Ehemann Peter F. Amacher war als dipl. Maschineningenieur ETH im In- und Ausland gefragt. 1987 baute sich die vierköpfige Familie ein Eigenheim mit grandioser Sicht auf die Berge und den See in Beinwil am See. Kurz danach begann Veronika Amacher als Englischlehrerin im Schulhaus Steineggli zu wirken. 24 Jahre wurden es insgesamt. Ihr Engagement ging weit übers Unterrichten hinaus: Theaterund Krimistücke, eine Rap-Show, Ausflüge wie eine englischsprachige Stadtführung in Aarau, Besuche von Musicals und Museen und die englische Küche gehörten dazu. Im Orchesterverein Reinach wirkte sie als langjährige Präsidentin und mit ihrem «Fit-Gym mit Musik» in «Böju» fand sie viele Fitnessbegeisterte.
Viele Reisen
Kommunikativ, offen und gesellig lernten sie auch die Zuschauerinnen und Zuschauer der Kultsendung «Samschtig-Jass 1995» kennen. Strahlend erhielt sie in Beinwil am See den Pokal als Jasskönigin.
Unvergessen bleiben auch all die Reisen zur Pflege der Ehe nach Australien, Brasilien und Mauritius und mit den Kindern in die Serengeti und nach Hongkong. Ebenso viele Segeltörns wie mit der Viermastbark «Sea Cloud» in der Karibik mit Kapitän Peter und Chartersegelschiffen in England, Kroatien, Griechenland und der Türkei. Das Mitwirken am Karneval in Venedig war ein weiterer Höhepunkt. Bedrückend aber eine Wandertour in Madeira: Vor ihnen war ein Hochzeitspaar von einem Felssturz in ihrem Auto verschüttet worden. Die alarmierten Retter waren bald zu Stelle. Doch es war kein Leben mehr auszumachen.
Das «Casa Petite» in Magliaso im Tessin ist für Veronika Amacher und ihren Mann seit der Pensionierung das zweite Zuhause geworden. Velofahrten, Touren mit einem Töff mit Tessinernummer, geselliges Zusammensein mit Freunden samt dem Bridge Spiel, NIA und Line Dance und die Ausfahrten mit dem eigens gebauten Dampfschiff «Steamy» gehören zur Freizeit. Ebenso kulturelle Anlässe und aktives Musizieren in kleineren Formationen. «Bei Bedarf sind wir da, um die Enkel zu betreuen», schmunzelt die sechsfache Grossmutter. Die Chance zu haben, noch lange die Familie und die Grosskinder zu begleiten, gehört zu ihrem Wunschtraum vor dem 75. Geburtstag.
Als positiv denkender Mensch liegt Veronika Amacher die Redensart «Man trifft sich immer zweimal im Leben» am Herzen. Respektvoll durchs Leben zu gehen, wie es ihre Eltern vorgelebt haben, ist auch ihre wichtigste Lebensweisheit.





