Die Gegenwart stören für eine bessere Zukunft
07.05.2026 ReinachDas Thema Frauenrechte zog am Vorabend des 1. Mai zahlreiche Interessierte an. Mehrheitlich Frauen, von Jung bis Alt, verfolgten drei Referate zu Care-Arbeit, Armut und geschlechtsspezifischer Gewalt.
Mit Esther Gisler konnte eine Referentin gewonnen werden, die ...
Das Thema Frauenrechte zog am Vorabend des 1. Mai zahlreiche Interessierte an. Mehrheitlich Frauen, von Jung bis Alt, verfolgten drei Referate zu Care-Arbeit, Armut und geschlechtsspezifischer Gewalt.
Mit Esther Gisler konnte eine Referentin gewonnen werden, die schweizweit mit ihren Gedanken zu Care-Arbeit und Geschlechtergerechtigkeit Resonanz erzeugt. Theologin, Denkerin, Feministin – und eine Stimme, die nicht nur analysiert, sondern aufrüttelt.
Ihr Referat tat genau das. Care-Arbeit? «Ist doch selbstverständlich», könnte man meinen. Die Umsetzung der Pflegeinitiative? «Wir haben doch geklatscht – reicht das nicht?» Diese verbreiteten Annahmen stellte Gisler bewusst infrage. Zwar wird in Bundesbern der Handlungsbedarf zur Verbesserung des Gesundheitswesens parteiübergreifend anerkannt, doch gleichzeitig zeigt sich: Das System soll offenbar möglichst wenig kosten. Während der schwierigsten Zeit der letzten Jahre wurde das Gesundheitspersonal bis an die äussersten Grenzen belastet. Dennoch fehlen weiterhin finanzielle Mittel – vorhanden wären sie, werden aber anders ausgegeben.
Gisler erinnerte daran, dass unbezahlte Care-Arbeit – von der Kinderbetreuung über die Unterstützung im Alltag bis zur Pflege von Angehörigen – kaum Beachtung findet. Sie ist unverzichtbar, aber unsichtbar. Ohne Geld, ohne Anerkennung. Ihr Vorschlag, Care-Arbeit im Bruttoinlandprodukt abzubilden, liess viele im Saal aufhorchen. Eine Gesellschaft könne auf diese Arbeit nicht verzichten, sagte sie, «vom Beginn des Lebens bis zum Ende». Was es brauche? Mehr Mut, Care neu zu denken. Mehr Respekt. Und vor allem: eine ernsthafte Diskussion über die Finanzierung.
Armut, die leise wird
Nach diesem Blick auf die strukturelle Bedeutung von Care-Arbeit folgte der Schritt in den Alltag der sozialen Arbeit. Katharina Hauri, Standortleiterin der Heilsarmee Reinach, brachte die Realität von Frauenarmut in die Runde – eine Realität, die oft unsichtbar bleibt. Rund 300’000 Seniorinnen leben in der Schweiz unter der Armutsgrenze. Die Scham darüber ist gross. Viele versuchen, mit knappen Renten und ergänzenden Leistungen über die Runden zu kommen.
Besonders betroffen seien Frauen, erklärte Hauri. Unterbeschäftigt, unterbezahlt, mit Kita-Kosten, die für viele Ein-Eltern-Familien kaum tragbar sind. Gerade in Teilzeitjobs ist eine automatische BVG-Aufnahme häufig nicht gegeben. Kinder, Haushalt, Job – viele Frauen stemmen alles gleichzeitig und fallen dennoch durch die sozialen Netze. Im Pensionsalter folgt das Erwachen: keine BVG, obwohl man ein Leben lang gearbeitet hat.
Hier schliesst sich der Kreis zu Gisler: Care-Arbeit wird nicht bezahlt und ist ein Grund, warum gerade Frauen in die Altersarmut abrutschen. Zwei Drittel der Ergänzungsleistungsbeziehenden sind Frauen. Für ihre Kinder bedeutet das: kein Musikunterricht, kaum Ferien, oft schwierige Wohnungssuche. Notunterkünfte gewinnen auch in der Region an Bedeutung.
Gewalt, die im Verborgenen wächst
Während Hauri die wirtschaftlichen und sozialen Belastungen sichtbar machte, führte Roni Muff, Fachfrau für häusliche Gewalt aus Menziken, den Abend in ein weiteres schweres Thema: geschlechtsspezifische Gewalt und Femizid. Sie sprach als letzte Referentin – und der Raum wurde spürbar stiller. Femizid geschieht nicht irgendwo weit weg, sondern kann jederzeit und überall passieren: in der eigenen Wohnung, im öffentlichen Raum.
Eine von ihr gezeichnete Schweizerkarte mit den im Jahr 2025 verübten Tötungsdelikten an Frauen infolge häuslicher Gewalt machte das Ausmass sichtbar: 23 Fälle, verteilt über die ganze Schweiz. Für jedes Opfer brannte eine Kerze, und der Saal hielt eine kurze Schweigeminute – ein stiller Moment, der die Betroffenheit spürbar machte.
Muff zeigte auf, wie komplex die Hintergründe sind: Konflikte, Überforderung, finanzielle Belastungen, eskalierende Situationen. Die Statistik weist darauf hin, dass die Täter in der Mehrheit Männer sind – ein Hinweis auf ein gesellschaftliches Muster, nicht auf individuelle Zuschreibungen.
Hinschauen statt wegschauen
In der anschliessenden Diskussion ging es um die Frage, was man dagegen tun kann. Betroffenheit ist verständlich, aber nicht lösungsorientiert. Man muss aktiv werden. Hinschauen statt wegschauen. Gewalt findet oft hinter verschlossenen Türen statt. Wer vermutet, dass in einer Familie Gewalt vorkommt, soll handeln – ansprechen, Hilfe holen, nicht schweigen.
Am Ende blieb ein Gedanke hängen, den Hauri formuliert hatte: Wenn wir die Zukunft verbessern wollen, müssen wir die Gegenwart stören.
Dominique Rubin

