Einblick in die Situation
01.10.2026 ReinachVergangene Woche lockte der Dokumentarfilm «Die Enkeltrickbetrüger» von Cedric Schild zahlreiche Besucherinnen und Besucher ins Kino des Theaters am Bahnhof Reinach. Im Anschluss an die Vorführung beantwortete Wachtmeisterin Andrea Abderhalden von der Kantonspolizei ...
Vergangene Woche lockte der Dokumentarfilm «Die Enkeltrickbetrüger» von Cedric Schild zahlreiche Besucherinnen und Besucher ins Kino des Theaters am Bahnhof Reinach. Im Anschluss an die Vorführung beantwortete Wachtmeisterin Andrea Abderhalden von der Kantonspolizei Aargau Fragen aus dem Publikum und gab wertvolle Tipps, wie man sich vor Betrugsmaschen schützen kann. Organisiert und unterstützt wurde der Anlass von Impuls Zusammenleben aargauSüd und der Pro Senectute Aargau.
Die hohe Besucherzahl zeigte, wie gross das Bedürfnis nach Informationen und Schutz vor perfiden Betrugsmaschen ist. Nicht verwunderlich, denn kriminelle Machenschaften lauern vielerorts: Romance Scam, Anlagebetrug, Phishingmails, Enkeltrickbetrüger, Fake-Shops, die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Doch wie schaffen es die Betrüger, dass so viele Menschen in ihre Falle tappen?
Die meisten sind wahrscheinlich überzeugt: «Mir kann das nicht passieren.» Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Allein im Aargau werden jährlich mehrere Millionen Franken ergaunert. Dabei geht es meist weder um die geistige Fitness noch um die Naivität der Opfer. Vielmehr sind es die perfiden Taktiken der Täter, die es den Betroffenen schwer machen, einen klaren Kopf zu behalten. Sie bauen Vertrauen auf, üben Druck aus, spielen mit den Emotionen ihrer Opfer und manipulieren sie gezielt.
Wachtmeisterin Abderhalden von der Kantonspolizei Aargau bringt es auf den Punkt: «Es kann jeden treffen.»
Die rund achtzig Zuschauerinnen und Zuschauer im Kinosaal warten gespannt auf den Dokumentarfilm. «Wir möchten mehr darüber erfahren, um uns davor zu schützen», sagt ein Ehepaar. Ein anderer Besucher meint: «Ich habe immer das Gefühl, so etwas bemerkt man doch. Und trotzdem gibt es so viele Betroffene.»
Wie ist das Ganze aufgebaut?
Im Dokumentarfilm «Die Enkeltrickbetrüger» von Cedric Schild kann das Publikum eindrücklich miterleben, wie die Täter vorgehen. Gleichzeitig erhält es einen Einblick in die Strukturen, die hinter den Betrugsmaschen stehen.
Die sogenannten «Keiler» telefonieren meist von Callcentern im Ausland aus. Ihre Nummern suchen sie im Telefonbuch aus und achten dabei insbesondere auf ältere Namen. In der Schweiz übernehmen sogenannte Abholer das Geld oder die Wertsachen der Opfer und bringen diese vermutlich zum nächsten Kurier. Teilweise werden die Abholer über unrealistisch lukrative Jobangebote, beispielsweise auf Tutti, angeworben.
Wachtmeisterin Abderhalden erklärt: «Wir können nur die ‹kleinen Fische›, sprich die Abholer, zur Rechenschaft ziehen. Natürlich wird jeder Fall an die Bundespolizei weitergeleitet.» Das Ziel der Betrüger ist, das erbeutete Geld möglichst schnell ins Ausland zu bringen. Denn wenn es ausser Land ist, ist es unmöglich das Geld noch zurückzuholen.
Einblick in die Situation
Für den Dokumentarfilm hat das Journalistenteam sich selbst über längere Zeit als potenzielles Opfer ausgegeben. Dafür haben sie hunderte Telefonnummern mit älter klingenden Namen registrieren lassen. Cedric Schild, der auch in seiner Rolle als Comedian in verschiedene Figuren schlüpft, spielte dann den «Lockvogel» am Telefon.
Ein Fallbeispiel: Mit einem sogenannten Schockanruf bringen die «Keiler» ihre Opfer zunächst aus der Fassung: «Es ist etwas mit Ihrem Kind passiert.» Die Betroffenen erschrecken und nennen häufig spontan den Namen ihres Kindes. Zum Beispiel: «Was ist mit Melinda?» Damit liefern sie den Tätern bereits wichtige Informationen, die sie im weiteren Gespräch gezielt einsetzen können. So bauen sie Schritt für Schritt ihre Glaubwürdigkeit auf.
Anschliessend erzählen die Betrüger, das Kind habe bei einem Unfall einen Menschen getötet. Nun müsse eine Kaution bezahlt werden, damit es einer kurzfristigen Haft entgehen könne. Die Täter bauen Zeitdruck auf: «Die Staatsanwaltschaft ist eigentlich nicht mehr geöffnet, aber sie warten extra für Sie. Wir müssen jetzt möglichst schnell die Kaution bringen, damit «Melinda» nicht inhaftiert wird.» Die Keiler haben nun eine dramatische Situation erschaffen, bei welchen die Opfer unter enormem emotionalem und zeitlichem Druck stehen – schliesslich möchte man dem eigenen Kind aus der schwierigen Situation helfen.
Ein solches Telefonat kann sich über mehrere Stunden hinziehen. So hat das Opfer keine Zeit, die Situation zu reflektieren oder sein Kind anzurufen. Währenddessen organisieren die Täter in der Schweiz einen Abholer. Das Opfer verpackt seine Wertsachen und sein Geld nach Anweisung des Keilers in ein Couvert oder eine Tasche.
Für Cedric Schild und sein Team kommt im Dokumentarfilm nun der entscheidende Moment: Sobald die Abholer vor Ort sind, rufen sie die Polizei und stellen die Mittäter. Auf diese Weise gelingt es dem Filmteam, während der Dreharbeiten fünf Verhaftungen zu ermöglichen.
Trotz der beunruhigenden Thematik schaffen es Cedric Schild und sein Team, mit einer Prise Humor immer wieder für Schmunzeln im Kinosaal zu sorgen. «Also, das war wirklich eindrücklich, aber es macht einem auch Angst», sagt eine Besucherin nach dem Film.
Worauf ist zu achten?
Zum Abschluss des Abends macht Wachtmeisterin Abderhalden nochmals auf wichtige Punkte aufmerksam, die helfen können, sich vor Betrug zu schützen:
• Ist ein Telefonbucheintrag heutzutage noch notwendig?
• Was gibt man in den sozialen Medien über sich preis?
• Die Polizei in der Schweiz verlangt keine Kaution.
• Die Polizei ruft nie mit der Nummer 117 an.
• Bei schwerwiegenden Ereignissen übermittelt die Polizei die Nachricht immer persönlich.
• Nach Möglichkeit sollten Wertsachen in einem Bankschliessfach aufbewahrt werden.
• Nummern können «gespooft», also gefälscht sein. Dann werden die Nummern auf dem Display als Schweizer Nummer angezeigt, obwohl der Anruf aus dem Ausland kommt.
«Leider ist die Dunkelziffer der Opfer enorm hoch, da sich die meisten dafür schämen», sagt Andrea Abderhalden. Nicht selten leben die Betroffenen nach einem solchen Betrug am Existenzminimum. Umso wichtiger sei es, den Vorfall der Polizei zu melden. Auch wenn das Geld in der Regel für immer verloren sei, erhalten die Opfer Unterstützung. Denn nicht selten ist auch die psychische Belastung nach einem solchen Erlebnis enorm.
Schliesslich neigt sich der Abend dem Ende zu. Die Zuschauerinnen und Zuschauer machen sich mit vielen neuen Erkenntnissen und wertvollen Informationen auf den Heimweg – und hoffentlich auch mit dem Wissen, dass es jeden treffen kann.
Janine Flückiger


