Erinnerungen an ein Wahrzeichen
11.06.2026 MichelsamtAm 11. Juni 2026 jährt sich die Inbetriebnahme des Landessenders Beromünster zum 95. Mal. Fast acht Jahrzehnte lang prägte er die Schweizer Radiolandschaft und machte den Namen Beromünster weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Heute schweigt die Mittelwelle. Doch das Wahrzeichen lebt weiter – als Kulturzentrum und Erinnerungsort.
«Jetzt sind wir bald daheim.» Wenn Walter Mächler mit seinen Kindern unterwegs war und am Horizont der Sendeturm von Beromünster auftauchte, wussten sie: Der Heimweg war nicht mehr weit. Für den heute 79-Jährigen war der Landessender weit mehr als eine technische Anlage. Er war Orientierungspunkt, Wahrzeichen und ständiger Begleiter. Für Walter Mächler, der 30 Jahre unweit des Senders gewohnt und gearbeitet hat und heute gelegentlich Besuchergruppen durch das KKLB führt, ist die Verbindung geblieben. «Der Sender war immer da», sagt er. «Man hat ihn von weit her gesehen. Er gehörte einfach zu unserem Leben.»
Die Stimme aus dem Radio
Als der Landessender am 11. Juni 1931 seinen Betrieb aufnahm, begann ein neues Kapitel der Schweizer Mediengeschichte. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals eine technische Sensation. Die geografische Lage des Senders auf dem Gebiet des damals noch selbstständigen Gunzwil in der Zentralschweiz half auch dabei, gleichzeitig ein breites Publikum mit Nachrichten, Musik und Unterhaltung zu erreichen. Spätestens mit dem Bau des 216 Meter hohen Blosenbergturms im Jahr 1937 wurde Beromünster zu einem Wahrzeichen. Das Signal des mächtigen Sendemastes war in weiten Teilen Europas empfangbar. Während des Zweiten Weltkriegs gewann der Sender zusätzliche Bedeutung. In einer Zeit der Zensur und Propaganda galt die Stimme aus der neutralen Schweiz vielerorts als glaubwürdige Informationsquelle.
Roland Marti
Für die Menschen in der Region war der Sender jedoch nicht nur ein nationales Symbol. Seine Präsenz war im Alltag unmittelbar spürbar. «Wenn wir telefoniert haben, fragten die Leute manchmal: Wer redet dir da hinein?», erinnert sich Walter Mächler lachend. Die gewaltige Sendeleistung machte sich bemerkbar. Radiosignale fanden ihren Weg in Telefonleitungen, Verstärkeranlagen und Lautsprecher. Bei Festen und Veranstaltungen kam es vor, dass sich der Landessender ungefragt in die Technik «einmischte».
Wenn der Schnee schmolz
Noch eindrücklicher waren die sichtbaren Folgen der enormen Sendeleistung. Nach Schneefällen zeigte sich zwischen dem Sendergebäude und dem Turm oft ein grüner Streifen in der weissen Landschaft. Dort schmolz der Schnee schneller als anderswo. «Das hat mich immer fasziniert», erzählt Mächler.
Rund um den Sender kursierten zahlreiche Geschichten, die beinahe unglaublich klingen. Manche davon sind dokumentiert, andere wurden über Generationen weitererzählt. Zu den bekanntesten gehört das Phänomen der Leuchtstoffröhren. Wer eine solche Röhre in der Nähe des Senders mit sich trug, konnte erleben, wie sie ohne Stromanschluss zu leuchten begann. Allein das elektromagnetische Feld genügte, um sie zum Glimmen zu bringen. Der Performance-Künstler Roman Signer inszenierte dieses eindrückliche Phänomen medienwirksam in einem seiner Videos. Auch Warnschilder für Träger von Herzschrittmachern gehörten lange zum Erscheinungsbild des Geländes. Die Strahlung war so stark, dass Vorsicht geboten war.
Walter Mächler erinnert sich zudem an eine 1.-Augustfeier auf dem Blosenberg. Wurden Drähte oder Kabel in die Höhe gehalten, konnten sie sich stark erhitzen. Solche Geschichten machten den Sender für viele Menschen zu einem beinahe mystischen Ort. Es erstaunt aber auch nicht, dass es viele Menschen gab, denen die Strahlung gesundheitliche Probleme bereitete.
Bewacht wie ein Staatsgeheimnis
Während des Kalten Krieges galt der Landessender Beromünster als wichtige Infrastruktur. Entsprechend hoch waren die Sicherheitsvorkehrungen. Mächler erinnert sich an Soldaten, die das Gelände bewachten. Zeitweise wurden sogar Schützengräben ausgehoben. «Wir gingen manchmal hinauf und holten bei den Soldaten Schokolade oder Militärguetzli», erzählt er schmunzelnd. Für Kinder aus der Umgebung war der Sender ohnehin ein Ort voller Geheimnisse. Die meisten wussten nicht genau, was sich hinter den Mauern abspielte. Man wusste nur: Von hier kam das Radio. Tatsächlich wurden die Sendungen nicht in Beromünster produziert. Die Programme gelangten über Leitungen zum Sender, wurden dort technisch aufbereitet und anschliessend über die gewaltigen Antennen ausgestrahlt. Dennoch wurde «Beromünster» zum Synonym für das Schweizer Radio. Wer Radio hörte, kannte den Namen.
Das Ende der Mittelwelle
Mit der technischen Entwicklung verlor die Mittelwelle nach und nach an Bedeutung. UKW, später Digitalradio und Internet übernahmen ihre Rolle. Ende 2008 verstummte der Landessender endgültig. Nach 77 Jahren war die Ära der Mittelwelle vorbei. Viele fragten sich damals, was aus dem markanten Wahrzeichen werden würde. Der Turm blieb erhalten. Heute dient seine Spitze weiterhin als Messstation für Wetter- und Umweltdaten. Vor allem aber steht die gesamte Anlage als bedeutendes Kulturgut unter Schutz.
Ein neues Kapitel
Längst ist auf dem ehemaligen Senderareal neues Leben eingekehrt. Der Surseer Künstler Wetz (Werner Zihlmann) übernahm das Areal des ehemaligen Landessenders Beromünster im Jahr 2010. Er baute das historische Gebäude zu einem Gesamtkunstwerk sowie dem Kunst- und Kulturzentrum (KKLB) um.
Im Gegensatz zu den Betriebsgebäuden war der Sendeturm auf dem Blosenberg nie im Besitz von Werner Zihlmann. Dennoch hat das Künstlerduo Silas Kreienbühl und Wetz im Jahr 2021 den Sendeturm in Form einer Performance zum Kunstwerk erklärt. Das Werk «Sendeturm Beromünster, Wetz und Silas Kreienbühl, 2021» wurde für 100’000 Franken an einen Sammler verkauft.
Im Betriebsgebäude, wo einst technische Anlagen standen, finden heute Ausstellungen, Konzerte, Führungen und kulturelle Veranstaltungen statt. Das KKLB hat dem historischen Ort eine neue Aufgabe gegeben. Getragen wird diese Entwicklung seit Ende 2022 vom neuen Besitzerpaar Anda und Heinz Marti. Mit viel Herzblut bauen sie das Kulturzentrum kontinuierlich aus. Sie bieten das KKLB als Eventlocation an, bewirten Gäste und führen Besuchergruppen durch die geschichtsträchtigen Räume. Heinz Marti begegnet dabei regelmässig Menschen, die persönliche Erinnerungen an den Landessender mitbringen. Für viele ältere Besucherinnen und Besucher ist der Ort noch immer mit Emotionen verbunden. «Erst durch die Gespräche mit diesen Leuten habe ich begriffen, welche Bedeutung der Sender für die Schweiz hatte», sagt Marti. Während jüngere Generationen oft kaum mehr wissen, was Mittelwelle überhaupt ist, bleibt der Landessender für viele Ältere ein Stück Heimatgeschichte.
Auch Walter Mächler beeindruckt, was heute auf dem Areal entsteht. «Es ist grossartig, dass der Sender weiterlebt», sagt er. «Einfach auf eine andere Art.» So steht der Landessender Beromünster auch 95 Jahre nach seiner Einweihung noch immer über der Landschaft. Er sendet keine Radiowellen mehr in die Welt hinaus. Doch als Wahrzeichen, Kulturort und Erinnerungsträger prägt er die Region bis heute. Und er erzählt weiterhin Geschichten.




