Gastkommentar: 10-Millionen-Schweiz: Elefant im Raum der Politik
10.06.2026 RegionSeit der mit 47 % Ja knapp verworfenen, im Bezirk Kulm, in den Kantonen Luzern inklusive Michelsamt, Bern, Freiburg und den Urkantonen angenommenen «Schwarzenbach»-Initiative, hatten Vorstösse dieser Art meist einen Haken. Die Initiativen von 1970 und 1974 (mit dem Michelsämter Valentin Oehen als Verfechter) hätten wegen massloser Remigration bei Annahme eine Krise mit Italien ausgelöst. Nach der parlamentarischen Bodigung der Initiative gegen die Massen-Einwanderung (2014) wird die «Nachhaltigkeitsinitiative» vom kommenden 14. Juni neudeutsch als «Chaos-Initiative» geschmäht. Damit ist nicht die viele Hundert Millionen kostende Nichtausschaffung illegal Eingereister in die Schweiz gemeint, eher eine Mitteilung der Parlamentsmehrheit an die Bürgerschaft: «Stimmt wie ihr wollt, aber wir werden es nicht umsetzen». Ähnlich ruiniert in Deutschland derzeit Bundeskanzler Merz mit gebrochenen Versprechen den Ruf seiner Partei. Der SPD geht es nicht besser. Die unbeliebteste Regierung seit 1945. In der Schweiz sind wir noch nicht ganz so weit.
1848: 2 Millionen galten als «übervölkert»
Bei Leugnung des wahren Chaos durch Schlagworte ist das Schweigen des Wynentaler Alt-Ständerates und ehemaligen FDP-Präsidenten Philipp Mülller, geb. 1952, als Anstand zu respektieren. Sein ehrenwerter Versuch, den Ausländerbestand auf 18 % zu deckeln, wurde vor 26 Jahren an der Urne abgeschmettert. Bilanz bis heute: die meisten Parteien wollen keine Zahl in der Verfassung, erst recht keine Jahreszahl, was allenfalls mit «Netto Null» bei der Klima-Rettung als Versprechen für die Zeit nach dem Ausscheiden Jetzigen versprochen wird. Von dem allem abgesehen galt die Schweiz zur Zeit der Bundesstaatsgründung (1848 mit 2 Millionen Einwohnern) bereits als übervölkert.
Darüber sprach ich mal in Rothrist beim Gedenken an die Ausschaffung von rund 350 Armen nach Amerika mit dortigem Begrüssungsgeld von 10 Dollar. Diese Meinung dominierte noch 1914, als die Neue Helvetische Gesellschaft sich gegen die Überfremdung stark machte. Sogar auch der heute vielverehrte sozialistische Theologe Leonhard Ragaz schrieb ein Buch von 225 Seiten gegen die Überfremdung.
Wenn heute innerhalb von drei Jahren ebenso viele Leute in die Schweiz strömen wie zur Zeit der Alemannenwanderung um 250 bis 550 in 300 Jahren, steht uns beim Fortgang dieser Entwicklung eine neue Schweiz bevor. Einige wollen dies bewusst, andere eher nicht. Darüber wird aber selten ehrlich diskutiert.
Prof. Joseph Deiss und Roger Wehrli trennen Welten
Als ich vor 3 Jahren im Seetal Alt Bundesrat Prof. Joseph Deiss vorstellen durfte, mit seinen von mir bewunderten Büchern über europäische Pilgerwege, betonte er, dass der Jura auch bei einer Zehnmillionen-Schweiz vorzüglich zu erwandern sei. Selber beschrieb ich, wie eine Baldegger Klosterfrau wunderbar den dortigen Etang de Gruères als Naturparadies analysierte.
Philipp Müller unterstütze ich im Wahlkampf 2011 mit einer Rede in Aarau pro Vogelschutz als Indikator für Naturschutz. Meine Kritik galt zu wenig ergiebigen Windrädern, was auch meine Mitbürger in Rickenbach bald mal so sahen, nur dass ihre Meinung anscheinend nicht zählt. Joseph Deiss, dank Prestige gegenüber Ruth Metzler-Arnold als Bundesrat nicht abgewählt, respektiere ich als Akademiker. Den heutigen Plättleger und Ex-Nationalspieler Roger Wehrli (Suhr) kannte ich nur als früherer GC-Fan, als dieser heute globalisierte Traditionsverein noch Schweizer Fussball repräsentierte, Raimondo Ponte inbegriffen. Alt «Arbeitsfussballer» Wehrli, kein Schönspieler, kennt die Schweiz und Europa mit anderen Erfahrungen als Diplomaten oder Frank A. Meyer, der im «Blick» im Gegensatz zu noch vor 12 Jahren heute nicht mehr von einer «nützlichen Initiative» spricht. In dieser Zeitung bekannte sich Wehrli vorletzten Samstag wie der Glarner Ex-Radstar Freuler zu einem «Ja» am 14. Juni, weil er wisse, wie es «auf dem Bau» zugehe, was auch noch Philipp Müller, im Bären «Blick»-Leser, besser wusste als wohl mancher Chefredaktor. Dass der anerkannte Gelehrte Deiss nie volksnah war, zeigte mir der erbärmliche Besuch einer Lesung von ihm in der Stadt Freiburg, was dann aber am Baldeggersee dank Ueli Suter erfreulicher ausfiel. Die Meinung, «wir Akademiker» wüssten besser, was für die Schweiz richtig sei, konnte ich aus Sicht der Volkskunde und auch mit Blick auf die Arbeiter-Literatur nie teilen.
Linker Schriftsteller machte «Heuschrecken»-Vergleich
Näher als jeder Politiker schrieb der Aargauer Arbeiterschriftsteller Karl Kloter um 1970 zwar gegen die Schwarzenbach-Initiative. Aber die Probleme der damaligen Schweizer Gewerkschafter kannte er besser als der gebildetere Max Frisch mit seinem Ausruf, man hätte Arbeitskräfte gerufen, «aber es kamen Menschen». Diese fanden sich in der Arbeitswelt mit ihren Spannungen. Kloters verunglückter Vergleich aus dem Roman «Salvatrice»: «Sie kamen wie die Heuschrecken» würde heute weglektoriert, zeigte aber damals eine Bruchstelle. In Aarau schrieb meine Kollegin Anna Felder, Italienischlehrerin, einfühlsamer zum Thema Gastarbeiter. Beide würdigte ich mit Nachrufen, so wie ich die Werke meiner Wynentaler Kollegen Hermann Burger, Klaus Merz und Markus Kirchhofer wertschätzte, erst recht meinen Weggefährten Karl Gautschi, mit dem ich acht Jahre lang im Aargauer Verfassungsrat u.a. in der Bildungskommission wirkte.
Zersiedelung und Zerstörung der Landschaft
Leider gelang es mir nicht, den für JUSO-Verhältnisse auf dem Platz Basel relativ erfolgreichen Wynentaler Benjamin von Wyl für die Arbeiterschriftsteller Bührer und Kloter zu begeistern, deren Lebenswelt fast nichts mehr mit den auf «woke» Zeitkritik als Nischenthema konzentrierten Linken zu tun hatte. Die vor allem politisch formulierte Klage des Autors von Wyl über seine Wynentaler Herkunft bezeugt nicht, dass Sprachmeister wie Hermann Burger, Klaus Merz und Markus Kirchhofer weniger kritisch geschrieben hätten. Jedoch aus einer einmaligen Tiefenanalyse ihrer Kindheit. Dabei thematisierte Kirchhofer wie kaum ein zweiter Schweizer Schriftsteller in seinem Käse-Roman «Das Planetenrührwerk» Zersiedelung und Zerstörung der mittelländischen Landschaft, gewiss ohne Migranten dafür die Schuld zuzuweisen.
Die Zehnmillionen-Schweiz bleibt bei uns der Elefant im Raum der Politik. Ich kenne keinen aktiven Politiker und Politologen gegenwärtig, dem ich Hochkompetenz in Demografie zuschreiben würde. Darum hat man sich vor 60 Jahren in der überparteilichen «Arbeitsgruppe für Bevölkerungsfragen» noch ernsthaft gekümmert. Der oben genannte Karl Kloter, Schrebergärtner und Naturfreund, wäre gern bei einer Schweiz von 4,5 Millionen Einwohner geblieben, für die er einst an der Grenze stand. Weil er aber keine Südländer heimschicken wollte. durften es für ihn auch eine Million mehr sein.
Der Gedanke an Stabilisierung setzte sich auch dank der Bundesräte Tschudi (BS, SP) und Schaffner (FDP, Gränichen) allmählich durch. Zu Hilfe kam dem damaligen Bundesrat die Rezession ab 1974.
Selber schäme ich mich nicht für meinen und der Wynentaler Anteil an Abstimmungen, die nur in der Schweiz erlaubt sind. Der sehr zweifelhaften Schwarzenbach-initiative stimmte ich im Juni 1970 zu, weil damals für den «Endausbau» Wettingens 80 000 Einwohner geplant waren. Ausserdem sagte ein berühmter Professor aus St. Gallen für die Schweiz bereits im Jahre 2000 «10 Millionen Einwohner» voraus, «von denen die Mehrheit südländische Sprachen sprechen». Für heute lehne ich zumal die Angstmacherei gegenüber der älteren Generation ab. S. Es ging und geht mir und anderen im Detail oft nicht Gleichgesinnten um eine lebenswerte Schweiz. In diesem Sinn empfehle ich den Wynentalern und Wynentalerinnen wie früher schon eine starke Stimmbeteiligung.
Der Inhalt dieses Kommentars deckt sich nicht zwingend mit der Haltung des Wynentaler Blatts.
