«Geschichten rufen Geschichten und ich höre zu»
23.04.2026 ReinachNoch war das Licht an. Doch die Stimmen wurden leiser. Die Vorfreude auf einen der grössten Schweizer Schriftsteller war riesig. Und kein anderes Adjektiv passte besser.
Ein Stuhl, ein Stehtisch, ein Pult und ein Autor, der mit seinem Strahlen den Saal füllte. ...
Noch war das Licht an. Doch die Stimmen wurden leiser. Die Vorfreude auf einen der grössten Schweizer Schriftsteller war riesig. Und kein anderes Adjektiv passte besser.
Ein Stuhl, ein Stehtisch, ein Pult und ein Autor, der mit seinem Strahlen den Saal füllte. Eine wörtlich pointierte Würdigung des «Wynental Express» und seiner Haltestellen bevor Franz Hohler den Spaziergang durch sein Gesamtwerk mit «Liebe zum Vaterland» begann. Bei dem Gedicht handle es sich um den ältesten erhaltenen Text, den er mit ungefähr neun Jahren geschrieben habe. «Ich denke, den kann man heute noch lesen...» Der Applaus bestätigte seine Einschätzung.
Ins Nichts geschossen
«Auch wenn ich die Entstehungsgeschichte heute vielleicht etwas anders zu Papier bringen würde.» Und schon befand man sich in der nächsten Geschichte, als Gott dem Inhalt einer geschenkten Gemüsekiste nicht traut. Nach sieben Tagen zerplatzten die Hülsen der Erbsen und diese schossen mit grosser Gewalt ins universale Nichts hinaus. «Manche blieben zusammen, wuchsen, umkreisten einander und begannen zu leuchten. So wurde aus dem Nichts das Weltall. «Und Gott stellte sich die Frage, wer zum Teufel ihm die Kiste vor die Tür gestellt habe.»
Franz Hohler beherrscht die Kunst, Fantasie ernst zu nehmen. Das beschränkt sich nicht auf die Kinderromane rund um «Tchipo» oder Werke wie «Am liebsten ass der Hamster Hugo Spaghetti mit Tomatensugo». Bei den «Erwachsenen» spielen Lebende gegen Tote Fussball, Jesus geht gemeinsam mit dem Teufel auf Reisen, während Franz Hohler selbst da und dort mit anderen hohen Autoren verwechselt wird («Im Alter gleichen sich die Autoren»).
Keine Koketterie
Anmerkungen wie «Beim Vorbeikommen an der EMS Chemie kann man sich der Verbindung zur Familie Blocher nicht erwehren. Kümmert sie sich doch um die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit konservativem Gedankengut.» zeugen nicht nur von Franz Hohlers sorgfältigem Umgang mit der Sprache. Er verknüpft Fakten und Assoziationen ohne mit Komplexität zu kokettieren. Das Publikum vertraute ihm, folgte ihm auf seinen Gedankenpfaden, wie die faszinierten Gesichter zeigten. Der realistische Zeigefinger blieb arbeitslos. Plötzlich hatte das Leben Facetten, die niemand so einfach für sich allein in Betracht gezogen hätte. Franz Hohlers Erklärung dafür lautete: «Geschichten rufen Geschichten und ich höre zu.»
Der Autor beschränkte sich nicht aufs Erzählen. Er brachte Geschichten zum Klingen. Das Chanson «Le déserteur» von Boris Vian im Original und als eigene Übersetzung. Er verlieh einer «Weltuntergangsgeschichte» eigenhändig den Rhythmus eines Rap. Und beruhigte danach die Zuhörer: «Keine Sorge, der Morgen endet nicht mit diesem Untergang. Stattdessen schilderte Franz Hohler, dass Gott der Göttin bei der Erschaffung der Welt nur assistierte, Stephen Hawking ihn inspiriert hatte und umgekehrt - «die Poesie ist eine gute Grundlage».
«Ich gehe das Risiko...»
Franz Hohler erntete Standing Ovations. Die Menschen lächelten, wirkten als könne ihnen die Welt vor dem Saalbau zumindest an diesem Morgen nichts mehr anhaben. Franz Hohler sagte: «Wenn er Anfang des Jahres 1989 gesagt hätte, dass die Teilung Deutschlands endet, die Berliner Mauer und der eiserne Vorhang fallen, die Menschen hätten ihn für verrückt erklärt. Ich gehe das Risiko ein und erkläre: Endes Jahres gibt es keine Kriege mehr auf der Welt, Putin ist verstorben und Trump in einem Altersheim in Grönland. Das wäre doch was.» Franz Hohler winkte von der Bühne und die Menschen nahmen die Welt voller Möglichkeiten mit nach Hause.
Graziella Jämsä


