Hitzestress pur für Wald und Natur
20.08.2026 RegionDer Wald ist weder eine Kulisse für den Sonntagsspaziergang noch eine Trainingshalle für ambitionierte Sportler. Er ist ein in sich funktionierender Organismus, der sensibel auf Veränderungen reagiert. Der Hitzesommer 2026 dient dabei als bestes Beispiel: Nicht nur die ...
Der Wald ist weder eine Kulisse für den Sonntagsspaziergang noch eine Trainingshalle für ambitionierte Sportler. Er ist ein in sich funktionierender Organismus, der sensibel auf Veränderungen reagiert. Der Hitzesommer 2026 dient dabei als bestes Beispiel: Nicht nur die Tierwelt leidet Durst – auch die Bäume, die Sträucher und das Mikrobiom am Boden leiden massiv unter der extremen Wasserknappheit.
Der Wald steht vor dem Hitzeschlag, und der Mensch bemerkt es nicht einmal, während er in den heissen Sommertagen Abkühlung unter dem Blätterdach sucht. Die Baumkronen spenden Schatten und in dieser wunderschönen Idylle vergisst man leicht zu sehen, was eigentlich augenfällig ist. Der Wald leidet. Christian Siegrist, Betriebsleiter und Revierförster beim Forstbetrieb aargauSüd, kennt in seinem Revier beinahe jeden Baum und registriert jede Veränderung, ob klein oder gross. «Klimatechnisch stehen wir vor einem grossen Umbruch», sagt er und mustert mit geübtem Blick einen Baumstamm.
«Die Nekrose sieht man hier deutlich», erklärt der Revierförster und zeigt auf dunkle, abgestorbene Stellen an der Rinde. Dieser Pilzbefall macht das Holz von innen heraus instabil und den Baum damit gefährlich für Waldbesucher. Eine Fällung ist hier unausweichlich.
Dominique Rubin
Beim Gang durch das dichte, teils vom Licht durchflutete Unterholz zeigt der Revierförster auf einen der ganz grossen Erfolge in seinem Revier: die erfolgreiche Bekämpfung von Wildverbiss an jungen Weisstannen. Die Knospenspitzen (Terminalknospen) der Jungbäume sind besonders nahrhaft. Das Rehwild benötigt diese Energie, gerade auch im Hinblick auf den kommenden Winter. Damit die jungen Weisstannen jedoch ungestört wachsen können, greift das Forstteam zu einer speziellen Methode: Die Triebe werden mit einer Schutzfarbe besprüht. Der Tanne schadet das nicht, dem Reh schmeckt die sandige Konsistenz jedoch überhaupt nicht – es lässt den Trieb links liegen. Siegrist ist begeistert von der Wirkung: «Diese einfache Massnahme bringt einen enormen Erfolg für die Verjüngung des Waldes.»
Wie diese Verjüngung in Perfektion aussieht, zeigt sich in einem Waldstück unterhalb der Reinacher Waldhütte – dem sogenannten Plenterwald. Hier stehen alle Generationen von Bäumen wild gemischt nebeneinander. Mächtige, uralte Riesen ragen in den Himmel, während direkt daneben nur wenige Jahre alte Bäumchen mit schmalen, schnurgeraden Stämmen emporwachsen. Jede erdenkliche Entwicklungsstufe eines Baumes ist hier gleichzeitig vertreten.
Was heute wie unberührte, wilde Natur wirkt, ist in Wahrheit ein historisch von Menschenhand geformter Kulturraum. Früher wurde dieser Wald von den lokalen Bauern exakt nach ihren täglichen Bedürfnissen bewirtschaftet. Brauchte ein Hof ein neues, breites Scheunentor, fällte der Bauer einen der mächtigen, alten Stämme. Wurden Pfähle für die Abgrenzung der Kuhweide benötigt, holte man sich die dünneren, geraden Jungbäume. Das Kronendach wurde daher nie ganz geschlossen und es traf immer genügend Licht auf den Waldboden, was den Jungwuchs von Weisstannen oder Buchen förderte. Die Landwirte ernteten immer nur das, was sie gerade brauchten, wodurch sich der Wald permanent von selbst verjüngen konnte.
Die Wald-Forschung am Stierenberg: «My Garden of Trees»
Um die Zukunft des Waldes langfristig zu sichern, reicht lokaler Schutz allein nicht mehr aus. Auf dem Stierenberg nimmt der Forstbetrieb aargau-Süd deshalb am innovativen, europaweiten Forschungsprojekt «My Garden of Trees» teil. Das Besondere an diesem Projekt, welches Christian Siegrist vor Ort überwacht: Es werden gezielt Samen von Buchen und Weisstannen ausgesät, die aus deutlich wärmeren und südlicheren Gegenden Europas stammen und die Hitze bereits gewohnt sind.
Das Freiluftlabor auf dem Stierenberg liegt auf über 800 Metern Höhe – wie verhalten sich diese südlichen Saatkörner in dieser raueren Umgebung? Die Daten, die der Forstbetrieb hier sammelt, sind zukunftsweisend. Das Projekt zeigt einen Weg auf, wie die Verjüngung des Waldes gelingen kann, ohne dass man artfremde Bäume wie Zypressen anpflanzen muss. Stattdessen wird auf einheimische Baumarten gesetzt, deren Gene jedoch bereits an ein wärmeres Klima angepasst sind. Die positive Folge davon ist, dass das gewohnte, sensible Mikrobiom im Boden erhalten bleibt. Der Lebensraum rund um Weisstanne und Buche wird geschützt, ohne das ökologische Gleichgewicht durch exotische Eindringlinge zu gefährden.
Der Wandel verändert auch den Lebensraum für Tiere und Kleinlebewesen. Während ein reiner Buchenwald im Winter kahl ist, bietet die immergrüne Weisstanne ein ganzjährig stabiles Mikroklima. Ihre dichten Nadelzweige behält sie das ganze Jahr über und bietet so ein dauerhaft schattiges, feuchtes Waldklima.
Maskierte Einwanderer im Unterholz: Das Problem mit dem Waschbären
In den letzten Jahren sind infolge der Klimaveränderung neue oder früher hier heimische Tierarten in unsere Region zurückgekehrt. So wird das Rotwild, der Hirsch, wieder vermehrt im Aargau gesichtet. Weil die grossen Tiere jedoch erhebliche Schäden an Pflanzen und Bäumen anrichten, hat der Kanton stellenweise sogar Abschüsse angeordnet. Doch neben all den bekannten und teils heftig diskutierten Rückkehrern wie Luchs oder Wolf führt ein ganz anderer kleiner «Bär» die Liste der tierischen Herausforderungen an. Es ist der Waschbär.
Ursprünglich aus Nordamerika stammend, breitet sich dieses gebietsfremde Neozoon im Stillen im Forstrevier von Christian Siegrist aus. «Der Wald ist schliesslich kein Gehege im Tierpark Goldau», stellt der Revierförster klar. Waschbären lieben einen abwechslungsreichen Lebensraum: Wasser, dichte Bäume und reichlich Totholz bieten dem kleinen Kerl perfekten Unterschlupf und genügend Nahrung. Doch die Idylle täuscht, denn das Tier richtet im Wald und in Siedlungen enorme Schäden an.
Ausgewachsene Waschbären entpuppen sich als rücksichtslose Allesfresser. Sie fressen schlichtweg alles, was ihnen unter die handähnlichen Tatzen kommt, junge Vögel, Gelege in den Baumkronen, Amphibien, Aas oder den Abfall der Waldbesucher. Als geschickter Kletterer erreicht er selbst die entlegensten Nester und wird so zu einer ernsten Bedrohung für die Artenvielfalt.
Doch das Problem bleibt nicht auf das Dickicht beschränkt. Die maskierten Einwanderer entwickeln sich zunehmend zu einer furchtbaren Plage in Wohngebieten, wo sie sich in Häusern, Zwischenwänden und alten Estrichen einnisten. Der dort angerichtete Schaden an Isolation und Bausubstanz geht schweizweit längst in die Millionenhöhe. Neben der Dezimierung der Artenvielfalt im Unterholz ist dies eine der grössten Problematiken, mit denen der Forstbetrieb im Bereich der Neozoen heute zu kämpfen hat. Das Füttern von Wildtieren ist auch deshalb strengstens verboten, um diese Population nicht noch künstlich in die Nähe von Siedlungen zu locken.
Ein gefährliches Handwerk
Die Umsetzung dieser naturnahen Waldbewirtschaftung und Landschaftspflege liegt in den Händen der Forstwarte. Und dieser Beruf gehört statistisch gesehen zu den unfallträchtigsten Handwerken der Schweiz. Das Risiko ist in den letzten Jahren durch den Zustand der Bäume massiv gestiegen. Das Spektrum reicht von Zeckenbissen bis hin zu schweren Unfällen mit der Kettensäge.
Die grösste, unsichtbare Gefahr lauert heute jedoch in den Baumkronen. Durch extreme Trockenheit sterben Äste oft unbemerkt ab. «Das verlangt von unserem Team permanente Höchstkonzentration und kompromisslose Arbeitssicherheit», betont Siegrist. Da die Forstmitarbeiter zudem die allererste Anlaufstelle für die stetig wachsende Zahl an Waldbesuchern sind, erfordert der Job heute neben Muskelkraft auch ein enormes Mass an Toleranz und Kommunikationsgeschick im täglichen Dialog mit der Bevölkerung.
Das logistische Kunststück der vier Waldaufgaben
Dass der Wald all diese Herausforderungen meistern kann, regelt das Schweizer Waldgesetz in Artikel 77. Es schreibt vor, dass die vier Kernfunktionen des Waldes gleichwertig behandelt werden müssen: die Nutzfunktion (Holz als CO,-neutraler Rohstoff für die Holzindustrie), die Wohlfahrts- und Erholungsfunktion für die Bevölkerung, der Lebensraum für die Tierwelt sowie die Schutzfunktion (Schutz vor Erosion und Hochwasser).
Passend dazu hat der Kanton Aargau die flächendeckende Schutzwaldausscheidung abgeschlossen. Diese Wälder schützen Siedlungen und Verkehrsträger (wie etwa die Autobahn-Bremse bei Kölliken, die vor Wildunfällen mit Wildschweinen und Rothirschen schützt) gezielt vor gravitativen Naturgefahren. Dazu gehört auch, dass der Wald heute nicht mehr wie früher «gepützelt» wird. Äste, die nach Holzschlägen auf dem Boden liegen bleiben, sind keine Unordnung, sondern bringen wichtige Nährstoffe zurück in die Erde. Sie sind das Fundament des Lebensraums: Ein Hirschkäfer, der in den Totholzinseln lebt, benötigt von der Larve bis zum fertigen Käfer ganze acht Jahre.
Sektoren-Erfolg und starkes Vereinsnetzwerk
Wie wichtig die Unterstützung aus der Bevölkerung ist, zeigt sich beim Thema Neophyten. Christian Siegrist nutzt hier eine äusserst effektive Methode im Kampf gegen das invasive Einjährige Berufskraut: Engagierten Einzelpersonen wird fest ein bestimmtes Gebiet zugeteilt. In diesem eigenen Sektor übernehmen sie die Verantwortung und reissen die Problempflanzen regelmässig aus. «Der Erfolg ist für die Helfer sofort sichtbar. Die Erfahrungen mit dieser Bereichs-Aufteilung sind durchwegs positiv und äusserst effektiv», freut sich der Revierförster.
Überhaupt ist Siegrist voller Dankbarkeit, wenn es um das lokale Engagement geht. Er betont ausdrücklich die hervorragende und enge Zusammenarbeit mit den regionalen Naturschutzvereinen. Ohne diese wäre der Erfolg wie zum Beispiel bei der Ansiedlung der Gelbbauchunke und der Geburtshelferkröte kaum so erfolgreich.





