Ich sehe sie vor mir – das Gesicht, zur Sage passend, leicht gruselig zusammengezogen. Grosse und kleine Zuhörer hängen an ihren Lippen. Trotz strahlendem Sonnenschein fröstelt der eine oder andere bei ihrer Schilderung von Vollmond, Reiter und dem Geist einer traurigen ...
Ich sehe sie vor mir – das Gesicht, zur Sage passend, leicht gruselig zusammengezogen. Grosse und kleine Zuhörer hängen an ihren Lippen. Trotz strahlendem Sonnenschein fröstelt der eine oder andere bei ihrer Schilderung von Vollmond, Reiter und dem Geist einer traurigen Mutter. Brigitta Baumann-Suter machte Leutwil für die Gäste des Erzähltals 2015 unvergesslich und sagte doch hinterher ungespielt bescheiden: «Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen kommen.»
Ich habe damals als Journalistin über den Anlass berichtet. Dieser erste, bewusste Kontakt verlief positiv professionell. Und doch empfand ich Brigitta Baumann-Suter im Gespräch als vorsichtig, so als wolle sie erst einmal abwarten, ob ich verantwortungsvoll mit «ihrem Lüppu» umgehe. Ich hatte einige Chancen, sie von meiner wohlwollenden Haltung zu überzeugen. Wir trafen uns an Schulanlässen, Konzerten, Gemeindeversammlungen.
Schliesslich war sie Primarlehrerin in Leutwil gewesen und hat sich mehr als 20 Jahre im Gemeinderat engagiert.
Brigitta Baumann-Suter ist vor wenigen Tagen verstorben. Die Todesanzeige lässt mich betroffen zurück. Wann immer wir uns gesehen haben, wechselten wir ein paar Sätze. Aber aus gesundheitlichen Gründen musste ich meine journalistische Präsenz gut zwei Jahre sehr einschränken. Als wir uns 2022 an einer Gemeindeversammlung wiedertreffen, kommt sie mit den Worten «Schön, dass Sie wieder da sind» auf mich zu. Sie hat weder ihre eigene noch die Präsenz anderer über Gebühr zelebriert. Sie hat einfach gemacht, was ihr wichtig war und gewürdigt, was andere Menschen mit ihrem Engagement in Leutwil bewirkten.
Das konnte heissen, dass sie nach fachlichen Erklärungen zu offiziellen Traktanden der Gemeindeversammlung unter «Verschiedenes» mahnte: «Bitte behalten sie beim Entsorgen am Gemeindehof die Uhrzeit im Blick. Prüfen sie genau, was sie in welchen Container werfen.» Oder aber sie erinnerte die Menschen im Dezembertrubel daran, beim extra aufgestellten Christbaum auf dem Dorfplatz innezuhalten. 2022 klang das so: «Trotz aller Fragezeichen in Sachen Energieversorgung haben wir beschlossen, einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Er wird von 18 Uhr bis Mitternacht beleuchtet sein, selbstverständlich mit LED-Ketten.»
Wie sie ihren Blick auf das Leben formulierte, mochte da und dort ein Schmunzeln auslösen. Aber ihre Liebe zu Leutwil und seinen Menschen war immer das Zentrum ihres Wirkens. Ich bin dankbar, dass mein Beruf uns miteinander bekannt gemacht hat. All ihren Herzensmenschen wünsche ich viel Kraft. Für mich ist Brigitta Baumann-Suter nicht nur untrennbar mit Lüppu verbunden. Sie inspiriert mich, von Herzen echt zu sein, so wie sie es gewesen ist.
Graziella Jämsä