Manchmal entscheiden Minuten über Leben und Tod
09.07.2026 MenzikenDie angekündigte Neuausrichtung des Asana Spitals Menziken bewegt die Region weiterhin. Nachdem bekannt wurde, dass der Akutbetrieb eingestellt werden soll und damit rund die Hälfte der über 300 Arbeitsplätze wegfällt, melden sich zunehmend auch Mitarbeitende öffentlich zu Wort.
Zu ihnen gehört Rachel Da Costa Frade-Labhart, Pflegefachfrau auf der Notfallstation des Asana Spitals Menziken. Sie hat sich mit einem offenen Brief an die Redaktion des Wynentaler Blatts gewandt. Darin schildert sie ihre Sicht als langjährige Mitarbeiterin und Einwohnerin der Region. Sie macht deutlich, dass ihre Sorge nicht in erster Linie den Arbeitsplätzen gilt, sondern den Folgen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung.
Betrifft die Sicherheit und Versorgung einer ganzen Region
«Die geplante Schliessung des Asana Spitals Menziken ist mehr als eine betriebswirtschaftliche Entscheidung», schreibt sie. «Sie betrifft die Sicherheit und die Versorgung einer ganzen Region.»
Aus ihrer täglichen Arbeit auf der Notfallstation wisse sie, dass in medizinischen Notfällen oft jede Minute zähle. «Manchmal entscheiden Sekunden über Hoffnung oder Abschied», hält sie fest. Deshalb falle es ihr schwer zu akzeptieren, «dass wir unsere wohnortsnahe Gesundheitsversorgung Stück für Stück abbauen».
Diskussion von wirtschaftlichen Überlegungen geprägt
In ihrem Schreiben kritisiert Da Costa Frade, dass die öffentliche Diskussion stark von wirtschaftlichen Überlegungen geprägt sei. Aus ihrer Sicht müsse vielmehr die Frage gestellt werden, welchen Preis die Gesellschaft für den Verlust eines Regionalspitals bezahle.
Sie verweist darauf, dass bereits heute viele Zentrumsspitäler an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen. Überfüllte Notfallstationen, lange Wartezeiten und die hohe Belastung des Gesundheitspersonals gehörten längst zum Alltag. Würden weitere Regionalspitäler geschlossen, müssten noch mehr Patientinnen und Patienten in die Zentren ausweichen. Dadurch drohe sich die Situation weiter zu verschärfen.
Druck auf Ärzteschaft und Pflegefachpersonen wächst weiter
Die Folgen träfen nicht nur das Personal, sondern vor allem die Patientinnen und Patienten. Lange Wartezeiten auf medizinische Hilfe könnten zunehmen, während gleichzeitig der Druck auf Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachpersonen weiter wachse. Bereits heute leide das Gesundheitswesen unter Personalmangel und hoher psychischer Belastung. Die Schliessung weiterer Regionalspitäler verschärfe diese Entwicklung zusätzlich.
Auch für die Rettungsdienste erwartet die Pflegefachfrau Konsequenzen. Wenn Patientinnen und Patienten künftig weitere Wege bis zum nächsten Akutspital zurücklegen müssten, würden Rettungsmittel häufiger aufgeboten. Dadurch würden Ressourcen gebunden, die andernorts möglicherweise dringender benötigt würden.
Persönliche Erfahrungen aus dem Notfallbetrieb
Besonders eindrücklich schildert sie ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Notfallbetrieb. Mehrfach habe sie erlebt, wie entscheidend kurze Wege seien. «Auch ich habe Patienten behandelt, die es nicht rechtzeitig in ein Zentrumsspital geschafft hätten», schreibt sie. Die wohnortsnahe Versorgung habe in solchen Situationen Leben gerettet.
Als weiteres Beispiel nennt sie die regelmässig angespannte Lage während der Grippesaison. Schon heute seien Betten knapp, Patientinnen und Patienten müssten auf freie Kapazitäten warten oder in andere Spitäler verlegt werden. Gleichzeitig habe auch das Asana Spital Menziken immer wieder Patientinnen und Patienten aus Zentrumsspitälern übernommen, weil dort keine Betten mehr verfügbar gewesen seien. Deshalb stellt sie die Frage: «Wie soll diese Situation künftig bewältigt werden, wenn weitere Regionalspitäler wegfallen?»
Gesundheitssystem stösst rasch an Grenzen
Mit Blick auf mögliche künftige Krisen erinnert Da Costa Frade an die Erfahrungen während der Covid-19-Pandemie. Diese habe gezeigt, wie rasch das Gesundheitssystem an seine Grenzen gelangen könne und wie wichtig ausreichend Kapazitäten seien. Umso weniger könne sie nachvollziehen, dass nun genau jene Strukturen abgebaut würden, die in einer ausserordentlichen Lage erneut benötigt werden könnten.
Enttäuschung über Social-Media-Kampagne
Neben den gesundheitspolitischen Fragen äussert die Notfallpflegefachfrau auch Kritik am Umgang mit den Mitarbeitenden. Nach ihren Informationen sei die geplante Schliessung intern bereits seit Januar bekannt gewesen. Gleichzeitig sei das Spital mit einer Social-Media-Kampagne als attraktiver Arbeitgeber beworben worden. Dies habe bei vielen Mitarbeitenden Enttäuschung ausgelöst und den Eindruck mangelnder Transparenz hinterlassen.
Kampf für die Menschen in der Region
Trotz allem betont sie, dass der Widerstand vieler Mitarbeitender nicht aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz entstehe. «Nicht, weil wir um unsere Arbeitsplätze fürchten», schreibt sie. «Viele von uns werden ohne Probleme einen neuen Arbeitsplatz finden. Wir kämpfen für die Menschen in unserer Region.»
Dabei nennt sie beispielhaft Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt, Kinder mit Atemnot oder ältere Menschen nach Stürzen, für die eine rasche medizinische Versorgung entscheidend sein könne. Gerade das Wynental mit rund 40’000 Einwohnerinnen und Einwohnern sei auf ein wohnortsnahes Notfallangebot angewiesen.
Appell an die Öffentlichkeit
Zum Schluss richtet die Pflegefachfrau einen Appell an Politik, Gemeinden, Medien und Bevölkerung. Gesundheit dürfe nicht ausschliesslich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien beurteilt werden. Hinter jeder Statistik stehe ein Mensch. Deshalb fordert sie, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die medizinische Versorgung der Region langfristig zu sichern.
Ihr Brief endet mit einer Frage, die sich wie ein roter Faden durch ihre Argumentation zieht: «Wie viele Regionalspitäler müssen noch schliessen, bevor wir erkennen, dass Gesundheit keine Ausgabe, sondern eine Investition in die Sicherheit und das Wohlbefinden unserer Bevölkerung ist?» Und sie schliesst mit den Worten: «Manchmal entscheiden Minuten über Leben und Tod. Hoffen wir, dass wir diese Minuten niemals vermissen werden.»
Roland Marti



