Oklahoma – der Tornadostaat
23.04.2026 Suhren-/Rueder-/UerkentalDie Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Diesmal gibt sie ...
Die Suhrentalerin Noemi Nater ist für ihr Studium zeitweilig nach Amerika gezogen. Sie nimmt ihre Leser mit auf die Reise und berichtet über Eindrücke und Erlebnisse. Spannende Vergleiche zu ihrer Heimat Suhrental lassen die Unterschiede deutlich werden. Diesmal gibt sie einen Einblick, wie es ist in einem Tornado-Staat zu wohnen und was das für die Menschen vor Ort bedeutet.
Bevor ich an meine Universität in Oklahoma gewechselt bin, versuchte ich mich durch Recherchen auf den neuen Staat vorzubereiten. Dabei stiess ich auf den Begriff «Tornado-Staat»… Das löste doch etwas Unbehagen in mir aus! Jedoch wurde ich bald von Einheimischen beruhigt, die meinten, dass sie äusserst selten wirklich gefährliche Tornados hätten.
Auf die leichte Schulter genommen
So startete ich nicht sonderlich besorgt in mein Oklahoma-Abenteuer und hatte für einige Monate auch nicht wirklich etwas mit Tornados zu tun. Der einzige Hinweis waren lange Zeit nur die wöchentlichen Sirenentests. Logisch – die Tornado-Saison beginnt hier ja auch erst im April. Dennoch bereitet man sich schon einige Monate im Voraus darauf vor – so auch hier an meiner Universität. Gleich an meinem ersten Schultag wurde ich von verschiedenen Leuten daran erinnert, die App SafeZone herunterzuladen. Über diese App würden wir Alarme bekommen, falls ein Unwetter im Anmarsch wäre. Auch wurde bereits im Februar ein Tornado-Drill durchgeführt. Dieser wurde uns angekündigt, sodass wir nicht in Panik geraten würden. Wobei wir also wirklich sehr weit von Panik entfernt waren! Die meisten Studenten und Lehrer nahmen es gelassen und während gut die Hälfte der Leute sich gar nicht erst in den Shelter begaben, hielten auch einige Lehrer ihre Schüler noch für die letzten zehn Minuten im Klassenzimmer fest, um den Unterricht zuerst zu beenden. Ob dieser Tornadotest somit wirklich hilfreich war, wage ich zu bezweifeln.
Reale Warnung
Anfangs März kam dann der erste Ernstfall. Bereits im Laufe des Tages redete man von einer möglichen Tornadowarnung am Abend. Als dann beim Abendessen unsere Handys zu vibrieren begannen, hätten die Reaktionen nicht unterschiedlicher sein können. Während einige sofort ihre Sachen packten und die Mensa verliessen, um zur Bibliothek – dies ist der Schutzraum – zu gehen, blieben andere gemütlich sitzen und assen zuerst fertig. Schliesslich kamen jedoch Mitarbeiter der Universität und forderten auch die übrigen Leute auf, den Anweisungen zu folgen. So verliessen auch wir die Cafeteria und gingen zurück zu den Dorms, wo wir einige Dinge packten. Draussen hatte der Wind zugenommen und mit der drückenden Wärme und den Wolken, die sich auftürmten, herrschte eine ominöse Stimmung.
Im Shelter angekommen, setzten wir uns auf den Boden und redeten miteinander, während einige sich an Hausaufgaben machten und viele den Sturm im Fernsehen mitverfolgten. Dabei entdeckte ich ein kurioses Detail:
Jede Person, die in Oklahoma aufwächst, hat einen Lieblingsmeteorologen! So kann man wählen, ob man einen Meteorologen haben möchte, der das Ganze etwas zu ernst nimmt, man aber dafür auf der sicheren Seite ist, oder ob man den Sturm gelassen nehmen möchte und dafür möglicherweise weniger sicher ist. So kann es sein, dass man je nach Fernsehkanal einen ganz anderen Sturm erlebt als zum Beispiel die Person im Nachbarhaus!
Dass dies, so lustig es auch klingt, jedoch kein Spiel ist, zeigte sich 2013 in einer besonders starken Tornadosaison. So wurde mir erzählt, dass ein Fernsehmeteorologe seine Zuschauer anwies, Oklahoma City zu verlassen und in den Süden zu fahren, solange man noch könne. Da viele diesem Aufruf folgten, blieben etliche im Verkehr stecken und kamen so ums Leben. Dies zeigt anschaulich die grosse Verantwortung, die Meteorologen in solchen Situationen tragen. Glücklicherweise ist es schon länger her, dass ein Tornado hier in der Region so schwere Folgen hatte. So waren auch wir bei meinem ersten Tornadoalarm nach etwa einer halben Stunde wieder draussen. Während für mich dieser Abend doch ziemlich aufwühlend war, empfanden ihn viele andere eher als unspektakulär.
Keine zehn Minuten entfernt
Das änderte sich anfangs April, genauer gesagt am Karfreitag, schlagartig. Während wir weit entfernte Blitze an jenem Abend beobachteten, gingen plötzlich die Sirenen los. Obwohl es bis dahin noch gar nicht geregnet hatte, gingen wir, um sicher zu sein, in unseren Zimmern eine Regenjacke holen. Als wir jedoch eine Minute später wieder aus dem Haus kamen, schüttete es wie aus Eimern, und wegen des starken Windes regnete es beinahe horizontal. Wir rannten so schnell es ging in Richtung Bibliothek, möglichst ohne in den sich schnell bildenden Wasserlachen auszurutschen! Ich bereute, dass ich eine lange Hose angezogen hatte, denn als wir endlich im Trockenen ankamen, war alles, was nicht von meiner Regenjacke bedeckt war, komplett durchnässt. Dieser Tornado ging keine zehn Minuten von unserer Universität entfernt durch und als wir nach etwas über dreissig Minuten wieder hinausdurften, war es immer noch am Regnen. So wateten wir durch die Gehwege, die sich in kleine Bäche verwandelt hatten, zurück zu unseren Dorms und hofften, dass wir in dieser Nacht nicht nochmals durch Sirenen geweckt werden würden.
Auch wenn wir bisher erst zweimal den Shelter aufsuchen mussten, habe ich doch schon so einiges gelernt. Zum einen sind natürlich das Handy und eine Regenjacke Must-Haves. Je nach Dringlichkeit kann man sich aber auch einen Rucksack packen. Dabei haben Reisepass und Wasserflasche Priorität, während Dinge wie mein Laptop, eine Powerbank oder Snacks zwar wichtig, aber nicht unbedingt notwendig sind.
Auch wenn ich Tornados noch nicht als so normal betrachte, wie dies viele Oklahomaner tun, beginne auch ich mich daran zu gewöhnen. Und da es aussieht, als müssten wir diesen April noch einige Male die Bibliothek rennen, bin ich möglicherweise schon bald ein Profi beim Rucksackpacken!
Noemi Nater



