Prävention statt behördliche Massnahmen

  25.06.2026 Region

Elf Gemeinden im Bezirk Kulm wollen gemeinsam eine regionale Jugend- und Familienberatung aufbauen. Nach der rund zweieinhalbjährigen Projektphase stehen nun die politischen Entscheide an. Bis Ende August sollen die beteiligten Gemeinderäte darüber befinden, ob sie das Vorhaben ihren Gemeindeversammlungen zur Genehmigung vorlegen wollen. Bei einer Zustimmung könnte die neue Fachstelle 2027 ihre Arbeit aufnehmen.

Nicht immer ist der erste Platz in einer Rangliste erstrebenswert. So beispielsweise «ziert» der Bezirk Kulm die Spitze der Aargauer Tabelle der hohen Quoten an behördlich angeordneten Kindesschutzmassnahmen. Gemäss den präsentierten Zahlen wurden 2024 im Bezirk 56,61 Kindesschutzmassnahmen pro tausend Kinder registriert. Der kantonale Durchschnitt lag bei 31,97 Fällen. Noch deutlicher fällt der Vergleich mit Bezirken aus, die bereits über eine Jugend- und Familienberatung verfügen: In Muri wurden 24,11, in Zofingen 25,47 und im Bezirk Laufenburg lediglich 14,29 Fälle pro tausend Kinder verzeichnet.

Handlungsbedarf ist angezeigt. An einer Medienorientierung im Gemeindehaus Reinach erläuterten die Projektleiter Peter Walz, ehemaliger Gemeindeschreiber von Reinach, und der Zetzwiler Vizeammann Jürg Neuenschwander die Hintergründe des Vorhabens. Beteiligt sind die Gemeinden Beinwil am See, Birrwil, Dürrenäsch, Gontenschwil, Leimbach, Menziken, Reinach, Schlossrued, Schmiedrued, Teufenthal und Zetzwil.

Für Peter Walz sind die Unterschiede zwischen den Bezirken kein Zufall. Entscheidend sei die Möglichkeit, Familien frühzeitig und freiwillig zu unterstützen, bevor behördliche Eingriffe nötig würden. Er verwies auf die Erfahrungen im Bezirk Laufenburg, wo der Anteil gesetzlich angeordneter Fälle von 52,9 Prozent im Jahr 2015 auf 20,6 Prozent im Jahr 2024 gesunken sei.

Freiwillige Prävention ist günstiger

Walz unterschied dabei zwischen freiwilligen Beratungen und gesetzlich angeordneten Massnahmen. Letztere würden vom Familiengericht verfügt und verursachten deutlich höheren Aufwand. Während ein gesetzlicher Fall durchschnittlich 25 bis 30 Arbeitsstunden pro Jahr beanspruche, seien es bei einer freiwilligen Beratung rund fünf Stunden. «Das ist ein Faktor fünf bis sechs», rechnete Walz vor.

Die geplante Fachstelle soll als niederschwellige und freiwillige Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Einzelpersonen, Paare und Familien dienen. Vorgesehen sind Familien- und Erziehungsberatung, Jugendberatung, Kriseninterventionen sowie Unterstützung bei Fragen rund um Kindeswohlgefährdungen.

Eine Lücke schliessen

Jürg Neuenschwander betonte, dass die JFB keine Konkurrenz zu bestehenden Angeboten sei. Vielmehr solle sie eine Lücke im Bezirk schliessen und als Brückenbauerin zwischen Familien und spezialisierten Fachstellen wirken. «Uns fehlt ein Puzzleteil, das andernorts bereits funktioniert, und das sich dort auch auszahlt.» Ziel sei es, Probleme möglichst früh zu erkennen und dadurch kostspielige behördliche Kindesschutzmassnahmen zu vermeiden. Gleichzeitig könnten Schulen, Sozialdienste, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden sowie Gerichte entlastet werden.

Von viel Erfahrung profitieren

Die beiden Projektleiter bringen eine Menge Erfahrung mit. Peter Walz war 38 Jahre lang Gemeindeschreiber in Reinach, und Jürg Neuenschwander leitet als Vizeammann die Ressorts Bildung, Jugend, Schule in der Gemeinde Zetzwil. Zur Steuergruppe gehörenweiter Frau Gemeindeammann Renate Gautschy aus Gontenschwil, Frau Vizeammann Jacqueline Widmer aus Beinwil am See, Gemeindeammann Jules Giger aus Reinach und Gemeinderat Thomas Pierrehumbert aus Schmiedrued. Unterstützt wird das Projekteam von verschiedenen Fachpersonen aus den Bereichen Sozialarbeit, Schulpsychologie und Mütter- und Väterberatung.

In den abgegebenen Unterlagen kommen verschiedene Exponentinnen und Exponenten zu Wort. Yvonne Thöni-Faes vom Bezirksgericht Kulm bezeichnet die geplante Stelle als wichtige niederschwellige Anlaufstelle, die dazu beitragen könne, Eskalationen zu verhindern. Sandra Wey von der Jugend- und Familienberatung Laufenburg hob die Bedeutung einer frühzeitigen, verbindlichen Unterstützung hervor, die Kinder sowie Familien stärkt.

Organisiert als Verein

Auch die Finanzierung war Thema der Medienkonferenz. Gemäss Jürg Neuenschwander erhalte das Projekt vom Jugendfürsorgeverein einen Beitrag von 100’000 Franken. Die den Gemeinden präsentierten Kosten belaufen sich dadurch auf 22.40 Franken pro Einwohner und Jahr statt der ursprünglich kalkulierten rund 30 Franken. Ein Gesuch beim Lotteriefonds des Kantons Aargau sei zudem derzeit noch hängig.

Neuenschwander verwies auf die möglichen Einsparungen durch Prävention. Eine Fremdplatzierung eines Kindes koste rund 500 Franken pro Tag beziehungsweise über 180’000 Franken pro Jahr. Könnten durch die Arbeit der Fachstelle jährlich vier oder fünf solcher Platzierungen verhindert werden, seien die Betriebskosten bereits gedeckt, kalkulierte er.

Geplant ist die Organisation der Jugend- und Familienberatung in Form eines Vereins. In einer ersten Phase sollen die Kosten nach Einwohnerzahl auf die Gemeinden verteilt werden. Später soll zusätzlich die Anzahl der betreuten Fälle berücksichtigt werden. Der Aufbau der neuen Fachstelle ist schrittweise vorgesehen. Nach der Gründung müssen eine Leitungsperson angestellt, geeignete Räumlichkeiten gefunden und das Personal etappenweise aufgebaut werden.

Man dürfe nicht nur die Kosten in die Überlegungen miteinbeziehen, mahnte Renate Gautschy. In erster Linie gehe es um die Kinder, die Jugendlichen und ihre Familien, die mit der JFB früher Hilfe erhielten. Und es gibt eine ganze Reihe von Instanzen, die direkt oder indirekt von der Schaffung einer Jugend- und Familienberatung profitieren würden: Schulen, Schulsozialarbeit, Sozialdienste, Familiengericht, Mütter- und Väterberatung und der Schulpsychologische Dienst könnten allesamt entlastet werden.

«Es braucht laufend Überzeugungsarbeit»

Ob die regionale Jugend- und Familienberatung tatsächlich geschaffen wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten in den beteiligten Gemeinden. Offen ist auch der Standort der zukünftigen Anlaufstelle. Die Projektverantwortlichen sind überzeugt, dass sich die Investition langfristig sowohl gesellschaftlich als auch finanziell auszahlen wird. «Es braucht laufend Überzeugungsarbeit», sagte Jacqueline Widmer in der Fragerunde. Wohl wahr: In diesen Monaten in den Gemeinden, damit das Schiff Wasser unter den Kiel bekommt und später bei den betroffenen Jugendlichen und Familien, damit sie sich trauen, das neue Angebot anzunehmen.

Roland Marti


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