«Regionalspitäler wird es auch in Zukunft geben»
25.06.2026 Region, AargauJean-Pierre Gallati (59), Landstatthalter und Gesundheitsund Sozialdirektor des Kantons Aargau, berichtet im Gespräch mit René Fuchs mit engagierter Stimme von den Herausforderungen seines Amtes, der aktuellen Lage und den Zukunftsaussichten in dieser besonderen Zeit. ...
Jean-Pierre Gallati (59), Landstatthalter und Gesundheitsund Sozialdirektor des Kantons Aargau, berichtet im Gespräch mit René Fuchs mit engagierter Stimme von den Herausforderungen seines Amtes, der aktuellen Lage und den Zukunftsaussichten in dieser besonderen Zeit.
Weshalb wollten Sie 2019 Regierungsrat im Kanton Aargau werden?
Nach zehnjähriger Tätigkeit im Grossen Rat, am Ende meiner Zeit als SVP-Fraktionschef, ergriff ich die Chance, vom Parlamentsbetrieb in die Exekutive zu wechseln. Denn als Regierungsmitglied kann man viel mehr erreichen, als wenn man einer von 140 Grossrätinnen und Grossräten ist. Die Gelegenheit ergab sich für mich überraschend, denn zuvor hatte ich das Amt nicht angestrebt. Und im Alter von 52 Jahren passte es nach meinem Berufsleben als Rechtsanwalt bestens für mich.
René Fuchs
In diesem Jahr sind Sie Landstatthalter des Kantons Aargau. Was bedeutet Ihnen dieses Amt?
Als Landstatthalter, das heisst als Stellvertreter des Landammanns, ist der Unterschied zur normalen Tätigkeit als Regierungsrat nicht gross. Anders wird es im nächsten Jahr als Landammann sein. Die Vorfreude, dieses Ehrenamt das zweite Mal inne haben zu dürfen, ist gross.
Seit Ihrem Amtsantritt im Dezember 2019 erlebte der Kanton Aargau vier grosse Krisen: Pandemie, Ukraine-Krieg mit Flüchtlingswelle, Energiemangel und Rettungsaktion des Kantonsspitals Aarau. Welches war für Sie die grösste Herausforderung?
Die grösste Herausforderung, wie für uns alle, war die Covid-19-Pandemie. Für mich als Gesundheitsdirektor, wie generell für die Politik, war es Neuland mit ungeahnten Folgen. An zweiter Stelle folgt das Kantonsspital Aarau, das scharf am Konkurs vorbeigeschrammt ist. Es war anspruchsvoll, innert angemessener Zeit 240 Millionen Franken zu organisieren, um das Überleben des KSA zu sichern. Nicht minder herausfordernd ist seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine die erfolgte Flüchtlingswelle. Momentan leben rund 6000 Ukraineflüchtlinge im Kanton Aargau. Zudem zeigt dieser Krieg in Europa, dass wir unser Land nicht verteidigen könnten. Unsere Armee wurde kaputtgespart. Die Verteidigungsfähigkeit muss dringend aufgebaut werden. – Bei der Energiemangellage hatten wir das Glück, ungeschoren davonzukommen, obwohl die Gefahr immer noch latent besteht.
Vom Bundesrat fordern Sie, die Schweizer Entwicklungshilfe radikal umzustellen. Inwieweit?
Vom Bundesrat fordere ich vier Dinge: Erstens, dass der Bund seine Asylverfahren innert 140 Tagen durchführt. Zweitens, dass das Bundesverwaltungsgericht seine Verfahren innert sechs Monaten abschliesst. Drittens müssen Ausreisepflichtige nach Negativentscheiden unser Land schnell verlassen. Und viertens, das ist die wichtigste Forderung, dass man Geflüchtete, die aus unseren Nachbarstaaten in die Schweiz einreisen, wieder dorthin zurückschickt. Auch gilt es, die Entwicklungshilfe in den Ländern zu streichen, die keine abgewiesenen Flüchtlinge zurücknehmen.
Sie sprechen von einer Notlage im Asylbereich. Welches Bild zeigt die aktuelle Lage im Kanton auf?
Es ist nicht so, dass ich als Sozialdirektor allein von einer Notlage spreche. Der Gesamtregierungsrat hat am 11. Januar 2023 die Notlage im Asylwesen wegen der Überlastung in den Bereichen Unterbringung, Betreuung, Beschulung und Sicherheit ausgesprochen. Die Situation ist seither nicht besser geworden. Die Flüchtlingszahl ist von 6000 auf 10’000 Personen gestiegen. Unterkünfte bleiben Mangelware und ihre Planung und Eröffnung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.
Und wie sieht die situative Herausforderung im Wynental aus?
Im Bezirk Kulm sind 670 Personen vor allem in Familienunterkünften untergebracht. 56 Prozent davon sind Ukrainerinnen und Ukrainer mit dem Status S. Durch die Schliessung der grossen Unterkunft in Wettingen per Ende Mai sind viele neue Familien in kurzer Zeit hauptsächlich nach Menziken umgezogen. Mittlerweile hat sich die Lage wieder entspannt. All den Gemeinderäten, den Lehrpersonen, den Betreuenden und den Einwohnerinnen und Einwohnern im Bezirk Kulm bin ich sehr dankbar, dass es so gut funktioniert.
Familienbedingte Armut in der Bevölkerung ist nicht selten. Was unternehmen Sie, um Familien in prekären Situationen zu helfen?
Den wesentlichen Anteil leisten die Gemeinden mit der Elternschaftsbeihilfe, Alimentenbevorschussung und Inkassohilfe, Beiträgen an die Kinderbetreuung und durch die Sozialhilfe. Der Kanton stellt Ergänzungsleistungen zur Verfügung, falls Familien in Konstellationen mit IV/AHV-Renten stehen und diese nicht ausreichen. Weiter zahlt er eine Kinderzulage von 225 Franken pro Kind und eine Ausbildungszulage von 278 Franken pro Kind. Die Beträge sind höher als sie im Familienzulagengesetz des Bundes vorgegeben sind. Auch zahlt der Kanton bis zu 500 Millionen Franken (davon über 300 Millionen Franken vom Bund) an individuelle Verbilligungen von Krankenkassenprämien und unterstützt mit Stipendien und Darlehen Personen, die ihre Ausbildung nicht allein finanzieren können.
Der Suchtmittelkonsum soll laut «der Suchtstrategie des Kantons Aargau 2030» aus öffentlichen Bereichen verlagert werden. Aber wohin?
Die Suchtstrategie, die der Regierungsrat im Dezember 2025 verabschiedet hat, setzt die Schwerpunkte bei der Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Weil die öffentlichen Räume schnellstmöglich entlastet werden müssen, habe ich entschieden, die schadensmindernden Angebote wie Gassenküchen, Drug Checking und Konsumräume voranzutreiben. Die Süchtigen sollen in begleiteten Institutionen ein warmes Essen, saubere Utensilien und Aufenthaltsräume erhalten, sodass sie sich nicht auf Spielplätzen oder Bahnhöfen aufhalten müssen. Wir sind daran, geeignete Immobilien zu suchen. Wichtig zu wissen: Die Angebote werden geführt und beaufsichtigt.
Welche spezifischen Angebote sollen suchtgefährdeten und -betroffenen Jugendlichen im Wynental zur Verfügung stehen?
Die Suchtprävention Aargau führt verschiedene Referate zum Umgang mit digitalen Medien an diversen Schulen durch, z.B. in Dürrenäsch, Gontenschwil und Zetzwil. Auch werden Workshops für Eltern von risikofreudigen Jugendlichen angeboten und die Suchtberatungsstellen der Aargauischen Stiftung Suchthilfe ags stehen in Aarau, Lenzburg und Wohlen suchtbetroffenen Jugendlichen sowie ihren Eltern zur Seite. Wichtig sind auch die Angebote der Suchtmedizin: Die Klinik im Hasel führt in Lenzburg ein Ambulatorium, das seit Kurzem auch Jugendliche ab 16 Jahren medizinisch betreut. Auch das Zentrum für Abhängigkeit (ZAE) betreut Jugendliche ab 16 Jahren, meist konsiliarisch in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) der PDAG.
In der Gesundheitsversorgung steht die Hausarzt- und Kinderarztmedizin besonders im Fokus. Wie soll es gelingen, genügend Allgemeinmediziner zu finden?
Vergessen Sie die Psychiater nicht. Diese fehlen uns auch. Mit der Praxisassistenz und dem Hausarzt-Mentoring haben wir im Kanton Aargau zwei wichtige Instrumente, um den Hausarztberuf zu fördern. Kurz gesagt: Der Kanton zahlt das Arztsalär von 50’000 Franken für ein halbes Jahr bei einem 100-Prozent-Pensum, wenn sich jemand entscheidet, in einer Haus- oder Kinderarztpraxis zu arbeiten, um den Facharzttitel zu erlangen. Auch die Mentoren unterstützen wir finanziell. Mit dem Inkrafttreten des Tarifs «Tardoc», seit dem 1.1.2026 auf Bundesebene eingeführt, erhoffen wir uns, dass Haus- und Kinderärzte und Psychiater mehr verdienen. Im Gegenzug sollen die wesentlich höheren Löhne von Radiologen, Urologen, Gastroenterologen bis zu Chirurgen sinken. Tragischerweise haben wir eine der tiefsten Hausärztedichten in der Schweiz. Sorgen bereitet mir, dass das Pensum eines pensionierten Hausarztes oft nur von drei jungen Berufskolleginnen und -kollegen, die Teilzeit arbeiten, gedeckt werden kann. Zudem stammen zwei Drittel des neuen Arztpersonals aus dem Ausland.
Haben Regionalspitäler, die eine wichtige Rolle in der medizinischen Versorgung spielen, neben dem Kantonsspital eine Zukunft?
Wir setzen auf die Regionalspitäler. Sie werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der stationären Grundund der erweiterten ambulanten Versorgung innehaben; wo nötig in Kooperation mit den Zentrumsspitälern.
Konkret: Wird das Asana Spital Menziken auch weiterhin vom Kanton Aargau unterstützt und gefördert?
Der Kanton Aargau bezahlt allen Spitälern die stationären Spitalkosten in der Höhe von 55 Prozent. Vielen ist das nicht bekannt! Zusätzlich sprachen wir dem Asana Spital Menziken 2025 einen GWL-Beitrag von 296’370 Franken zu. Er beinhaltete die ärztliche Weiterbildung, die universitäre Lehre sowie Nachdiplomstudiengänge.
Die Babyboomer-Jahrgänge erreichen das Pensionsalter. Altersbedingt wird es in den kommenden Jahren mehr Pflegeplätze und Pflegende brauchen. Sind wir darauf vorbereitet?
Kurz gesagt: Es handelt sich nicht nur um ein Problem der Babyboomer-Jahrgänge. Die Zahl älterer Menschen in der Schweiz wird auch danach weiter zunehmen. In den nächsten zehn Jahren rechnen wir nach den neusten Hochrechnungen im Aargau mit einem zusätzlichen Bedarf von rund 1500 Pflegebetten. Um die ambulanten und stationären Pflegestrukturen zu entlasten, braucht es eine wirksame Alterspolitik in den Gemeinden. Sie haben die Planungshoheit inne. Das bedeutet, nicht nur genügend Pflegebetten zu haben, sondern Angebote wie Mahlzeiten- und Fahrdienste, um am sozialen Leben teilnehmen zu können, anzubieten. Im Fokus steht, dass Seniorinnen und Senioren länger selbstständig bleiben können.
Worauf freuen Sie sich besonders, im nächsten Jahr zum zweiten Mal Landammann des Kantons Aargau zu sein?
Ich freue mich, wie schon 2023, als Landammann an Gemeindejubiläen und Volks- und Schützenfesten teilnehmen zu dürfen, verschiedene Betriebe zu besuchen und mit den Menschen im ganzen Kanton zu sprechen. Ein besonderer Höhepunkt wird für mich das 1000 Jahre-Jubiläum des Klosters Muri sein.
Ihr politisches Amt ist neben der Würde auch sprichwörtlich viel Bürde. Wo und wie holen Sie die Kraft dazu?
Mit viel Bewegung zu Fuss und auf dem Mountainbike.
Bitte ergänzen Sie den Satz: Als Landstatthalter des Kantons Aargau…
freue ich mich auf das nächste Jahr als Landammann.
Herzlichen Dank für das Gespräch
ZUR PERSON
Jean-Pierre Gallati (59) ist in Waltenschwil aufgewachsen. Nach dem Besuch der Alten Kantonsschule in Aarau schloss er das Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Zürich mit dem Lizenziat ab. 1994 erlangte er das Anwaltspatent im Kanton Aargau. 2005 wurde er für die SVP in den Einwohnerrat seiner Wohngemeinde Wohlen gewählt. 2009 folgte die Wahl in den Grossen Rat und 2019 in den Nationalrat. Seit dem Dezember 2019 steht er als Aargauer Regierungsrat dem Departement Gesundheit und Soziales vor. Jean-Pierre Gallati ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.

