Schulsozialarbeit ‒ warum sie heute dazugehört
15.10.2026 Gemeindeverband aargauSüdEin fiktiver Schultag zeigt, weshalb wir als Schulsozialarbeitende für Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und Lehrpersonen eine wertvolle Anlaufstelle sind.
07.45 Uhr. Der Schultag hat noch nicht lange begonnen, und schon wartet die erste Geschichte. Ein ...
Ein fiktiver Schultag zeigt, weshalb wir als Schulsozialarbeitende für Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und Lehrpersonen eine wertvolle Anlaufstelle sind.
07.45 Uhr. Der Schultag hat noch nicht lange begonnen, und schon wartet die erste Geschichte. Ein neunjähriges Mädchen steht vor der Bürotür. Es hat zu Hause Gewalt erlebt, ist verzweifelt und weiss nicht mehr weiter. Später sucht ein Jugendlicher aus der Oberstufe das Gespräch mit uns. Ihn beschäftigt ein Konflikt und dass er von ehemaligen Kollegen plötzlich ausgeschlossen wird. Eine Lehrperson wendet sich an uns, weil sie eine neue Perspektive im Umgang mit einem Schüler sucht, welcher immer wieder den Unterricht stört. Und eine Mutter weiss nicht mehr, wie sie ihr Kind unterstützen kann, weil es morgens kaum noch zur Schule gehen möchte. Später geht es um Sorgen eines Vaters um sein Kind.
Viele Geschichten an einem Tag – für diese Kolumne erfunden, aber nah an unserem Alltag in der Schulsozialarbeit. Für rund 3000 Schülerinnen und Schüler der umliegenden Primarschulen, sowie 1000 Jugendlichen der Oberstufe der Kreisschule aargauSüd ist unser Team der Schulsozialarbeit da. Wir beraten Kinder, Jugendliche und Eltern, unterstützen Lehrpersonen, begleiten Klassen und leisten Präventionsarbeit.
Früher gab es uns vielerorts nicht, heute gehören wir dazu
Kinder hatten auch früher Sorgen, wurden ausgegrenzt oder litten unter familiären Belastungen. Doch eine professionelle Anlaufstelle direkt im Schulhaus fehlte vielerorts. Heute wissen wir: Lernen und soziale Entwicklung gehören zusammen. Wer belastet ist, kann sich oft nur schwer auf den Unterricht konzentrieren. Wir ergänzen die Schule deshalb um eine eigenständige sozialarbeiterische Perspektive. Wir fragen nicht nur, was ein Kind tut, sondern auch, was es beschäftigt, welche Gründe hinter seinem Verhalten stehen und welche Unterstützung es braucht.
Wir verstehen uns als eigenständige Fachstelle im Lebensraum Schule: Wir sind nahe genug, um den Alltag zu kennen, und eigenständig genug, um Situationen unabhängig zu betrachten. Wir sind weder Unterrichtsinstanz noch Kontrollstelle. Wir vermitteln, hören zu, stärken, vernetzen und unterstützen. Wir begegnen Kindern, Eltern und Lehrpersonen allparteilich. Das bedeutet, dass wir unterschiedliche Sichtweisen ernst nehmen, ohne jedes Verhalten gutzuheissen oder bei Grenzverletzungen wegzuschauen.
Vertrauen braucht Vertraulichkeit
Wir gestalten unsere Beratung grundsätzlich freiwillig und niederschwellig. Wer Hilfe sucht, soll keine unnötigen Hürden überwinden müssen. Wir unterstehen den geltenden Datenschutzbestimmungen und der Schweigepflicht. Informationen geben wir nicht einfach weiter. Wo gesetzliche Pflichten bestehen, oder eine ernsthafte Gefährdung ein Handeln verlangt, orientieren wir uns an den entsprechenden Schutzwegen.
Diese Eigenständigkeit ist für unsere Arbeit entscheidend. Als vertrauenswürdige Anlaufstelle können wir Türen öffnen und Gespräche ermöglichen, die sonst vielleicht nicht stattfinden würden. Doch nicht jedes Problem ist ein Fall für die Schule. Manchmal genügt ein Gespräch, manchmal braucht es eine längere Begleitung oder die Unterstützung einer spezialisierten Fachstelle. Wir ersetzen weder die Verantwortung der Eltern noch den Bildungsauftrag der Lehrpersonen. Wir ergänzen bestehende Angebote, vermitteln zwischen unterschiedlichen Perspektiven und helfen, tragfähige Lösungen zu finden.
Der Erfolg unserer Arbeit ist dabei nicht immer sichtbar. Vielleicht gelingt es uns, eine Eskalation zu verhindern. Vielleicht wagt ein Jugendlicher erstmals, mit uns über seine Sorgen zu sprechen. Vielleicht gewinnt eine Familie durch unsere Unterstützung neue Zuversicht.
Wir verstehen Schulsozialarbeit nicht als Zeichen dafür, dass Kinder schwieriger, Eltern weniger kompetent oder Lehrpersonen überfordert wären. Vielmehr zeigt unsere Arbeit, dass wir als Schule auch das soziale Miteinander und die unterschiedlichen Lebenslagen der Kinder und Jugendlichen ernst nehmen.
«Gemeinsam stark» – das Motto der Kreisschule aargauSüd ist auch ein Leitgedanke unserer Arbeit. Denn wir sind überzeugt: Eine Schulgemeinschaft wird nicht dadurch stark, dass alle ihre Herausforderungen allein bewältigen. Sie wird stark, wenn Menschen einander zuhören, Verantwortung übernehmen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Dazu möchten wir als Schulsozialarbeitende unseren Beitrag leisten: Wir begleiten, stärken und unterstützen, damit Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen Herausforderungen gemeinsam angehen können.
Manchmal beginnt Veränderung mit einer offenen Tür und einer einfachen Frage: «Was beschäftigt dich – und was brauchst du, damit es für dich weitergehen kann?» Denn gemeinsam stark zu sein bedeutet für uns auch, niemanden mit seinen Sorgen allein zu lassen.
Nadja Voramwald
Leitung Schulsozialarbeit
Kreisschule aargauSüd



