Stoff, der verbindet
24.09.2026 Boniswil«Kleider machen Leute – Trachten im Berner Aargau» – so lautete der Titel der Veranstaltung am vergangenen Sonntag. Im stimmungsvollen Gewölbekeller versammelten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher, um in die Welt der Trachten einzutauchen. Verschiedene ...
«Kleider machen Leute – Trachten im Berner Aargau» – so lautete der Titel der Veranstaltung am vergangenen Sonntag. Im stimmungsvollen Gewölbekeller versammelten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher, um in die Welt der Trachten einzutauchen. Verschiedene Frauen erzählten persönliche Geschichten und Erinnerungen, die sie mit den traditionsreichen Kleidern verbinden.
Nicht selten werden Trachten von Generation zu Generation weitergegeben. So steckt hinter jedem Stoff auch ein Stück gelebte Geschichte. Während im Gewölbekeller noch die morgendliche Frische spürbar war, trafen langsam die ersten Sonnenstrahlen durch die offenstehenden Tore und erwärmten nach und nach das alte Gemäuer. Ein stimmungsvolles Stück auf dem Spinett unterstrich die gediegene Atmosphäre und bot eine melodische Ergänzung zu den gesprochenen Worten.
Ein Herzenswunsch geht in Erfüllung
Eine dieser Geschichten handelte von Helene: «Die Bibel fiel fast auseinander. Also verstärkte Helene den Umschlag mit Bildern, die sie darauf klebte. Eines dieser Bilder war eine Frau in einer Simmentaler Tracht. Ihr Traum war es, selbst einmal eine solch wundervolle Tracht zu besitzen. Doch schien es ein Traum zu bleiben, denn die qualitativ hochwertigen Trachten hatten ihren Preis.
Plötzlich entdeckte sie in einer Zeitung ein Inserat: Tracht abzugeben. Sie meldete sich bei der Frau und probierte das traditionelle Kleidungsstück an. «Es passt wie angegossen.» Voller Begeisterung übernahm sie die Tracht, da stellte sie zur Verwunderung fest, dass es die gleiche Tracht ist wie auf ihrem Bild. «Gott sieht auch die unausgesprochenen Wünsche», erfreute sie sich.
Tradition muss nicht altbacken sein
Zur Veranschaulichung zierten verschiedene Trachten die aufgestellten Büsten im Gewölbekeller. Darunter war auch ein Mutz. Der Mutz ist eine traditionelle, kurzarmige Männertrachtenjacke, meist in schwarzem Samt. Das Besondere an diesem ausgestellten Kleidungsstück ist jedoch, dass Karotten aufgestickt sind, wo sich normalerweise Blumen zieren. So wirft der Karottenmutz viele Fragen auf: Waren diese für die Aarauer Rüeblitage? Wann entstanden diese? Gehörten die Rüeblimutze zu einem Jungenchor? Fragen, welche bis heute noch keine Antwort gefunden haben. Doch sicher ist, ein Mutz war lange den Männern vorbehalten, während die Frauen in ihren Trachten sich nach mehr Bewegungsfreiheit sehnten. So kam es, dass die Frauen eines Trachtenvereins dies änderten und sich entschlossen, zu unkonventionellen Anlässen den Mutz zu tragen.
Denn auch wenn die Tracht und der Mutz fester Bestandteil der Schweizer Tradition sind, sollte auch die Tradition manchmal ein Stück mit der Moderne mitgehen, um den Erhalt zu wahren. Dieser Meinung ist die Trachtenschneiderin Salome Baumann. Sie hat ihr Nähatelier in Boniswil und war diejenige, welche zusammen mit der historischen Vereinigung Seetal diesen Anlass plante. «Um die Tradition zu erhalten, muss das Kleidungsstück angepasst werden», erzählt die Schneiderin.
Auf dem Vorplatz hat sie eine moderne Version einer Tracht zur Veranschaulichung bereitgestellt. «Die Tracht sollte bequemer werden.» Dazu gehöre die Stoffwahl ebenso dazu wie auch der Schnitt. «Bei dieser modernen Version ist die Tracht aus zwei Teilen. Dem Oberteil, welches keine Stäbe mehr zur Verstärkung hat und einem Rock. So kann für traditionelle Anlässe ein langer Rock angezogen werden und zu einem Trauffer Konzert darfs dann auch mal ein kürzerer sein», erklärte Salome Baumann. Ebenso sei der Schnitt filigraner und taillierter. «Früher war die Taille einer Frau weiter oben als heute», fügte sie hinzu.
Durch die variablen Tragemöglichkeiten wird das Kleidungsstück auch kostengünstiger. Mit verschiedenen austauschbaren Elementen wird so aus einer Werktags- eine Sonntagstracht oder mit edlen Stickereien sogar eine Festtagstracht. Das neu entworfene Exemplar macht nicht nur deutlich, dass Salome Baumann ihr Handwerk versteht, sondern auch die Wichtigkeit, dass Tradition manchmal eine Erneuerung braucht, um sie nicht aussterben zu lassen.
Ob im Gespräch mit der kompetenten Schneiderin oder beim Austausch über die persönlichen Erinnerungen der Erzählerinnen – beim anschliessenden Apéro boten die prachtvollen Trachten reichlich Gesprächsstoff. Dabei wurde deutlich: So manches Kleidungsstück hat mehr zu erzählen, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Janine Flückiger


