«Wir haben ein Umsetzungsproblem»
16.04.2026 RegionIm Herbst 2025 wurden in der Wyna erhöhte Werte von Deltamethrin festgestellt. In einer Interpellation stellten Politikerinnen und Politiker dem Aargauer Regierungsrat mehrere grundlegende Fragen zur Pestizidbelastung in den Aargauer Gewässern.
Zu Beginn dieses ...
Im Herbst 2025 wurden in der Wyna erhöhte Werte von Deltamethrin festgestellt. In einer Interpellation stellten Politikerinnen und Politiker dem Aargauer Regierungsrat mehrere grundlegende Fragen zur Pestizidbelastung in den Aargauer Gewässern.
Zu Beginn dieses Jahres sorgten die erhöhten Pestizidwerte in der Wyna schweizweit für Nachrichten. Im Kanton Luzern wurde eine viel zu hohe Konzentration von Deltamethrin nachgewiesen, welches für die Bekämpfung des Rapserdflohs eingesetzt wird. Während Messungen im September und Oktober war der höchst gemessene Wert 7,3 Nanogramm pro Liter. Das ist rund 4200-mal zu hoch. Der Schwellenwert liegt bei 0,0017 Nanogramm pro Liter. Aufgrund dieser Messwerte überreichten diverse Aargauer Politikerinnen und Politiker, unter ihnen Matthias Betsche (Grossrat und Geschäftsführer Pro Natura Aargau), im Januar dem Regierungsrat eine Interpellation. Die Antworten auf die 19 Fragen liegen nun vor.
Jedes Jahr wird ein grösseres Gewässer und dessen Einzugsgebiet im Rahmen des kantonalen Fliessgewässer-Monitorings untersucht. Die Wyna war 2024 an der Reihe und zeigte schon damals bei verschiedenen Pestiziden deutliche Überschreitungen. Dies wird aus einer Tabelle in der Antwort des Regierungsrats ersichtlich. Weiter führt der Regierungsrat an, dass Pestizid-Untersuchungen für die Wyna und deren wichtige Seitengewässer durch ein regionales Monitoring vorliegen.
«Über die hohe Konzentration von Deltamethrin in der Wyna im Herbst 2025 hatte der Kanton Luzern den Kanton Aargau vor Bekanntwerden der Belastung durch die Presse nicht informiert. Im Rahmen der Diskussion mit dem Kanton Luzern über die Deltamethrinbelastung in der Wyna brachte der Kanton Aargau das Anliegen vor, über erhöhte Belastungen in Gewässern, die in den Aargau fliessen, frühzeitig informiert zu werden», schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort.
Ein Augenschein vor Ort
Matthias Betsche war am letzten Wochenende selbst an der Wyna und nahm gemeinsam mit Fischern einen Augenschein. Unter der Wasseroberfläche fehle zunehmend, was ein Gewässer eigentlich trägt, meint Betsche. «Wir beobachten seit Jahren, dass es immer weniger Makrozoobenthos und andere Kleintiere im Wasser hat. Das sind die Tiere, von denen sich die Fische ernähren. Wenn diese Grundlage wegbricht, verschwinden irgendwann auch die Fische – und mit ihnen Arten wie der Eisvogel», sagt Dominic Bieri, langjähriger Fischer und Pächter in dritter Generation des Fischereireviers Wyna 114. Der Fischbestand nehme ab, fügt Bieri an. «Die Gewässer sind unsere Lebensgrundlage. Ohne sauberes Trinkwasser und funktionierende Gewässer geht es nicht», betont auch André Gautschi, langjähriger Fischer an der Wyna.
Warum wird nicht öfter gemessen? ist eine Frage, die nicht nur die Wyna betrifft. «Eine permanente Überwachung des 3000 km langen Fliessgewässernetzes wäre mit einem enormen Aufwand verbunden, falls überhaupt machbar», schreibt der Regierungsrat. Zudem sei das Ziel des Monitoringkonzeptes grundlegende Probleme zu erkennen und gemeinsam mit den Akteuren nach Lösungen zu suchen. Bei Messungen, die Gewässer betreffen, die in oder aus Nachbarkantonen fliessen, werden diese Kantone einbezogen, schreibt der Regierungsrat weiter.
Der Hallwilersee
Die Interpellation wollte auch wissen, ob es eine systematische Untersuchung der Pestizidbelastung im Hallwilersee gibt. «Seit 2006 werden regelmässig Pestizidanalysen durchgeführt», schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort. Mit dem Bau des Seewasserwerks zur Trinkversorgung wurde zudem die chemische Qualität des Seewassers untersucht. Es gäbe nur eine für die Trinkwassernutzung relevante Belastung, die ein weiteres Monitoring erfordere. Die Hauptabbauprodukte des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil, welche die Ursache der erhöhten Werte sind, können jedoch durch die mehrstufige Aufbereitung des Seewassers durch die Wasserversorgung Meisterschwanden entfernt werden.
Massnahmen gefordert
Aktuell erarbeitet der Regierungsrat eine kantonale Wasserstrategie, in die neben den Bedürfnissen des Menschen auch jene der Natur und Umwelt einfliessen. «Der Gewässerschutz hat im Wasserkanton Aargau einen hohen Stellenwert.»
Für Betsche zeigt sich deutlich: «Wir haben kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.» Deswegen wird er einen Vorstoss einreichen, der den Vollzug im Gewässerschutz gezielt stärken soll. Ziel des Vorstosses sei es, Überschreitungen systematisch abzuklären, Eintragspfade besser zu identifizieren und Massnahmen verbindlich umzusetzen. Ausserdem wünscht er sich eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Kantonen, insbesondere bei grenzüberschreitenden Gewässern wie der Wyna.
Melanie Köchli

