«Wir müssen unsere Finanzen stabilisieren»
01.10.2026 Wynental, GränichenDie gute Nachricht vorneweg: Wer im Jahr 2025 6000 Franken Steuern bezahlte, wird auch im Jahr 2027 in etwa 6000 Franken bezahlen. Grund dafür ist die Senkung der Kantonssteuern. Die beantragte Erhöhung der Gemeindesteuern von 111 auf 121 Prozent frisst die kantonale Senkung ...
Die gute Nachricht vorneweg: Wer im Jahr 2025 6000 Franken Steuern bezahlte, wird auch im Jahr 2027 in etwa 6000 Franken bezahlen. Grund dafür ist die Senkung der Kantonssteuern. Die beantragte Erhöhung der Gemeindesteuern von 111 auf 121 Prozent frisst die kantonale Senkung auf, ist aber dringend notwendig.
Der Steuerfuss der Einwohnergemeinde Gränichen soll per 2027 von 111 auf 121 Prozent steigen. Das hat der Gemeinderat in einer am Mittwoch einberufenen Medienkonferenz bekannt gegeben. Eine mögliche und sogar wahrscheinliche Anhebung war schon an der Sommer-Gmeind angekündigt worden. Per Ende 2025 bestand zwar noch ein Nettovermögen, doch seit zwei Jahren reichen die Erträge nicht mehr aus, den Aufwand zu decken. Die Rechnung 2025 schloss mit einem Defizit von rund 1,28 Millionen Franken ab und auch für das Jahr 2026 ist von einem negativen Ergebnis auszugehen.
Zuerst wollte man aber noch einmal über die Bücher, um nach Sparmöglichkeiten im Budget 2027 zu suchen. Das ist gelungen: Von einem erwarteten Minus von 3,56 Millionen Franken, ist man auf den Wert von Minus 1,36 Millionen gekommen. «Die ganz grossen Einsparungen machen wir beispielsweise beim Liegenschaftsunterhalt, den wir auf das Nötigste reduzieren», erklärte Beat Rölli, der seit einem halben Jahr Finanzverwalter der Gemeinde ist. So liege der reguläre Unterhalt gemeindeeigener Liegenschaften bei rund 2 Millionen Franken, man werde dafür aber nur 600’000 Franken zur Verfügung haben. «An über 300 Budgetposten wurde geschraubt, keine Abteilung wurde verschont», sagte Rölli und nannte etwa die reduzierten Öffnungszeiten der Bibliothek oder Einsparungen im Bereich der Informatik. Der Finanzverwalter betonte, dass die Budgetbereinigung in enger Zusammenarbeit mit der Finanzkommission angegangen worden sei.
«An manchen Kostenstellen lässt sich aber gar nichts machen», ergänzte Gemeindeammann Andreas Fetscher. Der Verwaltungsaufwand der beispielsweise bei Einwendungen zu Baugesuchen entsteht, nimmt stark zu. In diesem Zusammenhang wünscht sich Andreas Fetscher, dass «Nachbarn wieder mehr miteinander reden und eine Lösung suchen, statt Arbeit und Kosten der Gemeinde abzugeben.» Aber auch intern fallen Kosten an, die bezahlt werden müssen: Die Abteilung Bau und Planung beispielsweise, wird aufgrund fehlendem Fachpersonal von einer externen Stelle betreut, was sehr teuer ist.
Ebenfalls stark steigend ist der sogenannte «Transferaufwand», also weitgehend gebundene Zahlungen an den Kanton oder andere Gemeinwesen. Diese nahmen gegenüber dem Budget 2026 um über 2 Millionen Franken zu und belasten das Budget inzwischen mit 18,76 Millionen Franken. In diesem Bereich sieht Fetscher den Kanton in der Pflicht. «Die rasant steigenden Kosten im Bereich der Pflegerestfinanzierung, im Sozialsystem und in der Bildung liegen 2,1 Millionen Franken über dem Betrag vom Vorjahr und können von den Gemeinden nicht mehr lange getragen werden.» Als Beispiel nennt der Gemeindeammann den Schutzstatus S, der für ukrainische Flüchtlinge aufgehoben werden soll. In diesem Fall müssten die Gemeinden für die Kosten aufkommen.
Eine Steuererhöhung, die streng genommen keine ist
Der Mechanismus ist offensichtlich: Der Kanton tritt Zuständigkeiten ab und senkt die Steuern, die Gemeinden müssen für neue Kosten aufkommen und die Steuern erhöhen. Zählt man Kantons- und Gemeindesteuern zusammen, bezahlt der Steuerpflichtige im Jahr 2027 zwar etwa gleich viel Steuern wie im Jahr 2025. Das ist für Gemeinden, die schon heute einen hohen Steuerfuss haben, ein Schlag ins Gesicht: Die Attraktivität als Wohnort oder Firmensitz leidet, Investitionen und Unterhalt müssen zurückgestellt werden. «Die kantonale Finanzpolitik darf nicht dazu führen, dass Gemeinden ihre Steuerfüsse laufend erhöhen müssen, um kaum beeinflussbare Kosten decken zu können», so Fetscher.
«Erst mit der Erhöhung der Gemeindesteuern sei es demnach möglich, den eigenen Finanzhaushalt ausgeglichen zu gestalten und damit zu stabilisieren», wie Gemeindeammann Fetscher unterstreicht. «Ohne Anpassung, oder mit einer geringeren Erhöhung, bleiben wir in den roten Zahlen und unser Handlungsspielraum wird noch kleiner». Und genau diesen Handlungsspielraum brauche eine Gemeinde, um attraktiv zu bleiben. Die Frage, ob man aus heutiger Sicht den 2-Millionen-Beitrag an das Strassenbauprojekt «Veras» lieber gespart hätte, verneint der für die Finanzen zuständige Gemeinderat Beat Steiner. «Veras ist für Gränichen enorm wichtig. Die Erreichbarkeit wird verbessert, wir werden als Wohnort und für Firmenstandorte interessant, was uns langfristig sehr nützen wird.»
Andreas Fetscher, Beat Rölli und Beat Steiner nahmen sich viel Zeit, die Lage den beiden Medienvertretern zu erläutern und dennoch ist es unmöglich, alle Details in einem Zeitungsbericht unterzubringen. Aus diesem Grund wird der Gemeinderat die Bevölkerung am 26. Oktober − kurz vor dem Versand der Einladung zur Gemeindeversammlung − zu einem Informationsanlass einladen und sich den Fragen stellen. «Wir müssen uns der aktuellen Lage bewusst sein», hält Andreas Fetscher abschliessend fest. «Mit dem vorgeschlagenen Budget gehen wir das aktuelle strukturelle Finanzproblem an. Wir schaffen eine solide Basis, um künftige Herausforderungen angehen zu können.» Der Gemeindeammann meinte damit etwa den geplanten Schulcampus, der wohl eine weitere Steuererhöhung nötig macht.
Remo Conoci

