«Wir wollen ein faires Konsultationsverfahren»
03.09.2026 Wynental, MenzikenNach der Medienkonferenz stellten sich der Zentralsekretär im Verband des Personals öffentlicher Dienste VPOD sowie die Spitalangestellten Nadine Dellsperger und Mudar Sawad den Fragen des Wynentaler Blatts. «Das Personal», das bisher aus Selbstschutz immer anonym ...
Nach der Medienkonferenz stellten sich der Zentralsekretär im Verband des Personals öffentlicher Dienste VPOD sowie die Spitalangestellten Nadine Dellsperger und Mudar Sawad den Fragen des Wynentaler Blatts. «Das Personal», das bisher aus Selbstschutz immer anonym blieb, hat damit erstmals ein Gesicht.
Roman Künzler, Nadine Dellsperger und Mudar Sawad. Wenn man Ihre Forderungen liest, wollen Sie einerseits das Spital retten und andererseits einen Sozialplan aushandeln. Passt das zusammen?
Künzler: «Die Schliessung, wie sie bisher vollzogen wurde, ist formell nicht richtig. Das gesetzlich vorgeschriebene Konsultationsverfahren war eindeutig ungenügend. Es gab weder genügend Zeit noch die notwendigen Informationen, um Vorschläge zu machen, wie das Regionalspital und die Arbeitsplätze gerettet werden können. Das ist eine wichtige Forderung, an der wir festhalten wollen. Sollte das nicht klappen, muss ein guter Sozialplan mit dem Personal ausgehandelt werden, auch das ist bisher nicht passiert.»
Um das Spital retten zu können, müssten viele, die gegangen sind, zurückkommen. Ist das realistisch?
Dellsperger: «Wenn wir die Sache rumreissen, bin ich sicher, dass viele zurückkommen. Wir sprechen hier von vielen älteren Mitarbeitenden, die nicht einen einstündigen Arbeitsweg zurücklegen möchten, die in einem kleinen Spital arbeiten und nicht eine Nummer in Aarau oder Baden sein wollen. Das Drumherum muss in ihr Leben passen.»
Sprich: Zurück auf Feld 1
Künzler: «Richtig. Der Betrieb ist wie bisher weiterzuführen, bis das Konsultationsverfahren abgeschlossen ist. Es gibt viele bessere Möglichkeiten für die knapp 50’000 Menschen im Wynental. Ein ambulantes Zentrum mit einem richtigen Notfall und Rettung beispielsweise.»
Lässt sich das juristisch durchsetzen?
Künzler: «Man muss schon sehen, kein Gericht kann das Spital zwingen, den Betrieb weiterzuführen, das wäre wenn schon, ein politischer Entscheid. Ein Gericht kann aber Entschädigungen aussprechen, und wir würden unseren Mitgliedern empfehlen, diesen Weg zu gehen.»
Sie sprechen von 5 Millionen Franken für einen Sozialplan-Fonds, Entschädigungen, Weiterbildungen, Frühpensionierungen und Härtefallregelungen. Woher soll dieses Geld kommen?
Künzler: «Das Spital Menziken hat bisher seine Vermögensverhältnisse nicht offengelegt. Nicht einmal den Jahresbericht 2025 hat das Personal erhalten. Wir hören von offenen Darlehen an das Asana Spital in Leuggern in Millionenhöhe und Aktienkäufen. Die Asana Menziken AG gehört der Asana Gruppe, die hat Vermögen. Dazu kommt der Spitalverein, dem das Land und die Gebäude gehören, auch da müssen genügend Mittel zur Verfügung stehen. Auch der Kanton zahlt immer wieder Subventionen, wieso sollte man das Geld nicht auch für das Personal aufbringen. Wenn man es wirklich will, bringt man sicher einen würdigen Sozialplan hin.»
«Zeitweise wurde in unserem Spital Geld aus dem Fenster geworfen» ‒ Leistungen und Medikamente wurden nicht abgerechnet.»
Nadine Dellsperger,
Angestellte Spital Menziken
Dellsperger: «Zeitweise wurde in unserem Spital Geld aus dem Fenster geworfen, teils für uns utopische Summen für temporär angestelltes OP-Personal, für den Bau von Privatzimmern. Gleichzeitig ging man auf Vorschläge des Personals nicht ein. Im Gegenteil, es hiess immer, es sei kein Geld da.»
Können Sie dies «Geld aus dem Fenster werfen» konkretisieren?
Dellsperger: «Im März 2026, zwei Wochen vor Bekanntwerden der Schliessung, als die Verantwortlichen und die Politik von der Schliessung schon wussten, wurden für das ganze Haus neue Drucker, neue Laptops, neue Bildschirme angeschafft.»
Sawad: «Auch neues Geschirr und Kaffeemaschinen für die Caféteria wurden angeschafft. Im Februar hat man Chefärzte eingestellt mit einer Kündigungsfrist von sechs Monaten, obwohl man gewusst hat, dass das Spital schliessen wird.»
Während der Medienkonferenz war die Rede von Abrechnungen, die nicht richtig gemacht wurden. Können Sie das erläutern?
Dellsperger: «Wenn wir einen Katheter setzen, Blut nehmen, eine Leistung erbringen, hat das einen Preis. Normalerweise wird das notiert und abgerechnet. Im Spital Menziken aber oft nicht. Auch Medikamente wurden teilweise nicht abgerechnet.»
Wer hat das angeordnet?
Dellsperger: « Man hat uns gesagt, es sei nicht nötig, das abzurechnen.»
Ich muss nachhaken: Wer hat das angeordnet?
Dellsperger: «Unsere Leitung.»
Dann richtet sich Ihre Kritik auch an die frühere Leitung.
Künzler: «Gundsätzlich ist es der Verwaltungsrat, der Entscheidungen absegnen muss, der ist seit 2019 der gleiche.»
Dellsperger: «Ich würde das nicht auf eine Person reduzieren. Es sind beschlossene Sachen vom Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung kann solche Beträge nicht ohne den Segen oder der Anweisung der Verwaltung ausgeben. Ich bin jetzt nicht Witschaftsprofessor, aber das hätte man doch sehen müssen, dass Einnahmen und Ausgaben nicht passen.»
Sie sagen, Leistungen wurden nicht abgerechnet. Warum sollte man so vorgehen?»
Künzler: «Ich glaube nicht, dass das jemand versteht. Das berichten alle. Sie können fragen, wen sie wollen. Teure Leistungen, zum Teil auch sehr teure Leistungen wurden scheinbar nicht abgerechnet.»
Werden Sie in dieser Hinsicht juristisch vorgehen?
Künzler: «Unsere Geschichte ist, dass wir einen Sozialplan möchten. Wir sind nicht Investigativreporter, das können Sie übernehmen. Unsere Botschaft ist, dass unser Personal stinkehässig ist und jetzt um einen Sozialplan oder den Erhalt der Leistungen kämpft. Aber natürlich tragen Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung juristisch die Verantwortung fürs Geschäftsgebah-
Sie stellen sich ins Schaufenster, warum gehen Sie den unbequemen Weg?
Sawad: «Schauen Sie, ich war an der Info, als man uns über die Schliessung informierte. Ich war einer der Letzten, die gegangen sind und habe Herrn Staub und die Leute vom LUKS gesehen, wie sie gelacht haben ohne Ende. Ich frage mich, wie das sein kann, während draussen Leute weinen.»
«Ich habe Herrn Staub und die Leute vom LUKS gesehen, wie sie gelacht haben.»
Mudar Sawad,
Leitender Arzt Anästhesie, Spital Menziken
Fassen wir zusammen. Es gibt drei Aspekte: Eine emotionale Komponente, die wirtschaftliche Lage und die kommunikative Ebene. Was könnte aus Ihrer Sicht der realistischste Fall sein, der nun eintritt?
Dellsperger: «Für uns ist es wichtig, dass man das mit Respekt und fair abschliesst, dass man die harten Fälle anschaut und fragt: wo kann man helfen. Es geht uns nicht um Geschenke, es geht nicht um Abfindung, wie bei grossen Firmen, sondern dass die Leute Zeit haben, sich neu zu orientieren, sich einen gleichwertigen Job suchen, den sie mit Familie und eigener Gesundheit nachgehen könne. Die Stimmung momentan ist katastrophal, es ist ein Megadurcheinander. Die Kommunikation ist gleich null, heute so, morgen so. Jeder ist gestresst, weil er zu Hause die Kinder fünfmal organisieren muss oder schauen muss, welchen Dienst man überhaupt hat, weil das ständig wechselt. Das sind Zustände, die nicht schön sind. Wir hatten eine gute Zeit, wir waren ein Team, haben uns wohl gefühlt und niemand will das in einem Krieg auseinander bringen. Wir sollen fair sein, dann sollen sie es doch auch sein und klar kommunizieren. Aber wenn man sie anspricht, sagen sie, sie hätten keinen Plan. Und wenn jemand nicht kommt, wird er gekündigt. Das geht doch nicht.»
«Wir sollen fair sein, dann sollen sie es doch auch sein und klar kommunizieren.»
Nadine Dellsperger,
Angestellte Spital Menziken
Künzler: «Unsere Forderungen sind realistisch. Wir versuchen, dass auch die politisch Verantwortlichen noch einmal über die Bücher gehen. Dem Ganzen muss mehr Zeit gegeben werden. Wir haben einen Scherbenhaufen und wir müssen jetzt an einen Tisch sitzen und eine Lösung finden. Was sicher realistisch sein muss, dass ein guter Sozialplan ausgehandelt wird. Das hat das Personal, das sich seit Jahrzehnten für die Bevölkerung im Wynental aufgeopfert hat, mehr als verdient.»
Dellsperger: «Uns sagte man, dass es einen Sozialplan gibt. Aber dafür muss doch ein Betrag zur Verfügung stehen. Wo ist dieses Budget? Wo ist der Sozialplan eingerechnet? Es muss doch einen Weg geben, den Betrag x bekannt zu geben, den man gemeinsam fair aufteilt. Im Moment können sie uns nicht mal die Kriterien sagen, was ein Härtefall ist und was nicht. Sie wimmeln uns einfach ab.»
Künzler: «Eine Personalkommission gibt es seit zwei, zweieinhalb Jahren nicht mehr.»
Warum nicht?
Dellsperger: «Sie wurde aufgelöst, weil sie nicht genutzt wurde.»
Künzler: «Dafür gibt es aber eine Pflicht, bei einem Betrieb ab 50 Angestellten. Rechtlich ist es klar, dass mit den Delegierten der Belegschaft, die gewählt wurden, Verhandlungen aufgenommen werden müssen.»
Interview: Remo Conoci
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